Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-03-04 · Heft 10 (4.3.1848) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 10 (4.3.1848)
Date
1848-03-04
Page
Seite 76 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360537--6302-3533940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

76 bendern Gottesdienst, mit Choralgesang und deutscher Predigt, emzuführeu? Noch nicht an der Zeit, den alten Sauerteig wegzuwerfen, und das Neuere und Bessere anzunehmen? No ch «ich t an der Zeit? Wie? — Doch nein I das könnt ihr nicht glauben, denn dazu besitzt ihr zu viel Intelligenz und zu viel Erfahrung.' Wenn irgendwo, so weiß man in L. was Noth t h u t, wenn irgendwo in unserer Provinz, so weiß man dort, was die Gegenwart von den Gemeinde!: Israels fordert. Und dennoch zögert man? Und dennoch läßt man ein Jahr nach dem andern unnütz verstreichen. Und dennoch legt man die Hände in den Schooß, sieht müfsig den Kämpfen zu, so in andern Gemeinden, wie Gnesen, Krotoschin re., um des Bessern willen geführt werden, und bleibt gleichgiltig und nnaugeregt, wenn es kund wird, daßaus jenen Kämpfen doch endlich diejenigen, welche, das Bessere wollten, siegreich hervorgegangen. Und warum? Haltet ihr etwa eure Gemeinde noch nicht reif, ein neues, modernes Gewand anzulegen? O auf dieser Stufe .war sie längst,^ war sie vielleicht schon am Anfänge dieses Jahrhunderts. — Oder scheut ihr das geringe Häuflein der Stabilen? Blicket nach Kro- Lofchin,' und ihr werdet sehen, wie ein orthodoxer Rabbi sich dicht neben, einem aufgeklärten Vorsteher an dem neueingerichteten, zeitgemäßen Gottesdienste wahrhaft erbaut-oder blickt meinetwegen nach Gnesen, und ihr werdet sehen, wie auch, wenn die Orthodoxen gänzlich daheimbleibcn, das Gotteshaus nicht teer steht und an Würde durchaus keinerr Verlust erleidet. — Oder fürchtet ihr euch etwa vor einer ähnlichen Partei, wie die war, welche vor einigen Jahren gegen das Abbrmgen des Schulklopfens opponirte?^ — Nein! solche Feigheit können und wollen wir den Lisfacrn durchaus nicht znmuthen. — WaS aber ist es denn , das sie zurückhält? — Lieber Leser l Wir glauben" den Grund gefunden zu haben, und wir wollen ihn Dir nicht verschweigen. Ob aber die Lissaer in Deinen Augen gerechtfertigt erscheinen werden, das müssen wir dahingestellt sein lassen. So wie Israel überhaupt durch Pietät und Humanität von je sich ausgezeichnet, so gab und giebt es in Israel selbst wiederum gewisse Gemeinden, in deren Mitte sich diese Tugenden noch ganz besonders stark ausgeprägt haben, und daß Lissa eine von diesen Gemeinden ist, wird Jeder einräumen, der nur je Gelegenheit gehabt, dasselbe etwas mehr als oberflächlich fcmtcn zu lernen. Und nun ist das Räthstl gelöst. Man scheut und fürchtet in L. nicht die Orthodoxie; man will sie nur 2) Wenn Schmiegel und Storchnest deutsche Predigten vertragen können, so wird sich Liffa an diesem modernen Gerichte gewiß nicht mehr den Magen verderben. 3) JeneAntinichtschulklopferparte: war nicht, wie Manche glauben mögen, aus orthddoxen Motiven, sondern einzig und allein aus der „Sucht'zu oppornren" hervorgegangen. schonen; man will den Alten keinen Aerger verursachen* — aus reiner Pietät, aus aufrichtiger Humanität. Und darum begnügt man sich mit dem Status-quö. — Und so bringt man den wenigen Alten ein Opfer auf Unkosten der zahlreichen, blühenden Jugend, auf Unkosten der neuen Generation,^ die, den wurmstichigen Apfel verwerfend, eine gesunde Frucht vom Baume der Erkenntniß fordert, und sie zn fordern in vollem Maaße berechtigt ist. — Nächstens mehr über diese Angelegenheit. — W. Desterre ich. Nikolsburg, 1 Febr» Um Sie zu überzeugen, daß die fegenSvotte Wirksamkeit unseres würdigen Landrabbincrs bereits zum Durchbruche gekommen ist und -die Gnade des Herrn die mährischen Gemeinde!: zu erleuchten beginnt, überschicke ich Ihnen folgendes Pastoralschrciben, das an alle Gemeinde!: ergangen ist. Gott segne unfern L.Rabbiucr, damit die- Synagogen rein werden! Also spricht * unser frommer Ländcsrnbbiner: n"n IttTPH ‘‘ISHpD l Bnpö.*i ip'm 'M n!?n , nm t^ppo xh Mit diesen Worten mahnt uns das heilige Gotteswort. und das Wort der Weifen b"l , nie die Achtung vor unsem Gotteshäusern aus der: Augen zn vertieren, und ihnen stets diejenige Ehrfurcht zn bewahren, die sie altem daH werden können, was sie uns werden sollen >GtnpD, Gottesheitigthünier, uns zn heiligen und zu weihen, uns über alles Unheilige und Uugöttliche zu erheben, und mit seiner Heiligkeit unser ganzes Leben zn durchdringen, gerne hat daher der Landesrabbiner aus den Berichten der ehrw. Rabbiner und ehrst Vorstände ersehen, daß dieselben und die ihrer Leitung au- 4) Wenn auch vorauszusehen, daß die Alten (wie in Kr. und anderswo) sich dann auch in die Nothwendigkeit fügen würden, so ist'doch mit noch weit größerer Gewißheit zu erwarten, daß es vorher große Aergerniffe setzen würde, und 'diese sind es eben, welche man den lieben Alten ersparen will. 5) Wenn diese das Gotteshaus besucht, so will sie sich darin erbauen. Hierzu ist aber der alte Jargon durchaus nicht geeignet. Auch will unsere Generation in der Synagoge durch das lebendige Wort, von der Kanzel herunter, darüber belehrt werden, was der Israelit als solcher und was er als Mensch gegen Gott, gegen sich selbst und gegen seinen Mitmenschen zu erfüllen hat. Und dann muß ein zeitgemäßer Prediger angestellt werden und dieser allsabbatlich oder wenigstens alle 14 Tage einen öffentlichen Vortrag halten. Würde in £. dieserhalb eine Konkurrenz eröffnet, so ist mit Gewißheit zu erwarten, daß sich nur große und anerkannte Talente melden werden. Einen Rabbiner auszunehmen wäre überflüssig. Denn der würdige und fromme Oberdajan, Herr H. I. Abarbanel und seine Kollegen sind talmudisch gründlich genug gebildet, um in den allerschwierigsten kasuistischen Fällen entscheiden 'zu können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.