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Der Orient · 1848-03-04 · Heft 10 (4.3.1848) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 10 (4.3.1848)
Date
1848-03-04
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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75 wenige* unserer Gemeinden von dem Baume der Erkeuntuiß gekostet, so steht man doch schon eine ganze Masse von ihnen die Hände darnach ansstrccken, und da, wo leider noch die Hände gebunden, sieht man lüsterne und sehnsüchtige Blicke nach der erhabenen Frucht richten , und da , wo der Zelotismus noch so weit geht, -daß man den Emporwollenden Sand irr die Augen streut, um sie gewaltsam zu verblenden, Hort man doch wenigstens mit den Füssen stampfen und mit den Zähnen knirschen, was ein Zeichen ist, daß die Maltraitirten, wenn sie sich selber auch (noch) nicht helfen können, zum wenigstens, das bereits morsch gewordene Philistergebäude einzustürzen, beschlossen haben. — Noch ist es weiter Nichts, als ein buntes Gemisch von auftauchenden und - verschwindenden Gestalten und Umständen, so sich bei der Betrachtung unserer Gemeinden dem Auge des Beobachters darbietet; Nichts ist vollendet, Alles im Werden. Und mitten durch dieses Chaos von Embryonen donnert die Stimme der Zeit unablässig ihr gewaltig mahnendes „Vorwärts"! Feiglinge erschrecken und werden bleich. Die Andern aber steuern muthig dem Ufer entgegen — unb sie werden es' erreichen; denn hinter dem Donnerrufe des Jahrhunderts vernimmt man auch die sanfte Stimme eines tröstenden Genius, der da spricht: ,,Nur rüstig ans Werk; cs wird anders werden, denn es muß ja anders werden!" — Verzeihe uns lieber Leser, diese kurzeAbschweifung! Wir konnten sie uns nicht versagen, und -daher Dir nicht ersparen. Jetzt wollest Du mit uns wieder nach der Gemeinde zurückkehren, mit welcher wir unfern heutigen Bericht begonnen haben, und mit welcher wir denselben auch zu schließen gedenken, nämlich nach Lissa. — Diese Gemeinde ist nicht nur eine mit vor: den größten und wichtigsten im. ganzen Großherzogthume, sondern sie verdient sogar noch allen diesen, sa selbst der ersten unserer Geineinden, nämlich Posen, in mehr denn Einer Beziehung vorgezogen zu werden. ES giebt — und das kann und wird Niemand in Abrede stellen — in der ganzen Provinz, von der Brahe bis zurOrla und von der Prosna bis zur faulen Obra, keine Gemeinde mit mehr Intelligenz, als die von Lissa, und so viel Sinn für das Gute und Schöne, wie dort, dürfte auch anderswo nicht so leicht gefunden werden. L. zeichnet sich ans durch die Menge seiner wohlthätigen Vereine, mehr aber noch durch die Art und Weise, wie -1) Im Posener Bezirk ist Schwerin a. d. W. und im Bromberger ©riefen die einzige Gemeinde, wo zeitgemäßerer Gottesdienst, mit Chorgesang und deutscher Predigt, eingesührt worden. Krotoschin hat bis jetzt nur einen modernen Kantor, aber noch keinen Prediger angestellt. In Fraustadt, Schmiege!, Wollstein, Schwerfens, Filehne re. wird das Wort Gottes in der Landessprache verkündigt, der eigentliche Gottesdienst aber noch nach dem allen Styl verrichtet. dergleichen Institute dort gehandhabt werden. Der schone Geschmack, mit welchem dort irgend Etwas, wie z. B. eine Feierlichkeit in der Gemeinde, angeordnet wird, ist weit uud breit bekannt, und der Takt und die Ordnung, mit welcher bei Versammlungen, Sessionen .re. zuWerke gegangen wird, sind von der Art, daß L. allen andern Gemeinden zum Muster empfohlen werden könnte. — Und doch, uud doch muß die Gemeinde L. errötheu, wenn sie sich unter ihren Schwestern umsteht, und doch, und doch muß sie einen Schritt zurückweichen und verlegen zur Erde blicken, wem: Andere ihr ins Angesicht schauen wollen. — Welches sind die Hauptiustituie einer Gemeinde? — Synagoge und Schule? — Wie sind aber düse in L. beschaffen? Etwa auch so, daß sie andern Gemeinden als Vorbild dienen konnten? Wer dies behauptete, würde eine eben so bittere Ironie aussprechen, als der, welcher sich unterfing,zu sagen, der „Altonaer Wächter" sei das Blatt, welches am meisten und am liebsten gelesen würde, und der Anti-MitistDr. Einhorn derjenige Rabbiner, welcher am gründlichsten den Talmud und die Posskim studirt hätte. — Wie sind Synagoge uud Schule in L. beschaffen? Entsprechen sie den Anforderungen der Gegenwart? Die Schule nur in verjüngtem Ma aßstabe, die Synagoge aber ganz und gar nicht. Erlassen Sie uns das nähere Eingehen auf die erstere und erlauben Sie, daß wir uns hente nur mit der letzter» befassen. Was den Ban, die Räumlichkeit, sowie überhaupt die ganze innere und äußere Einrichtung der Lissaer Synagoge aulangt, so kann man dreist von ihr sagen, daß sie alle ihre Schwestern in der ganzen Provinz stark überbietet. Sie ist im Ganzen etwas Erhabenes und Ehrfurcht Gebieten- -des. Schon der äußere Anblick ist höchst imposant, und erst eingetreten in die heiligen Hallen, fühlt man sich wirklich gedrungen, ansznrnfen! mn DipDn dNU HD EVI^N rp2 EN' *0 H7 PN 1 — Doch leider nur zu bald ist dieser erste Eindruck verwischt, leider nur zu bald fühlt man sich enttäuscht. Denn man erkennt den „alten Schlendrian" trotzdem ihr ihn mit etwas moderner Farbe zu übertnncheu gesucht, man erkennt ihn, wohin man nur. das Auge oder das Ohr richten mag. Ihr habt es Euch Tausende kosten lassen, Euren Tempel zu restaurircn und aufs Geschmackvollste zu dekoriren; aber die Hauptsache habt ihr vergessen. Vor Allem hattet ihr die alten Götzen mit ihren Altären hinaus sch affen sollen. Und das, thcucre Brüder, das habt ibr nicht gcthan. — Warum? Ist es noch nicht an der Zeit? — Noch nicht an der Zeit, die Unordnung und den alten Schlendrian aus dem Gotteshause zu verbannen uud an deren Statt Ruhe, Würde uud Anstand ciukehren zu lassen? Noch nicht an der Zeit, die Lecha- Dodi-Konzertc, die N'arizach-Märsche und An'im-Semirot-Walzcr aus den heiligen Räumen zu entfernen und dafür einen zeitgemäßcrn, würdevollern und erhc- 10*

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