Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1848)
- Date
- 1848-02-26
- Page
- Seite 66 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 66 - Patricier Göthe, um seine krassen Vorurtheile zu be> Mänteln; Lessing w ä r für ihn» Es war der Blüthenrest der Romantik, als ein bewunderter Kritiker mit einem Berliner Gelehrten brieflich verkehrte; in unser« Tagen des Selbstbewußtseins ist Lessing's Humanitätsprinzip überwunden». Die Kritik des 18. Jahrhunderts brach dem Schwert des Vorurthcils die Spitze ab; die Kritik unserer Zeit ist b ä u e r i sch, roh, ausschließlich, alleinseligmachend. Würdest du aber, Dichter des Nathan, sehen, ,wie so viele Juden hier sich für Nathan die Weisen halten und nicht btos die Ringe, sondern auch ihre Meinungen wechseln; wie deine milde Recha hier eine brutale Rache zweier sich feindlich gegenüberstehender Parteien geworden; wie dein Freund Mendelssohn in den Bewegungen' unseres Gemelndelebens zum Stich Worte geworden : Du würdest in deine Gruft zurückkehren mit der Ueberzeugung, daß das Menschengeschlecht, noch sehr ungezogen ist. Aber eine Thräne wollen wir dir weihen, darin sich dein Genius abspiegle, der weder Hexentänze, noch Kabale, sondern blos Liebe, hingebende Liebe für die ganze Menschheit geschaffen. Dein Nathan verkehrt nicht mit Teufeln; Engel steigen in sein Haus, sowie der Engel der Menschenliebe dich stets umschwebt hat. Du hast den Wunderglauben zerstört; Du selbst ein Wunder deiner Zeit, bist unvergänglich. Das Andenken des Gerechten ist zum Segen! . rjc Berlin, 16. Febr. Zwei Krankheiten gewahr' ich in unseren Zeiten, die Viele gefangen halten und die Eintracht spalten , bei Neuen und Alten. Willst Du ihren Namen kennen, ich will sie Dir nennen: die Titelsucht und die Streitsucht. Da giebt es junge Köpfe und alte Zöpfe, die auf der Titel Leiter immer streben weiter. Das junge Blut strebt nach dem Doktorhut, giebt sein Letztes her, zu kaufen die Ehr', Hr. Doktor genannt zu werden, auf Erden. Es ist ein Rennen und Jagen, den leeren Titel davon zu tragen; ob das Wesen dem Namen gleich, fragt weder Arm noch Reich, an Namen wurde stets gehalten, in der neuen Zeit wie in der alten. ,,Alles ist'eitel^, ruft der Geldbeutel, doch der Titel wird erstanden in vielen Landen für hohen Kauf — das ist der Kandidaten Lauf/ Er ist Blüthe und Knauf für des Geistes Menora, ein Schmuck der Tora. Hast du das erste Titelchen errungen, dann weiter vorgedrungcn. An die Gesellschaften und Akademien sei dein Bemühen, Dich zu wenden, um das Titetgebäude zu vollenden. Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß, soll die Welt dich loben, doch die Protektion kommt von oben. Die Gesellschaft der Asiaten nimmt auf den Kandidaten, wieder ein Bataillon mehr in der Titel Heer. Ein großer Geist, der viel gereist, begnügt sich nicht damit, er wendet weiter seinen Schritt. Noch eine Gesellschaft der Wissenschaft wird aufgesucht und um ein Diplom nachgesucht. Schüchtern und beklommen wird das Gesnch entgeg engen ommen. Kann es eine größere Pein, wohl als meine geben, meinem Ziel nah' zu sein/ seufzend doch nur leben, ruft der' Titelkranke aus in seinem Haus. - Endlich kommt die Kunde, die frohe Stunde, wieder ein Titel bescheert und Die Unterschrift vermehrt. O göttliches Gefühl, zu ruhen auf der Titel Pfühl! Sollte damit genug sein? Nein! immer langsam voran, damit jeder Schwachkopf nachkommen' kann. In Afrika, ha! da ist ein Verein, dessen Mitglied muß er sein. Man schreibt demüthig und hochmüthkg an einen großen Stern in der Fern, bittet und fleht, wie im Gebet: um einen Titel ein Königreich, der mir zum Ruhme gereich'! Wie das Herz in Schmerz sich regt, ob der Präsident über den Client bewegt, wie bang über den Anktang, doch nicht lang, kommt das Diplom an seinen Mann. Himmlische Wonne, des Namens Sonne vermehrt und geehrt bewundert-von Hundert zu sehen; nie kann er untergehcn! An der Geschichte Zelt vor aller Welt, prangt er, erhaben und hehr, für immer, im erborgten Schimmer! Er zählt die Häupter seiner Lieben und die Titelzahl ist sieben. Wo den Rahmen für all' die Namen, mit denen von Israels Söhnen sich so Viele krönen? Die Titelkrone zum Lohne für feilt Treiben und Schreiben auf dem Haupt, er an sich als einen Gott glaubt. Ob der Geist leer, wer wollte danach fragen oder darüber klagen? Er hält die Welt für dumm genug und sich für weis' und klug. Wessen Inneres leer, ringt mit der Titel Heer, und wenn er Sieger bleibt, man seinen Namen Jakob-Israel schreibtz in der Unwissenheit Nacht, die das Weiße schwarz macht, hast du gerungen und dir einen Titel errungen. Im Süden dort ist der Ort, wo die Titclsucht Jeden heimsncht, den: Scheiil Sein, Leeres Hehres, Tand Verstand, Diplom kein Phantom, nach Titeln streben höchstes Leben; Bar -Kechba voran, Di-Sahab dann, und mit Me'lr's Wahn beschließt Aschkenas die Bahn. Dieses Treiben zu beschreiben, ist meine Feder zu schwach und darum schließ' ich ~mit einem ,,Ach". — Die zweite Krankheit nicht minder zählt viele Kinder. Israel ist erkrankt, Alles wankt und'Jeder zankt. Wenn fönst die Schechina dreien war nah, die an jüdischer Wissenschaft erprobten ihre Kraft, ist jetzt der Streit, überall bereit zur Seit: Der Eine dünkt sich größer, der Andere besser, der Dritte gar, trifft Alles auf's Haar. Dieser hat die Geschichte überkommen, und wehe dem, der ihm will gleichkommen! Jenem gehören die Geserot, Di- Sahab und Chazerot, Tofel und Laban ist sein Urahne Dieser ist der Reform Haupt, die er auftdieFolter schraubt, das Neueste der Reformsachcn kann nur er allein machenull seiner Fabrik mit Geschick. Der Eine bewandert in Katalogen, der Andere der größte der Philologen. Dieser würde pachten alle Rechtögutachten, Jener behauptet nie war in der Geographie, im heili-