Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1848)
- Date
- 1848-02-05
- Page
- Seite 43 (sequence 5)
- Language
- German
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43 mich. Seitdem unbeschnittcne Kinder von Rabbiner unbeschnittener Lippen gesegnet werden, kann ein Korrespondent des ,,Orient" ruhig sein. Allerdings werden mich die Einhorn's nicht segnen, die Hotdheim's keinen Toast auf mein Wohl ansbringerr, die Geschichtschreiber meinen Namen nicht verewigen, denn ste — f.cmtcn mich nicht. Ist es schmerzlich verkannt, so ist cs beruhigend nicht gekannt zu werden! Manches Land wäre glücklicher, hätte es seinen Rabbiner verkannt anstatt ihn zu kennen. Berlin, 26. Jan. Unsere preußischen Rabbinen, die meist fromm fcC;icncn und leicht Geld verdienen, wollen die Laienvernichtung durch die Errichtung von Consistorien. Ich sehe ste schon mit Spott und Hohn herabsehen , die Augen verdrehen, die Gelehrten, die sich nicht bekehrten zu ihrer Ansicht, der Wahrheit gebricht, verachten und sie - gering betrachten. Sie sitzen und schwitzen aus ihrem Rabbinerstuhl, dem Höllenpfuhl. ,.Herr Präsident" — ein schmeichelndes Wort für einen Zionshort, ein lieblicher Namen, ein wohlklingendes Amen — tönt's ihm entgegen auf allen SBcgcn. Er kann befehlen und vcrheten, einsetzen und abfetzen, annehnlm und wcgnehmeu, approbiren und blamireu, Bescheide ertheilen und die Orthodoxen heilen, Verordnungen erlassen und reguliren die Kassen. Mit Demuth und Wehmuth kommt der Kandidat, der nichts hat, zum Präsidenten. Mögen Ew. Hochwürden in Würden mir Wohlwollen und nicht grollen. Ich schwöre bei der Ehre der Reform ohne Norm, den Augiasstall der Orthodoxie, durch die Neologie überall zu ersetzen und die Parteien, die Laien, die da schreien, gegen einander zu hetzen, mich au ihrem Streit, der manchen Vortheil beut, zu ergötzen, und'Gebete einzusetzen für das Glück und Geschick des Präsidenten an allen Enden. Der Präsident blickt ganz entzückt auf den Client, und gewährt ihm die Bitte, nach hierarchischer Sitte. Dort sitzt die Prüfungskolnunssion, mit gelahrtem Ton, rückt und drückt die Sessel au einander, um zu hören und zu bekehren, zu fragen und zu klagen. Der Kandidat naht, die junge Saat des Wissens tragend. Ein Mitglied begimtt geschwind fragend: Was soll geschehen, wenn aus Versehen, ein Tropfen Milch fällt, in ctncu Tops, der Fleisch hält? L i e b i g und B er z e l i u s werden cxtirt, und Daraus ernirt, daß so groß auch der Tropfen gewesen, er in sechzig sich muß anslösen. Was uns als Jore Dea bekannt, wird modern Chemie der Religion genannt, und die Trefa-Zeichen müssen der Zoologie weichen. Wie köstlich ist ein Präsident zu sein, um die Lai'n, 31t verdummen, daß sie verstummen, und die Gelehrten, die blos wissen , schweigen müssen. Soll euch, Gemeinden, eure Freiheit bleiben, so müßt ihr Konsistorien hintertreiben und selbst wählen für daö Her? eurer Seelen. rjc Aus der Provinz Posen, 16. Jan. Hier haben Sic wieder einen Beweis von dem Judifferentlsmus der Posener Juden, wenn es sich um Kultussachen «. dgl. handelt. Laut' §. 55 des Judm-Gesttzes vom 23. Juli v. I. sollen die Herren Oberpräsidenten den Ministerien der geistl. Angel, u. d. I. die Mitglieder der einzusetzendm Kultus-Kommission zwar Vorschlägen, doch zuvor die Anttäge der Synagogen-Gemelnden ihres Verwaltungsbezirks darüber einholen unb diese Anträge ,,besonders" berücksichtigen. In Verfolg dieser Bestimmung hat am 9. d. M. in Posen die Wahl des Kandidaten. (zur Kultus-Kommission) für die dortige Syn.-Gem. stattgefunden, und — denken Sie sich von c. 800 Stimmberechtigten waren nicht mehr als 1 SO Wähler erschienen. Also kaum der vierte Theil? Was sagen Sie zu dieser Gleichgiltigkeit? — So sehr ich auch den Posener Jndiffereutiömus kenne, so hätte ich doch nimmer geglaubt, daß sie dort für die in Rede liebende Angelegenheit gar so geringes Interesse nehmen werdend — Noch auffallen er als die schwache Theiluahme an der gedachten Wahl muß aber das Resultat derselben erscheinen. Wollen Sie es wissen? Der ON. Eg er hat 96 und der rühmlichst bekannte, talentvolle Dr. Gebhard (Rabb. in Gnesen) nur einige über60 Stimmen erhalten.* 2 Die SG. von Posen wird also ihrcu Rabbi dem Oberpräsidenten als Kandidaten Vorschlägen, oder hat es wohl schon geihan. Es ist nun die Frage, für wen sich die andern Gemeinden unserer Provinz bestimmen werden. Viele derselben sollen zwar (nach der Vossischen Zeitung vom 13. d. M.) schon beschlossen haben, sich Posen. in dieser Beziehung zum Muster zu nehmen )3 4 5 doch da bei der großen Anzahl von Inden im Großherzogthum^ zu erwarten steht, daß dieses wohl 2 Depntirte zur Kultus-Kommission wird zu schicken haben, so kann mall wohl mit Gewißheit annehmen, daß die Wahl des andern den Dr. G. treffen werde. Der Rns dieses gediegenen Mannes ist zu verbreitet, um nicht voranssehen zu können, daß ihn außer seiner Gemeinde noch viele, ja sehr viele anderes X) Zumat da ich es noch mit eigenen Augen gesehen habe, mit welchem Heißhunger sie über das Gesetz tum 23. 3uli her sie len und mit welcher Wolssgier sie einen Paragraphen nach dem andern verschluckten. — 2"i Nur zu deutlich geht hieraus hervor, wie schwach, wie sehr schwach 'die Partei der dem Fortschritte Huldigen, den bei der Wahl muß vertreten gewesen sein. — In der Posener Zeitung vom!2. h. wird es sehr - gerügt, daß nicht Dr. G. einstimmig gewählt worden. — Es heißt übrigens in P., daß die- Wahl in einigen Tagen erneuert werden würde. Doch will uns dies nicht sehr wahrscheinlich Vorkommen. 3) Wenn dies wahr ist, so können es nur die um P. herumliegenden kleinen Gemeinden sein , welche mit P. von jeher große Wahlverwandtschaft an den Tag7 legtem- 4) Ucber f-ber gefammten preuß.> Judenheit. 5) Und große Gemeinden/ wie z. B. Kroeoschin, Lissa und vielleicht' auch Rawicz und K e nnp e n. 6*