Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1848)
- Date
- 1848-01-29
- Page
- Seite 38 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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38 gedrängt, Schatzkammern für den leidig berühmten Pharao errichten mußten, so müssen auch wir noch jetzt beinahe 4000 Jahre später als Schutzjndm der Kauuner den Schatz füllen mit Kontribution-, Domiineal-, Familien-, Erwerb-, Verzehrungö-, Haus-, Fleisch-, Wein-, Fischn. s. w. Steuer. Wie in Egypten nach Nutteln gesucht wurde, daß die Israeliten sich nicht mehren, darf auch bei uns aus gleichem Grunde, von mehren Söhnen eines Vaters nur der erstgeborene heirathen wenn er kompctcnzfahig ist, oder dasselbe mit andern Worten, wenn er Vermögen hat und (nur Geduld) unter der Conditio sine qua non, gerade ein hierzu be-. rechtigtcr heimgegangen zu seinen Väternin sein einziges Vaterland — die Mutter Erde. — Warum bleibt man aber bei solchen Beschränkungen im Lande? Weil man alles als nethwendig so und nicht anders möglich sich denkt, weil man gerne bei seinen Lieben bleibt f und weil man endlich nicht anöwandern darf, es sei denn, daß man unter unsäglichen Schwierigkeiten und Aufwande die Erlaubniß hierzu erhält tuifc vorerst 10$ seines Vermögens als AbzngSsteuer zurückläßt — so bleibt man lieber im Laude und'zahlt die 90$ darauf.. — Jetzt kommt erst der tragische Theil dieses Stückes. Die natürlichen Folgen solch unnatürlicher Gesetze sind natürliche Nachfolger, denn da von 4 oder mehren Söhnen eines Vaters nicht alle uachgeborenen zum Cölibate geneigt, das ihnen keine Aussicht auf fette Pfründen gewährt, so geht an uns in Erfüllung und gicbt sich kund die uralte Eigenthümlichkeit p inw ujn hpnd pD' pl nrr und so giebt es auch bei uns eine Unzahl vor dem Gesetze unehelicher, sonst ehelicher Kinder bereits bis in das zweite und dritte Geschlecht, die gewöhnlich als Kanonenfutter verbraucht werden, den Waffendienst für ihre stiefmütterliche Gemeinde versehen müssen. Von der demoralisirenden Kraft dieses Vandalismus zeugen die traurigen Vorkommnisse, daß sogar ein Bruder den andern dennneirt, er lebe im Konkubinate, wie sie es nennen, um weil jener hierdurch jeden Anspruch auf eine Heirathsbewilligung'verliert, in das Recht des Strafgefälligen zu treten und wir waren zu unserer tiefen Betrübuiß selber Zeuge eines-Auftrittes, wo das Weib eines solchen Verbrechers (?) um die Vaterschaft ihrer Kinder befragt, diese aus Rache dem Sykosanten zuschob, und da dieses und Aehnliches nicht selten ist, wie kann ein besserer Geist gedeihen? Da meinten denn die wenigen Erleuchteten, wenn erst unser Aeußercs sreundlichcr geworden, werden auch entsprechend unsere Verhältnisse sich günstiger gestalten, man müsse daher der Stimme der Zeit gehorchen, mit dem Strome schwimmen, die unabweislichen Reformen in den Synagogen und Schulen vornehmen, um bei den bereits Herangerciften das Verabsäumte nachzuholen und die Jugend zu -einer musterhaften Generation heranzubilden, allerdings höchst löbliche Vorsätze, deren sicherer Erfolg um so begründeter, als man einen vielseitig, gebildeten Mann znm Landrabbiner ernennen wollte, lmt diese Interessen bestens zu fördern. Man holte weit— recht weit ans, um den Heißerschnten zu sahen, als sie ihn fanden, nannten ihn manche den Messias, erzählten sich Wunder von ihm r mitunter recht erbauliche Märchen, daß er mit der, nunmehr hochseligcn, weiland Kaiserin von Frankreich und dem Fürsten von Metternich irr Ischl während der Saison im freundlichsten Verhältnisse gestanden und das Volk glaubte und war selig, und begann eine neue Aera. Er kam, wurde mit beispiellosem Enthusiasmus empfangen und weilt bereits mehr als ein halbes Jahr unter uns, darum wir auch schon eine Bilanz seiner Wirksamkeit ziehen könnten, deren Summa in den schriftlichen Anfragen an die Ortsrabbiner über den Stand der Mikwa, des und!?,"M-Wesens begriffen. Da soll ihm ein Schalk in der Autwortsadreffe (denn bei uns wird nur Form Rechtens procedirt) unterbreitet haben : Wir Mähren verstehen uns wohl aus und noch besser auf ru)'0, werden häufig außer der rppo gewaschen und nur zu oft beschnitten , und darum habe man ihn von soweit herbeigerufen, ein Besseres herbcizufnhren. Gegenwärtig beschäftigt, wie man glaubt, die Reiöftage, die rabbinischdiptomatische Welt, und wird eine friedliche Lösung umsomehr bezweifelt, da sie die Souveränität der einzelnen Rabbinen bedingt. Ob -denn eine der Großmächte, interveniren wird?! — Das sind also die Momente, die die allgemeine Aufmerksamkeit von dem ursprünglich angestrebten Ziele ablenken, darnach mußte man so weit greifen , als wäre man bei uns zu Lande nicht ebenso gewandt im Kampfe mit der Windmühle. Vergleichen wir aber unsere gesetzlichen Verhältnisse mit denen unserer nachbarlichen Glaubensbrüder, z. B. der Böhmen, so finden wir, daß diese mit Willens- und Thatkraft abgewälzt den Stein vom Lebensbrnnnen, die Wucht der das Leben erdrückenden Jndcnsteuer. Was sollen wir erst von den Ungarn sagen, deren selbstbewußte Reg- und Strebsamkeit öffentliche Anerkennung und Würdigung findet? — Mit gerechtem Stolze und wahrhafter Begeisterung zeigt der ungarische Jude ans sein von Einem im Namen Aller - geäußertes Glaubensbekenntniß hin, wir aber pctitioniren auch — um Deilaffung des Alenu. — Und doch können wir eben soviel gebildete Rabbinen als Ungarn aufzählcn; sind ja selbst die ersten Kapacitäten dieses Berufes unsere Landeskinder und bei uns hcrangebildet und sollen endlich nach einen: Hoskanzlcidckrcte vom Jahre 1.842 nur philosophisch-gebildete Kandidaten eingestellt werden, .wo liegt also die Duelle des Nebels? Vielleicht weit es uns an einem tüchtigen Vorkämpfer fehlt, seitdem der Eine, den wir gehabt (Fasset), weil man ihr: übergangen, zurückgegangen. Was soll also mit uns werden, möchten wir unfern Seelcnhirtm zmufen? Was wellt ihr vom 222