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Der Orient · 1848-01-22 · 4 (22.1.1848) · p. Spalte 51-52

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Journal
Der Orient
Volume
1848
Issue
4 (22.1.1848)
Date
1848-01-22
Page
Spalte 51-52 (sequence 2)
Language
German
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51 Studien. Ueber aramäische Fabeln^ 52 zudichten, und sie so zu handelnden Personen der Fabel zu machen. Können wir aber auch die Ncrmuthnng, daß die Indier zuerst die Fabel in Gebrauch genommen, nicht geradezu zurückweisen, so können uns doch die dafür angegebenen .Gründe durchaus nicht zur Annahme derselben bestimmen, weil, wenn selbst erst in der Gegenwart irgend ein anderes Volk, das weder an Seelenwandcruug noch an die Vernünftigkeit der Thiere glaubt, die Fabel erfände, es gewiß auch nur vernunstlose Geschöpfe und nicht Menschen zu Trägern derselben wählen würde. Denn da gerade Kürze das Haupterforderniß der Fabel ist, scheinen die Thiere, mit deren Namen wir schon ein gewisses Laster oder eine gewisse Tugend, wie List mit dem Füchse, Großmnth mit dem Löwen re. verbinden, für diese Dichtnngsart sich am besten zu eignen. Außerdem bietet das Leben der Thierwelt mehr Stoff zur Fabel dar, als das der Menschcrrwelt und endlich soll ja die Fabel nur den menschlichen Verhältnissen zum Spiegel dienen, aber nicht diese selbst sein. Vielleicht hat sich die Fabel bei jedem kultivirten Volke des Alterthums selbstständig entwickelt,; da wir schon in den frühesten Zeiten in den Schriften fast eines jeden Volkes .von literarischer Bedeutung Spuren derselben entdecken. In der Bibel, wo bekanntlich schon mehre Fabeln tmb Parabeln unter dem gemeinschaftlichen Ausdrucke btüD sich befinden ,' dient sie, die Parabel von dem armen Manne und dem Schäfchen ausgenommen^ die der Prophet Natau dem Könige David erzählt, nur politischen Zwecken. Eben so in.Herodot und Lioius, von denen der c.rstere den König Cyrus durch eine Fabel vo,n einem Flötenspieler und von Fischen den Boten der Ionier und Aeolier antworten und der Letztere den Menenins Agrippa die bekannte Fabel von dem Bauche und den Gliedern, den aus bcn heiligen Berg ansgewanderten Plebejeren erzählerr laßt. ^) Dieser Umstand ist cs wahrscheinlich, welcher Strabo zu der Behauptung veranlaßt, die Staatsmänner und Priester hätten weit eher, als die Dichter dergleichen Fabeln ihres praktischen 9^113^6 wegen in Anwendung gebracht.1 2 * 4 Und in der That mag auch die Fabel auf politischem Boden entstanden , und erst später auf das Gebiet der Sittlichkeit und Lebenöklugheit Verpflanzt worden fein. Im Alterthmne, wo die geistige Entwickelung der Menschen noch in der Kindheit stand, konnte man den politischen und moralischen Wahrheiten nicht so leicht Eingang in das Volksbewußtjcin verschaffen, und die Gebildeteren im VolkV sahen sich daher genöthigt, dieselben in eine anziehende Hülle zu kleiden, wie wir dies bei Kindern zu thun pflegen, um ihnen irgend eine Lehre faßlicher und 1) 2 Kön. 14, 9 z 2 Sam. 12, 1. 2) Herod lib 1. c. 141, ■3) Liv. üb. 111. c. 32. 4) Strabo I. p. 18. unvergeßlicher zu machend Die Nothwendigkeit dieses Verfahrens zeigt genügend der Umstand, daß der beredte Demosthenes seine, das Heil des Vaterlandes behandelnde Rede an das griechische Volk zu unterbrechen gezwungen war, weil dies denselben keine Aufmerksamkeit schenkte, während es dem Mahrchen, das er später von. dem Esel und seinem Schatten erzählte, gespannt lauschte. Die Fabeln scheinen also anfc^igs blose Auskunftsmittel gewesen zu sein und diese Mittel, also die Fabeln selbst, mögen sich dann immer mehr und mehr mündlich * fett* gepflanzt haben, bis sie zuletzt. von Dichtern oder weisen Männern vermehrt, der Nachwelt schriftlich übergeben worden. Da wir in den.vielen Fabelsammlungen oft eine verschiedene Anwendung oder Affabulation einer und derselben Fabel finden, so läßt sich wohl mit Recht behaupten, die Fabeln seien anfangs gleichsam wie leichte Räthsel dem Volke vorgelegt worden, damit dies dann selbst die Auflösungen dafür finde, während die späteren Fabetsammler, jeder nach seinem Gutdünken^ sie mit solchen Nutzanwendungen versahen, die ihnen gerade am geeignetsten schienen. Von den ältesten Fabelsammlungen sind die Aesop'- schen und Lekman'schen am meisten bekannt, weniger das Fabelbnch der Kalila und Dimna, das von einem Weisen, Namens Bidpa'i verfaßt sein soll. Nach einer von Silvestre de Saey mitgethciltcn Uebersetzung des Vorwortes zu Kalita unb Dimna sott Bidpa'i, ein Brahmane, der die Staatsgeschäfte eines indischen Königs Debachlim oder Dabchalim leitete, dieses Buch zur Verherrlichung desselben, nachdem er ein Jahr lang darüber nachgedacht, verfaßt > haben. Nach einer lateinischen Version und einem arabischen Manuskripte dieses "Buches, soll in der ersten Hälfte des 6* Jahrhunderts n. Ehr. ein persischer Arzt,^ Namens Barzujeh, in einem Buche gelesen haben, daß auf gewissen indischen Bergen Kräuter wachsen, welche die Todten wieder beleben, Nachdem er nun mit Erlaubniß seines Königs Nuschirwan dahin gereist und vergebens nach diesen Kräutern gesucht hatte, soll er aus den Gedanken gekommen sein, das, was er in Bezug ans die Kräuter gelesen, werde blos allegorisch von dem Werke Kalila und Dimna, welches er dort vorgefnnden, behauptet, weil dies den 5) Ueber die mündliche Ueberlieferung der äsop'schen Fabeln, die dieser gewöhnlich aus dem Stegreife hielt, siehe Phoedr. fabul. 1. 2. 9. und Aristot. Rhet. 11. 20. 16. — Manche Schriftsteller wollen dies auch aus Phaedon p. 61 beweisen; das dort sich befindende „ob's tcqoxbIqovs st%ovl(9 „welche ich bei der Hand hatte", und „0% ngcozoig hhv- %ovu „welche mir zuerst aufstießen", dürften jedoch schließen lassen, daß Sokrates eine Abschrift der äsop'schen Fabeln bei sich gehabt, von welchen er eben mehre in Versen gebracht, wie er dies durch die Worte„tovttovs sTtoCrjm“ zu erkennen gibt.

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