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Der Orient · 1848-01-22 · Heft 4 (22.1.1848) · p. Seite 31

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 4 (22.1.1848)
Date
1848-01-22
Page
Seite 31 (sequence 13)
Language
German
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31 - ich Muse hatte, die dortigen Merkwürdigkeiten und Alterthünrer in Augenschein zn nehmen, die mich zu manchen Betrachtungen über Einst und Jetzt vcranlaßten. In der Ferne wird wohl mancher aus den Talmudschulen der berühmten Rabbiner Landau, Fischet und Bacharach hervor gegangene Nestor, der Blüthe des ehemaligen Prags sich erinnern; schwerlich aber dürfte jemand, der von jenem Blüthenzustande eineAnschauung hat, an d'ie spurlose Verwischung aller Reste dieser damals weit verzweigten Lehrinstitnte glauben wollen. Gleichwohl ist es für Jeden, dem ein religiöses Bewußtsein inne wohnt, .eine schmerzliche Gewißheit, daß man hier aus den Trümmern einer cntschlvundcnen Größe wandelt. Ja nicht ein einziges Institut ist. hier vorhanden, wo gründliches Talmudstudinm ein Asyl fände; daher die Jünger der Theologie und RabbinatSkandidaten auf ihren Privatfleiß beschränkt sind, und von ihrem eigenen, entworfenen oder zerworfenen Studienplane, hängt ihr zukünftiger Bildungsstand und ihre Brauchbarkeit ab. — Die Grabmater des hiesigen weltberühmten Gottesackers, deren beredte Inschriften Zeugniß von einer wahrhaft großen Vergangenheit geben, ließe!: eben die Schatten jener entschwundenen Koryphäen an meinem trüben Sinn vorüber ziehen, und eben war ich im Begriffe, mich an Ort und Stelle über die Ursachen zu verständige!!, welche diesen Kontrast der Vergangenheit mit der Gegenwart herbeizuführen fähig waren, als ich an meiuem Führer, eine den: Zwecke meiner Forschungen widerstrebende Eilfertigkeit bemerkte. Auf motu Befremden, folgte die Entschuldigung, daß so eben hie Tochter des ehemaligen Prager Oberrabbincrs Elasar Flekeles zu Grabe-bestattet werde, welchem Liebesdienste er sich aus Pietät für Vater und Tochter nicht entziehen könne. Dieser gefeierte Name, für den jeder der rabbinischen Literatur Kundige ein - ehrenvolles Andenken. bewahrt, erregte mein Interesse., und ich muß es gestehen, auch der Drang, die veränderte Art kennen zu lernen, welche hierorts in der Leichenbestattnng eingetreten sein mag, hatte seinen Theil daran, daß ich an der Seite meines Führers, dem ohnehin nahe gelegene!: Orte zneilte, wo die Leichen eingesargt!verden. Alsobald näherte sich diesem Orte eine in zahlreichen , aber ungeordneten Massen hcranwogeude Volksmenge, die unter wildem Gemurmel, das treffliche Ti^n Lwn brüllte. Der chaotische Wirrwarr hatte eher mit einem Volksauflauf als einem Leichenbegängnisse Aehnlichkeit. Dem frommen Lebenswandel derHingeschiedcuen wurde von den Umstehenden die ungeheuchelste Anerkennung gebracht, auch fehlte es nicht amThränen, die der Verblichenen sowohl, als dem Andenken ihres berühmten Vaters nachgeweint wurden. Diese Herzlichkeit aber stach gegen den regel- und anstandlosen Vorgang nur noch bedeutender ab; so daß hier meine Verwunderung über den Widerspruch / der sich in dem religiösen Leben dieser zahlreichen Gemeinde manisestirt, ihren Hochpnnkt erreichte. — Daß die ererbten geistigen Schätze leichtsinnig hingegeben, oder als gehaltloser Ballast abgeworfen werden, um sich in der Zeit leichter 'fortzubewegen, ist in unseren Tagen eben nichts Neues, nichts Auffallendes, aber daß Ihr den inner» Kern, das geistige Leben in Eurer Mitte, bis aus den letzten Funken habet verglimmen lassen, und dafür nicht einmal eine erträgliche' Aenßerlichkeit errungen habet, dies ist wohl noch etwas Unedleres als die Krankheit des Jahrhunderts! — Oder wäret Ihr zu gewissenhaft, an die Stelle deS verlassenen Gutes eine Scheinmünze zu setzen? — O niemals wären die äußeren Formen bei Euch so hinter allem Anstande zurück geblieben, hättet Ihr einen Kern Euch zu bewahren, und auf die Zeit zu übertragen gewußt. — So ungefähr durchkreuzten sich meine Meditationen über die wahrgenommenen Miöstände, als nach und nach der Gebcttnmult immer leiser wurde und einer feierlichen Stille Pla.tz machte. — Ich wurde in meinen Betrachtungen unterbrochen, als ein schwarz gekleideter, wchmuthsvoll um sich blickender, von tiefstem Seelenschmerz durchdrungener junger Mann, sich an einer mir gegenüber befindlichen schwarz drapperirten Fensterloge zeigte, auf dessen übrigens schone Gestalt aller Angen gerichtet waren. — „Der Sohn der Verblichenen, ein gelehrter Rabbiner, lispelte mein Führer, wird seiner Mutter eine Leichenrede halten; er ist soeben vom Eiswagen abgestiegen, und erfuhr erst vor wenigen Minuten den Todesfall". — In derrestgnirenden Stimmung, in der ich inich meiner nnerfrenlichen Beobachtungen halber befand , war ich gespannter als je auf das Kommende; natürlich vermehrte das seltene Ereigniß, die Leichenrede eines Kindes über seine Hingeschiedene Mutter mein Interesse. Mit jedem Worte aber, so ans dem wahrhaft schonen, eben so ungekünstelten als^ oratorisch richtigen Vortrage des Redners floß, verflüchtigte sich mein Trübsinn; der geist- und gefühlvolle Prediger wußte den Abschied vom irdischen Dasein, den Schmerz eines um seine Mutter trauernden Sohnes, so ganz innerhalb des Talmud und Midrasch zu versöhnen, daß sich in dieser Behandtnngsweise eine Persönlichkeit kund gab, welche sprachliche und philosophische Studien, eben so wie lalmudischtheologischeS Wissen vereint zu haben scheint. Ganz eigenthumliche lichtvolle Resultate ergaben sich aus diesen: wehmüthig lebhaften Vortrage, indem nach voraus gegangenen Refte.rionen über Lebenswerth, Lebensbestimmnng und Lebenszweck, die folgenden Talmud- und Midrasch-Citate mit einem Lichtglanze der Art umstrahlt wurden, daß deren treffliche und doch treue Uebersetznng in die deutsche Muttersprache, bie-fremde Abstammung ebensowenig ahnen ließ, als cs begreiflich war, wic.dieff mystisch klingenden Stellen jemals dunkel scheinen kenn-

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