Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1848)
- Date
- 1848-01-22
- Page
- Seite 27 (sequence 5)
- Language
- German
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27 efcer gar nicht bekümmernd um die Welt und ihre Freuden und Leiden. Wir aber haben, wie Sie sehen, diese alte und veraltete Anschauungsweise über Bord geworfen und einen jungen Mann zu unseriu Seelsorger gewählt, der auf der Universität gelebt, sich Weltkenntnis angeeignet und uut den Traurigen traurig ist', kurz einen Mann, der mit wissenschaftlicher Bildung auch gesellige Tugenden verbindet. Und wahrlich, wir haben keine Ursache unsere Wahl zu bereuen. Denn Hr. Dr. C o h n, so nciuif sich unser Rabbinerist ein Redner, der sowohl durch fein herrliches Organ als durch seine gediegenen Predigten seine jüdischen und christlichen Zuhörer förmlich himeißt und mit jugendlicher Frische und Kraft von der Kanzel herab eine zeitgemäße, wohlthuende Aufklärung zu verbreiten strebt. Sein vorzüglichstes Augenmerk ist auf unsere Jugend gerichtet, in deren Gemüt Hern er einen empfänglichen Boden findet^ für den Samen wahrer Frömmigkeit und' echter Religiosität,- den er auszustreuen bemühet ist. In der Religiousschnle für Knaben und Mädchen, die er zu diesem Behufe ins Leben gerufen, tvird er von unserem biedern Kantor und Lehrer, Hrn. S t a dth a g en, bedeutend unterstützt, dessen Leistungen in Synagoge und Schule sich überhaupt der größten Zufriedenheit von Seiten unserer Gemeinde-Glieder zu erfreuen haben. Auch den hiesigen jüdischen Gymnasiasten, die bisher von dem Glauben, und der Geschichte ihrer Väter so wenig wußten, ertheilt Hr. Dr. Cohn einen trefflichen Religions-Unterricht. Seit der Anwesenheit unseres Rabbiners ist in unserer Synagoge Chorgesaug cingeführt worden, der, wenn auch jetzt noch geringfügig, unter der Leitung unseres Kantors ganz vorzüglich zu lverdeu verspricht. Mit der Zeit lvird Herr Dr. Cohn wohl noch andere zeitgemäße Reformen treffen und so gehen wir freudig einer schonen Zukunft entgegen. Wir können nicht umhin, schließlich noch den Wunsch anSzusprechen, daß die Gemeinden unserer Provinz, sobald die angeordneten Synagogen-Bezirke sich foiifUhuvt haben, unsrem Beispiele folgen, und zur Auf- .nahme wissenschaftlich gebildeter Rabbiner schreiten mögen; denn nur dadurch dürste es gelingen, dem religiösen Jndiffercntismus zu steuern und die künftigen Generationen zu glanbensinmgm und in die ewigen Wahrheiten ihrer Religion immer mehr cindringenden Juden heranzubilden. . — r. Breslau, Ende Deebr. 1847. Die hiesige Regierung hat im Laufe dieses Monats die Listen der zur bevorstehenden 'Vorstands- und Repräsentantenwahl Zulässiger: zur .Einsicht ausgelcgt. Diejenigen, die seit 3 Jahren ihre Beiträge nicht cingczahlt, wurde die Wahlfähigkeit abgesprochen und bis zürn 31. li. Zeit zur Reklamation gelassen. Demzufolge sollen nun Viele reklamirt, Viele aber auch ihre Beiträge nachgezahlt haben. Dieser Tage eröffnete Herr Dr. Geiger im Lehrnnd Leseverein seine, für diesen Winter angekundigten Vorträge über die jüdische Geschichte der neuesten Zeit. In seinem ersten Vortrage, den er vor einer ungemein zahlreich versammelten Herren - und Damen-Gesellschaft hielt, gab er den Standpunkt an, von welchem aus die neueste Geschichte der Inden betrachtet werden müsse und sprach dann vorbereitend über die, auf die äußere Stellung der Inden einwirkenden Verhältnisse von der französischen Revolution ab. bis zum Jahre 1815. In seinem nächsten Vortrage wird er die inneren Verhältnisse der Inden während jener Periode besprechen. Wir hoffen, Ihnen später Vieles über diese Vorträge mitthei- U'ii zu können. Frank,irrt a. 'M., 9. Jan. Dieser Tage fand in dem benachbarten Bocken heim die Trauung einer hiesigen israelitischen BürgerS-Tochter mit einen: jungen Arzt ans Bonn nach altem jüdischen Herkommen in einfach patriarchiatischer Weise statt. Die Trauung ward nämlich nicht vom einem besoldeten Rabbiner, sondern von einem dem Kanfmannsstand angehörigen Änverwantcn der Braut vollzogen. Man hatte zwar den Kreisrabbincr F. ans Hanau für diese Funktion cingeladen; derselbe war aber aus unbekannten Gründen nicht erschienen, und so ging denn, wie erwähnt, die Ceremonie m Ruhe und gemessenem Anstand, in: Beisein der, meist dem orthodoxen Theile der hiesigen Inden angehörigen Familienmitglieder von Statten. Wir haben nun neben dem Beispiel einer jüngst von einem der Ncotogie huldigenden Prediger an sich selbst vollzogenen Trauung einen weiteren praktischen Beleg, daß das Jndenthum einer Geistlichkeit durchaus nicht bedarf, da in demselben der-Stand der Priester zugleich mit dem alten Opferdienst anfgehört hat, sonach alle religiösen Handlungen, wie Beschneidnng, Trauung, Vorbeten u. dgl., von jedem erwachsenen Israeliten vorgenommen werden können. (Franks. I.) Jastrow, 10. Jan. Heute, geehrter Herr Redakteur, nur einige trockene Bemerkungen, denen Sie, ob sie auch gerade nicht von Wichtigkeit, ein Plätzchen in Ihrem geschätzte!: Blatte gönnen wolleu. Wir berichteten neulich (Nr. 2 d. Bl.), daß das Rabbinat in M. Fricdland vakant sei und daß sich, obwohl diese Vakanz bis jetzt noch nicht in öffentlichen Blättern anvneirt war, mehrere Kandidaten und zum Theit ans weiter Ferne gemeldet. Wie man hört, soll die Stelle vorlänsig besitzt sein, und zwar durch einen gewissen Rabbinatökandidaten Dr. Cossmanu. Wir sagen vorläufig; denn Hr. C. soll nur einstweilen als Prediger und nur auf ,,Probe" angenommen sein. Und warum das? weil — nun, weil das sogenannte Witwenjahr der Frieds. Gemeinde erst im nächsten Sommer zu Ende geht und weit Fr. vorsichtig zu Werke gehen und vorläufig noch keine definitive Wahl treffen will. — Uebrigens ist es lobenswerth, was doch so ein Rabbmatskandidat für ,,Proben" und zu bestehen 4*