Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1848)
- Date
- 1848-01-08
- Page
- Seite 13 (sequence 9)
- Language
- German
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13 unabweisbare Pflicht ist, alle wirklichen Misbräüche, Die sich eingeschlichen, abzuschaffen und sowohl im Gotteshanse, als auch bei religiösen Handlungen (als Trauungen, Leichenbegängnisse re.) eine der Heiligkeit und Wichtigkeit der Sache angemessene Ruhe und Ordnung herzu stellen und im Kultus überhaupt alle diejenigen Veränderungen eintreten zu lassen, die nicht nur den Anforderungen der Zeit entsprechen, sondern auch vordem Tribunal des Judenthums gut geheißen und als wahre Verbesserungen anerkannt werden. Hoffen wir, daß das Gesetz vom 23. Juli c., von dem schon vor dessen Erscheinen so viel gesprochen und geschrieben wurde und von dem man sich so Vieles versprach wenigstens in einer 2) Beziehung Etwas 'bringen und die darin vorgeschriebene Organisation der Synagogcngemeinden die besten Erfolge haben wird. — Vor Allem ist's jedoch das Schulwesen, mit dem es im Allgemeinen noch sehr übel bestellt ist, und das einer durchgreifenden Verbesserung bedarf. Wohl giebt es auch hierin einige ehrenwerthe Ausnahmen. Wir haben schon einige öffentliche Schulen, und zwar in Mark. Friedland und in D. Crone, 3 4) auch haben wir einige gute Privatschnten, von welchen wir nur die zu Thorn,.Marienwerder^) (unter Lehrer Rosenthal), Couitz (unter Lehrer F o r d o n) T u ch e l (unter Lehrer Stern) und 2) Denn außer der Freizügigkeit und der Zulassung zu manchen Aemcern (mit denen es übrigens noch weit im Felde^ ist) hat uns das neue Gesetz wenig gebracht, ja in mancher Beziehung sogar noch beschränkt; man denke nur an die Meldungen bei Geburts- Heiraths- und Sterbefällen und an die damit verbundenen Kosten, die besonders dem Unbemittelten eine sühlb a r e Ausgabe sind. Während dergleichen Anmeldungen sonst mit einigen Groschen abgemacht waren, betragen jetzt hierbei zu entrichtende Gebühren mitunter einige Thal er, ja sogar bei der Anmeldung eines todtgebornen Kindes mußte ein hiesiger Israelit neulich 1 Thlr. zahlen. Eine Vorstellung hierüber bei Sr. Majestät dem Könige, von den bedeutendsten Gemeinden ausgehend, würde gewiß nicht ganz ohne Erfolg bleiben. 3) An der Schule zu M. Friedl. welche im Jahre 1819 gestiftet wurde, wirken gegenwärtig zwei Lehrer und an der zu D. Crone (gestiftet anno 1812) ebenfalls zwei Lehrer. Die Schule zu D Cr. stand längere Zeit unter Aufsicht des auch in anderer Beziehung sehr schön wirkenden Dr. Ephraimsohn (prakt. Arzt); später aber wurde die Inspektion derselben dem evangelischen OrtsgeifMchen übertragen, wie übrigens auch die jüdischen Priv a tsch ulen in der Regel dem evangel. Geistlichen subordinirt sind. ' 4) Als Beweis, wie dem jüdischen Schulwesen auch von unfern christlichen Beamten und Schulmännern immer mehr Theilnahme geschenkt wird, möge vier erwähnt werden, daß bei einer in diesem I. in der jüd. Schule zu Mar min ge ndev stattgehabten Prüfung unter andern Notabititälen auch die Herren Regierungs- und Schulrath Dr. Grolp, Gymnasialdirektor Dr. Lehmann .und Konsistorialrath Dr. Giehlow anwesend waren und sich — beiläufig gesagt — über die Leistungen des Hrn. Rosen thal sehr belobend aussprachen. die hiesige nennen wollen; aber in dm meisten Gemeinden, und es sind deren 43 mit ungefähr 2900ff'chulfähigen Kindern in unserem Regierungsbezirke sieht's, mit dem Jugmdunterricht uoch sehr traurig ans. Manche Gemeinden haben nämlich gar keine Schuten; in andern bestehen sie zwar, aber nur für einen Theil der Kinder, während die Mehrzahl derselben ohne KeZmtniß der Religion,' oft auch ohne allen Unterricht mrswächst. Und ist's wahrlich sehr nachtheilig, daß die Schule uoch immer kein Gemeindeinstitut ist, sondern von den Beiträgen-Einzelner, die schulpflichtige Kinder haben, ihr. Dasein fristet, und es daher nicht selten yorkommt, daß sobald eine oder einige Familien ihre Kinder ans der Schule nehmen, diese sich ganz anslost und die betreffenden übrigen Kinder alsdann monden- und mitunter jahrelang keinen Unterricht genießen. Auch ist's ein Uebel und giebt nicht selten zu Konflikten mit dein Lehrer Anlaß, daß die Anforderungen, die man an die Schule macht so verschiedenartig und mitunter noch so ungebührlich sind. Während der Eine z. B. ver- . langt, daß die meiste Schulzeit den weltlichen Gegenständen eingeräumt und für den Religi o ns- und andern sich zunächst auf das Juden thum beziehenden Unterricht nur wenige Stunden wöchentlich üi Anspruch genommen werden sollen — indem es tnrch seiner Meinung schon hinreichend ist, wenn der Knabe um hebräisch lesen und einzelne . Stellen des. Pentateuchs übersetzen kann — verlangt noch so Mancher, indem er aus den Unterricht, den er einst genossen znrnckb lickt, daß auch in der heutigen Schule nicht nur Ten ach sondern auch Raschi und sogar Talmud, wenigstens Mi sch na gelehrt werden soll. Daß ein systematischer Herz und Geist bildender Unterricht in der Religion, in derbibl. und jüd. Geschichte, ganz besonders aber ein zeitgemäßen Unterricht im Uebersetzcn der Tora,, i der Gebete und etwa noch der' ersten Profeten und I Psalmen, so wie die Kenntniß der hebräischen Grammatik (wenigstens die Elemente derselbe), wozu dann noch einige andere jüdische Gegenstände kommen, heutzutage unerläßlich sei, und dies, soll etwas Erklekliches geleistet werden sich nicht durch ein p a arStu n den wöchentlich abthun läßt, besonders wenn der Lehrer, wie es bei uns in der Reget der Fall ist, Kinder von 6—14 Jahren gleichz-eitig zu unterrichten ijcit —- ist immer, noch nicht genug zum Bewußtsein' ge kommen. Das. Hanptübel ist jedoch unstreitig, die so prekäre Stellung der meisten Lehrer, besonders aber das an.vielen Orten wirkliche Nichtvorhandensein zeitgemäßer Unter- 5) Im Regierungsbezirk Mariemverdee leben ungefähr 16000 jüd. Ew. Die größten Gemeinden sindi Zempelburg. (mit 1590 jüd. Bewohnern) Tuchel (mit 720»), Krojanten (665), Gollub (660), M. Friedland (610), D. Crone (570), Zlatow (530), und Jastrow (mit 509 jüd. Einw.).