Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1848)
- Date
- 1848-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
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5 In Mü n chen e.rzcllirt der neue Vorsänger Cdinbnrger und hat schon hochgestellte Personen, wie Prinz Luitpold, Minister von Maurer re., in die Synagoge gelockt. —- Der Regierungspräsident in Mittelfranken Hr. v. Andrian unterläßt nicht bei seinen Inspektionen im Kreise, die jüdischen Anstalten wie Synagogen, Schulen, Frauenbäder re. in Augenschein zu nehmen und sich die bcsuuduen Uebelstande zrl notiren, wie er kürzlich in Mt. Erlbach gethan, bei welcher Gelegenheit er sich auch sehr anerkennend über das Wirken des Rabbiners Dr. Löwi, zu dessen Rabbinat genannter Ort gehört, ausgesprochen hat. — Der Lehrer dieser Gemeinde entbietet sich öffentlich zur Unterrichtsertheilung im Englischen, ohne Unterschied der ®cn fcffion. In derselben Nummer des Korrespondent v. f. D., in welchem dies Anerbieten gemacht wird, hart neben daran, sucht jemand einen Theilnehmer zu einer Handlung und zwar gleichfalls ohne Rücksicht auf Konfession. Sind wir nicht mit Riesenschritten in der Toleranz u. d. gl. vorwärts geschritten? Damit ich Ihnen aus jedem Kreise etwas gemeldet habe, theile ich Ihnen das Kuriosum mit, daß man im Schullehrer-Seminar zu Würzbnrg den jüdischen Zöglingen nicht nur Berthold Auerbachs ,,Dichter und Kaufmann^ k'oufiszirt hat, was sich noch damit entschuldigen ließe, den jungen Leuten die Zerrissenheit im Judenthum noch nicht zur Kenntniß kommen zu lassen, aber auch sogar Mendelssohns Phädon ist diesem Schicksal verfallen. Dies in Ermanglung von etwas Befsrem zun: Schluß. — Leipzig, 16. Decbr. 1847. Unser.gefährdetes Lese-Museum ist vorerst wieder gesichert; was die ganze Leipziger Kaufmannschaft nicht that, die vielmehr eine auffallende Theilnahmlosigkeit gegen das Institut bewiesen , das haben zwei Juden gethan, die Herren A sch ard und O p p c n h e i m e r. Sie ^—• zwei Ehrenmänner und freisinnige aufgeklärte Bürger im schönsten Sinne — haben ein Rundschreiben an ihre Genossen erlassen und nicht eher geruht, bis sie dem Museum noch hundert Jahresabonnentcn, also eine Einnahme von 800 Thlrn. verschafft hatten; ja, sie erklärten rund heraus, daß sie für 100 Abonnenten einstünden-und die fehlenden selbst übernehmen würden. So haben zwei Juden an einer Stadt gehandelt, wo die Jndensnrcht größer als irgendwo im Lande ist, uub wo man den Ruin Leipzigs immer aus allen Ecken Hervorbrechen sieht, wenn ein Jude ausgenommen sein will. (Schles. Z.) Oesterreich. Aus Mähren, 1. Decbr. 1847. (Offene Briefe aus Mähren. Fortsetzung von Nr. 47.) Ich habe meinen jüngsten Brief mit einem Widerspruch geschlossen. Lassen Sie mich heute den Faden aufnehmen, wo ich ihn habe fallen lassen und mich vor: Widersprüchen wieder sprechen. Wir leben in einem Jahrhundert der Widersprüche. Dies will ich sowohl im Allgemeinen als im Einzelnen Nachweisen. A joTe inilium. Mit der Theologie und ihren Jüngern mache ich den Anfang. Wir hatten schon so viele Nabbiuerversammlungen, und doch kamen noch keine Rabbiner zusammen. (Tiefer in die Sache eingegangen löst sich der Widerspruch: so wenig ein Rechtsfreund immer ein Freund des Rechtes ist, ebensowenig muß eine Rabbinerversammlung immer eine Versammlung von Rabbinern sein.) Es herrscht so große Theuerung und dennoch ist unfern Reformern Nichts theuer. Das Leben ist im Widerspruch mit der Lehre, die Lehre mit den Lehrern , und die Lehrer mit sich selber. .Ist eS nicht eine »TvriD, wenn man immer nur einreißt und dennoch nichts aufgebaut wird? Wir haben so viele Vereine und doch keine Vereinigung. Wir haben so viele Zeitblätter und doch zeitigen für uns keine Früchte. Jedes Jahr bringt uns so viele guteWerke und doch Hort 'man so selten von einem guten Werk. Unsere Zeit scheint ein Uhrwerk, das nur auf Federn geht. Mau erleichtert uns das Schwören, und erschwert uns was doch Andern so leicht gemacht wird — das Leben. — Breslau hat einen so geschickten Geiger und dennoch keine Harmonie. Berlin, das seinen Rabbiner sich so gerne ans Sachsen geholt hätte, würdigt nun doch so wenig seinen Sachs und Hr. Stein, so durchdrungen von seinem seltenen Werth, hält dennoch jeden Kirschkern für einen Stein. O Widerspruch der Widersprüche, spricht Kohelet, Alles ist Widerspruch! Doch — dulce est pro patria loqui, und |ü will ich die Widersprüche auf heimathlichem Boden Nachweisen. Bei uns herrscht so viel Bewegung beim. Gottesdienst (das,,Schaukeln" ist in der Moravia noch ganz heimisch) und dennoch so wenig Bewegung im religiösen Leben. Man legt ein scharfes Veto ein gegen Hülsenftüchte, — hoffentlich wird bei uns die Reissrage bald wieder eine Preisfrage werde:: l — und doch halten wir noch so sehr aufHülsen und Schalen, in denen gar keine Früchte sind. Wir stehen unter der Hegemonie eines Hirsch, und doch kriechen wir so langsam vorwärts, und haben doch eine trockene Mischna ’GSQ p* Ist eS nicht ein Widerspruch, daß in einem Lande, wo so großer Druck herrscht, dennoch nichts gedruckt wird; wo so viel zu wünschen bleibt, dennoch nichts begehrt wird? Wir haben ln unserer Metropole (Nikolsbmg) ein so blühendes Institut für Stumme, und dennoch wissen wir Alle leider die Zunge nicht zu regen-, wissen keine Bitte einzulcgen, werden gequält und protestireu nicht dagegen. Wir haben so viele Schranken und dennoch keine anderen Gedanken. — Wir sind so nahe