Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1847)
- Date
- 1847-11-26
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 381 bevorstehenden Landtagsverhandtungen über die Emancipation Ihrer Glaubensgenossen / erwidern wir, daß von uns schon längst die Gleichstellung der Juden mit den Christen gewünscht und vertreten worden , und daß auch setzt wiederholt' unser Landtagsdcpntirter um so mehr Jhreln Gesuche gemäß iustruirt ist, als wir die von ' Ihnen vorgetragenen Grunde des Gesuchs nicht mn\ vollkommen billigen, sondern auch für so human und gerecht hatten, daß eine baldige günstige Losung dieser Frage nicht mehr zu bezweifeln steht. Schwerin, den 8. Ncvbr. 1847. Der Magistrat." (D.A.Z.) Hamburg, 10. Novbr. Die Beschneidungsfrage bildet auch hier in der' jüd. Gemeinde das Tagesgespräch. Zwar nicht so wie in Berlin , wo diese Frage abwechselnd mit Theater'viele Ständen ausfüllt; das kann hier nicht Statt finden, weil wir Kaufleute sind, und der Kramer denkt an nichts und spricht über nichts als über die englischen Bankerotte; er schüttelt bedächtig den Kopf darüber, wenn er auch keinen englischen Schilling in seiner Kasse hat. Alle andere Vorkommnisse treten bei ihm in den Hintergrund. Doch macht die Beschneidungsftage eine Ausnahme; und wahrlich sie ist wichtig genug. Vor vierzig Jahren hatten wir hier einen ähnlichen Vorfall; der Vater eines Kindes bat den Rabbiner und den Vorstand, ihm die Dispensation von diesem Gesetze zu ertheilen, er möchte so gern Jude bleiben; aber es half nichts, man bezog sich auf sein gutes Recht, und der Senat bewahrte dieses gute Recht, und so mußte sich der Jude sammt seiner Familie taufen lassen. Aber seit diesen vierzig Jahren hat die Zeit eine Eisenbahnreise von zweihundert Jahren gemacht, und die Reformer, die an der Seele nichts mehr zu re formten haben , fangen nun mit dem Leibe an. Herr Selig m a n u heißt der Mann , der seinen Sohn ohne Beschneidung selig zu machen gedenkt. Anfänglich wies es der Senat ab, aber gar bald änderte sich die Scene, auch der Senat ist nicht mehr so strenggläubig als vor vierzig Jahren und die Stimme der Ncologen erhebt sich mit Eindruck, oder Nachdruck. Die Geistlichkeit ist ruhiger Zuschauer, und diesmal mit Recht. Sie weiß, wie der alte sel. Rabbiner Trier, das sämmtliche Bet- Din und die größten ausgezeichneten Rabbinen sich vor einigen Jahren in Frankfurt bei ähnlichem Vorfall alle Mühe gaben, uni dieses Hanptgcbot in Kraft zu halten, aber all ihr frommes Streben war vergebens, der dortige Senat erklärte sich, für inkompetent in dieser jüdischen Angelegenheit, und dort sowohl, wie neulich in Breslau, blieb den Neologen der Sieg. Unser Vorstand ist getheilter Meinung. Die Neuerer verbinden sich mit den Gegnern der Beschneidung und die Anhänger des Talmuds, sind Anhänger des Talmuds! — Uebrigens bleibt es merkwürdig, daß während sich der christliche Senat als imkompetent erklärt, sich jeder der Herren Gegner für kompetent in dieser heiligen Sache hält, und darüber spricht und schreibt, daß man glauben sollte, sie warm allesammt ergrauet in Talmud, dabei citiren sie Stellen aus dem Talmud,. die man ihnen als in ihre Meinung eingehend, empfohlen hat. Diese Stelle ist ihr schweres Geschütz, womit sie ihre Gegner aus der Schanze zu schlagen hoffen. Aber auch die Frommenan die Religion ihrer Väter ftsthaltend, sitzen nicht still. Vier Nicht-Theologen haben dem Vorstand eine Akte zugesandt, worin sie erklären: „daß sie zu allen Zeiten und bei jeder Angelegenheit dem Vorstande vollständige Machtvollkommenheit eingeräumt hätten; bei der Veschueidungsfrage aber könnten sie dem Vorstande überall keine Eigenmacht zugestehen, und würden sie keinen Unbeschnittenen als Mitglied der Gemeinde anerkennen." Dieses Aktenstück war mit 8 —900 Unterschriften versehen, woraus gar deutlich zu sehen, daß der größte Theil der Gemeinde für die Erhaltung des heiligen Gesetzes der Beschneidung ist. Denn das Aufnehmer! der Unterschriften ward ins Geheim und mit der größten» Unordnung betrieben. Da keine Aufforderung erschien, so wußte Mancher gar nicht, daß etwas geschehen soll, Manchem wurde die Akte ins Haus geschickt, Mancher wurde vergessen; wäre die Sache mit Anstand und Ordnung geschehen, so würde die Anzahl der Unterschriften auf 4—5000 gestiegen sein. Dabei haben die guten Leute vergessen, daß der Haupt-Gegner eine bekannte hochstehende Persönlichkeit ist, der auch in Frankfurt den Ausschlag gab, und dessen Namen oft in der hohen Stände-Versammlung mit Achtung genannt wurde. Wenn nun aber Euch , großmächtige Gegner der große Wurf gelungen sein wird, wenn Ihr mit Abweisung des einzigen Bundeszeichen ganz von dem Judenthum euch getrennt haben werdet; wenn Ihr euch, was sicher nicht der Fall sein wird, dadurch zur Emancipation gelangen werdet; was dann nun? dann werdet Ihr eine krasse längst entschlummerte Orthodoxie aus dem Grabe herauf beschworen haben um Eurer Ausscheidung, Eurer Beseitigung aller Gesetze unserer heiligen Religion zu entgegnen. Jeder Unglaube führt zu Aberglauben, und daun wird der alte längst vergessene Finsterling seine Lieblinge um sich sannueln und sagen: habe ich es Euch nicht vorhergesagt, daß Ihr nichts, gar nichts, auch nicht das Haman-Klopfen abschaffen dürstet? Sehet, Ihr nun wie Eine Sünde zur andern führt? So lverden mit einen! A n sch e i n von Wahrheit die Stabilen sprechen; aber wir fragen in allem Ernst mit G. E. Lessing: „Und ganz und gar nichtJude, geht noch minder, dem:, wenn kein Jude, diirst er mich fragen, warum kein Muselmann?" — Oder glaubt Ihr etwa, daß ein Volk auch noch Volk ohne Boden, ohne Oberhaupt und auch ohne positive Religion sein kann? Und so lange noch die andern Völker einen Glauben, eine Offenbarung haben, komm Ihr