Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1847)
- Date
- 1847-11-12
- Page
- Seite 362 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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eben ans dem vor der heiligen Lade... liegenden mit)mit einem Fnßteppich bedeckten Ferlstertritte, daS Antlitz zn der Gemeinde geneendet und mit dem Kopfe alle Anwesenden überragend.' — Sich nicht' dämm kümmernd, daß man ihn .llnd. seirlen H'ilHern Lebenswandel genau kenne/ Nichts darnach fragerw, wie die Gemeinde von ihm denkt, und was nian von seinen Predigtei/hält, ganz außer Acht lassend, ob es Jone Kippur ist, oder ein gewöhnlicher 'Tag mi Jahre, schickt er sich au, wieder eine Predigt zu halten,, schickt er sich an, daS Wert Gottes an heiliger Statte zu verkündigen, schickt er sich an, das Volk Gottes zu erbauen, zu belehren und zu .seinem Gotte zmückzusühren. Er räuspert sich, er fährt mit der Hand durch das, unter dem Käppchen hervorragende Haupthaar, überschaut noch einmal. die. Nienge der Beter, läßt auch den schönen Beterinnen durch die weit geöffnetell Seitenthuren einige Blicke zu fallen *■— das Gesicht färbt sich purpurn, die Angen blitzen und dennerähnlich rollt's auS dem Munde deS Heiligen: 'n ovn D'Dyycnsl — D a § nenne ich einen Kl^liesfekt! — Nein Bnider in der Residenz, wer diesem Schauspiel nicht beigewohnt, der hat noch gar Nichts gesehen. — nt>N‘‘ h'D nn\n py n&c\v , murmelte ich leis meiucm nächsten Nachbar ins Ohr. And er drückte mir die Hand und crwiederte: M yDivcb N^n ■WDJ rON'Hl —- Was soll ich Dir lange erzählen? Von der- Predigt ist leider nicht viel zu sagen. Phrase reihete sich an Phrase, Wortgeprang' an Wortgepräng', kein Zusammenhang, kein systematischer Gang, keine Logikkeine Entwickelung des Thema's, keine Ausführung des Textes, Nichts, was die Predigt zur Predigt macht— Alles Blendwerk, Alles ans Effekt^ berechnet. Bald wird ans die Orthodoxen und deren Treiben rasonnirt, bald werden die Aufgeklärten mit ihrer Neuernngssucht in derl Staub getreten, der Redner will eine Mi ttelstraße finden — er sucht sie mit gewaltiger Mühe und Anstrengung — gleich einem unwissenden Schiffer irrt er umher auf dem weiten wüsten Meere der (modernisirten) jüdischen Derascha, vergebcn'Mich klammernd au ein Citat aus dem Midrasch, vergebens an eine (fingirte) Stelle ans dem heil. Buche des Ben Jochai (Sohar)— Nichts, Nichts will mehr helfen, das Schiff scheint seinem Untergänge nahe.—--'Siehe, da holt der gewandte moderne Darschan plötzlich eine neue Phrase hervor, feuert sie ab':— die Klippe ist umschifft, die Gefahr vorüber. Nun folgt wieder Phrase ans Phrase, Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag, wie am Tage deö jüngsten Gerichts.—- Und Ein Blitz muß gezündet haben; denn in den Augen der Weiber zeigen sich Thranen — wozu anders, als um das angerichtete Feuer zu löschen? Ja das weibliche 'Publikum weint, denn der schlaue Pfaffe hat von todten Müttern, tängstvermoderten Vätern und kranken, schwachen Kindern gesprochen. — Die Männer aber, nicht so weich von Gemnth, lachen, gähnen oder machen saure Gesichter. Rach anderthalb Stunden ist endlich (o welches Glück!) die Quasi- Predigt zu Ende. --- Der Mllssaf-Chasan beginnt sein Gebet, aber die Andacht im Volke ist gestört, gestört durch die Predigt, gestört für den ganzen Tag. Das Murmeln und Flüstern über Predigt".und Prediger will kein Ende nehmen, es bauert fort bis auf den Abend, cs dauert fort bis der ganze Gottesdienst zu Ende und alle Anwesenden den Saal verlassen. — Aber Du bist noch nicht fertig, .lieber Kollege an der Spree! Der schönste Spaß soll erst jetzt kommen. Drum höre. — Der klcingewachsene Theologe, j. e das Pfäsflein. von dem ich oben gesprochen, hatte sich/ auch eine Predigt znsanuüengestück'elt und wollte sie. zwischen Mincha -und Nilah dem Publikum zum Vesten geben. Aber merkend, daß letzteres nicht mehr geneigt sei, heute noch etwas Erbauliches zu vernehmen, gab cs sein Verlangen zu predigen auf, bat aber seinen Kollegen, der so zu sagen den ersten Rabbiner spielte., um die Erlaubniß, wenigstens das Rita-Gebet (an seiner Statt) vertragen zu dürfen. Das Pium desideriuin imtefcc gewährt, und da hätte ich Dir gewünscht zn sehen', mit welchem Stolze unser Mnnaturtheologe daS Stcrbcgewand anlegte, das betreßte Käppchen aufsetzte, den Talit shawlförmig um den Hals schlang, und mit welcher' Gravität er hintrat vor den O'med und sich anschickte, als Vorbeter. zu fungiren..' O, es war eine Lust dies Alles mitanzuschauen! Hast Du überhaupt je schon einen neuen Rabbiner oder Prediger das Nila-Gebet vortragen hören? Ich den letzten Jom-Kippur zum ersten Mal in meinem Leben. — Nein, dachte ich bei mir selbst, was doch diese Leutchen Alles' können! wie sie doch, wenn es sein mich, das alte Nabbinerthnm so trefflich zu kopireu verstehen! wie sie sich überhaupt in jede Lage zu schicken wissen? Ich hätte Dir nur gewünscht zn hören, wie schmelzend unser nenrabbinischer Kantor die bekannten alten Melodien absaug, wie er und tote) D^n mit einem Marsch begleitete, wie scharf er die Schlußworte der no"w aeeentuirte, wie er jnu ■ nntt und nnN mit Pathos dcklamirte, wie er zuweilen Alt und Neu mit einander zu verschmelzen suchte —• wahrlich! Du wärst außer Dir gewesen vor Staunen und Verwunderung. Aber Du hast 'von. dem Allem Nichts gesehen — und darum bedaure ich Dich, Bruder im jungen Athen, und darum weihe ich Dir eineThräne des Mitleids. Noch mehr aber bedaure ich die Leser des Orients; denn diese sind um das meiste, nämlich um einen witzigen Artikel gekommen -— Adieu, mein lieber Kollege. , Deiu.W. Halberstadt, 22. Oktbr. (Schluß.) Ja, er bebemerkte am Schluffe dieser schon in der Einleitung benutzten Afsaire als er zum Einzelnen überging : „über das Bisherige wären wohl Alle einverstanden". Ist das recht, ist das wahrhaft, ist das aufrichtig? War