Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1847-10-15 · Heft 42 (15.10.1847) · p. Seite 333

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 42 (15.10.1847)
Date
1847-10-15
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360472-2360515--6113-3533571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Lehrweisheit, seiner felsenfesten Treue an den Gott Israels, und seiner unbegrenzten Wohlthätigkeit bei Jsrae-- liten und Nichtisraeliten. Sein ganzes Leben , das in Entbehrungen, Entsagungen und Aufopferungen bestand, war nur der Beglü^'ung seiner Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens gewidmet; viele Thränen der Armuth und des Unglücks trocknete er, manches wunde Herz hat er geheilt und manchen Kummer als Freund und Tröster brüderlich getheilt und gelindert. In welch' allgemeiner Verehrung und Liebe er hier und in der Umgegend gestandet: hat ^bewies sein Leichenbegängmß, bei welchem eine gewiß sehr seltene Theilnahme bethätigt wurde, denn über achthundert verschiedenen Konfessionen Angehörige, schlossen sich dem Leichenzuge an. Schon Abends vorher und mit konunendem Tagesanbruch sah man von allen Seiten, zum Theil aus beträchtlicher Ferne, Freunde und Verehrer des Verstorbenen in Menge herbeiströmen. Gegen 10 Uhr bewegte sich der Zug in der musterhaftesten Ordnung durch die Stadt, wie folgt: Dem Sarge, getragen von den Vorständen des Rabbinatsbczirkes folgten drei israelitische Lehrer, welche große in Flor gehüllte Folianten, die geschriebenen talmudischen Abhandlungen des Verstorbenen, trugen. Den hierauf folgenden Angehörigen des Verstorbenen hatte sich die israelitische Schuljugend angeschlossen und dieser folgte Hr. Rabbiner Dr. Auerbach von Darmstadt, welcher gekommen war, seinem greisen'Kollegen die letzte Ehre zu erweisen, begleitet von Hrn. Le vi, Lehrer und Vorsänger der hiesigen israelitischen Gemeinde und Hrn. Fromm, dem Privatlehrer des Verstorbenen. Hierauf folgten zwei hiesige evangelische Geistliche, die Geistlichen von Erbach, viele auswärtige israelitische Lehrer, und die Lehrer der hiesigen Real- und Stadtschulen. Auch Se. Erlaucht der regierende Graf zu Erbach-Fürstenau, hatte die Gnade seine Achtung dem Verblichenen durch eine Deputation zu bezeugen, welcher sich nun der Laudrath des Bezirkes, der hiesige Beigeordnete und Gemeinderäthe anschlossen. Sodann folgten zahlreiche Beamten und Bürger und eine unabsehbare Reihe israelitischer Glaubensgenossen beiderlei Geschlechts — die zum Rabbinatsbezirk gehörende Orie nach alphabetischer Rangordnung cingetheilt —■ beschloß endlich den Zug. Erst vor der Stadt begann der Wechsel der Leichmträgex, welcher sich nun oft wiederholen mußte, um es auch dm übrigen zum Rabbinatsbezirke gehörigen Gemeinden möglich zum machen, ihren verehrten Rabbiner zur Ruhestätte bringen zu können. Alles dies ist aber in so großer Ordnung vor sich gegangen, daß der Zug säst nicht die mindeste Unterbrechung erlitt. Auf dem Friedhofe angekommen hatten sich schon zahlreiche Zuhörer daselbst versammelt, und nachdem die üblichen Gebete und Gebräuche verrichtet waren, hielt Hr. Dr. Auerbach die erste Rede; nach diesem trat der eine evangelische Geistliche, Hr. Mitprediger Bauer auf, an dessen Rede sich noch zwei andre reihten, gehalten von Hrn. Fromm und Hrn. Levi. Hierauf folgten nun die Schlußworte, gesprochen von Hrn. Stadtpfarrer H e ssi g. Sämmtliche Redner hoben in höchst ansprechender Weise die Tugenden und Verdienste des Seligen hervor, und zeigten, welche Stütze des Judcuthums mit ihm gebrochen, welche Hoffnung mit ihm hinabsank, wie seine ganze Kraft seinem wichtigen und heiligen Berufe gewidmet war, und wie Wohlthun gegen Jedermann, ohne Unterschied des Glaubens, der Grundzug seines biedern Charakters gewesen, wodurch er sich eiu bleibendes Gedächtniß bei Israeliten und Christen' gestiftet hat. Besonders ergreifend war die Rede des Hrn. Müprediger Bauer, und die sehr gehaltvollen Schlußworte des Hrn. Stadtpfarrer Hessig, welche gewiß in.den Herzen aller Anwesenden den tiefsten Eindruck gemacht und selbst die Orthodoxesten, welche einen so seltenen Fall, evangelische Geistliche am Sarge eines Israeliten reden zu hören, noch nicht erlebt hatten, verließen dankbar gerührt den Friedhof. Diese Leichenfeier obgleich vom Wetter nicht begünstigt, war eine wahrhaft erhebende und gewährte ein erfreuliches Bild der Humanität und Toleranz. Gewiß kann es nur von guter Nachwirkung sein, daß die evangelische Geistlichkeit mit gutem Beispiele vorangehend, den Biedermann ehret, wo sie ihn find et, und die Scheidewand fallen läßt, die nur zu oft Christen und Juden trennet! Schließlich erlaubt sich Einsender dieses zu bemerken, daß zur Versorgung der nun armen und hülfslvsen Familie des Verstorbenen ein Comite zu Errichtung eines Fonds sich hier gebildet hat, welches zur Erreichung eines solch heiligen Zweckes durch einen demnächst ergehenden öffentlichen Aufruf die kräftige Unterstützung aller edlen Menschenfreunde erbitten wird. L. Karlsruhe, 30. Sptbr. Ich erlaube nur, Ihnen hier ein Exemplar der Verordnung des Großh. Oberraths der Israeliten zukommen zu lassen. Es lautet: Großhcrzoglich Badischer Oberrath der Israeliten. Karlsruhe den 17. September 1847. Die gottesdienstliche Feier iw den Synagogen des Landes wegen des reichen Segens des Jahres betreffend. ,,Unter den durch das Wort Gottes eingesetzten hohen israelitischen Festen ist das Sukkotfcst (das Fest der Hütten, der Einsammlung der Felderzeugnisse) als Dank und Freudenfest besonders ausgezeichnet. Eö soll nach seinen eigenthümlichen Satzungen in glücklichen Tagen an die durch die Gnade Gottes überwundenen Bedrängnisse mahnen und so das Gemüth zun: freudigen Dank anregen gegen unfern Vater im Himmel, von welchem alles Heil und aller Segen ausgeht und das Vertrauen zu seiner Hülfe in der Noth befestigen. Die kaum vorübergegangeuen Tage waren wohl geeignet diese religiösen Gefühle zu erwecken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.