Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1847)
- Date
- 1847-10-15
- Page
- Seite 332 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360472-2360515--6112-3533570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-r 332 - ju erwerben. Die Besitzer forderten damals einen Preis von 20,000 Thlr., die königliche Bibliothek aber forderte vor Allem ein Verzeichniß. Das Verzeichniß scheint nicht eingesendet/dagegen der Preis im Vorgesetzten Ministerium zu hoch gefunden worden zu sein. Jedenfalls blieb hier Alles still und die Kauflust gemäßigt, während der BuchhändlerAsher, als Agent des British Museum, energische Schritte that, die Sammlung für letzteres Institut zu erwerben, was ihm vor einigen Wochen auch gelungen ist, und zwar, wie wir hören, zu einem geringeren Preis als die oben geforderte Summe. Einen Katalog hat man vor mehreren Monaten zu machen angefangen, der jetzt bis zum 28. Bogen vorgeschritten ist, aber von Seiten der Genauigkeit und Geschicklichkeit viel, sehr viel zu wünschen übrig läßt. Welchergestalt eine in ihrer Art so einzige Sammlung für die königl. Bibliothek in Berlin verloren gehen konnte, nachdem sich eine so bestimmte Kauflust ausgesprochen, begreifen wir nur zum Theil und mögen Andere rechtfertigen. Gewiß ist, daß von mancher gelehrten Seite, sowohl christlicher als jüdischer, warme Wünsche in dieser Beziehung an das hohe Unterrichts-Ministerium ergangen sind, aber wahrscheinlich hat da§ oft wiederholte: „Es ist kein Geld ba"! jeden Wunsch und jede Energie zmück'geschreckt. Es gab im Jahre 1846 noch Gelehrte, die so voll Gutmütigkeit waren, daß sie glaubten, wenn die königl. Bibliothek die Sammlung nicht ankaust, so würden es reiche Hamburger oder Berliner Juden in Geckeinschaft thun, wie es im vorigen Jahrhundert Johann David Michaelis vermuthete (S. Magazin 1843 Nr. 135), und sollten diese keinen Sinn dafür haben, so würde doch diesmal der fromme Rothschild in Frankfurt sich einen Schatz nicht entgehen lassen, welcher alle Weisheit und alle Ueb'erlieftrungen in sich faßt. Leichtgläubige Thoren! Israel Jacobson war der letzte der Juden in. Berlin, der letzte, der sein Wissen und Wollet!, sein Thun und Leiden zur Veredlung seiner Glaubensgenossen und ihrer Geisteswerke darbot; der Jndifferentismus der Gegenwart läßt sich nicht in seinem Doleesarniente stören, die Gebildeten sagen: was geht's mich an, die Ungebildeten: was geht's mir an, und damit ist die Angelegenheit erledigt. Aber für Rothschild möge mir noch Raum zu einigen Zeilen vergönnt sein: Herr Anselm v. Rothschild in Frankfurt am Main ist als ein höchst wohlthätiger Freund der Armen bekannt, Juden und Christen wissen Anekdoten aus der Geschichte seines Edelmuths zu erzählen, und alle vereinigen sich in der Feier seiner Freigebigkeit. Um so schwerere wird es uns aber bei solcher Lage der Dinge, die Frage zu beantworten: Wo sind die bleibenden Denkmäler des Herzens und des Geistes, die sich'dieser Edle setzt? Jeder hermntreibende Talmudist aus Polen, Jeder, der sich für einen solchen ausgiebt, jeder unwürdige Abenteurer und Schmarotzer , Jeder, der in jüdischer Literatur macht, darf auf reiche Unterstützung des Frankfurter Krösus rechnen; Tausende von würdigen Armen und unwürdigen Menschen, die aus Bettelei ein Gewerbe machen, werden jährlich in seinem Hause beschenkt, und große Summen werden auch wohlthätigcn Anstalten gereicht. Aber wie heißen denn die Anstalten, die Rothschild selbst gegründet? Wo sind die Schulen, die seinen Namen tragen? Welches sind die Werke der Wissenschaft und der Kunst, die seinem Mäcenat ihre Entstehung verdanken? Und doch wäre es dem so unermeßlich reichen Manne leicht, so Vieles zu schaffen, und doch wäre es ihm Bedürfniß, gleichwie Epaminondas sich durch Leuktra und Maniinäa bleibende Thaten an Kindesstatt geschafft, durch solche Schöpfungen seinen Namen sortzupflanzcn. Wie ich höre, sind ihm von mehreren Seiten Wünsche zugcgangen, diese Bibliothek zu kaufen; ein Kanfschilling von 20,000 Thlr. und eben so viel für Erhaltungskosten ist ja für einen Rothschild ein winziges Sümmchen, für ihn, der in einer Minute Hundertausend gewinnen und verlieren kann. Er hat selbst einen Neffen, der sich ganz, wie man erzählt, von den fündigen Freuden dieser Welt in die reinen Lehren der Rabbinen zurückgezogen, und dennoch hat dieser sonst so edle und freigebige Mann keinen Sinn für den Ankauf der Michael'schen Bibliothek gehabt l Vor einigen Wochen ist ihm, nach dem Berichte der Zeitungen, einschwarzer Schwan entflogen, der 1200 Gulden gekostet, er weiß demnach für solchen Luxus nicht geizig zu sein, aber wüßte er erst, welche schwarze Schwäne von größter Seltenheit und zauberhaftem Gefieder in jener Sammlung waren, er hätte diese Schwäne nicht entfliehen lassen! F. Lt. Michelstndt, 29. Sptbr. (Nekrolog). Eine Trauerfeier seltener Art bewegte am 16. d. unsere Stadt. Der berühmte und würdige Rabbi Isaak Löb Wormser ist heimgegangen zu seinen Vätern. Schon längere Zeit mit den Beschwerden des Alters kämpfend, ist er am 13. d. gegen Abend gottergeben und noch mit sterbender Stimme seinen Herrn preisend zur Ewigkeit eingegangen im 76. Jahre seines Lebens. Tiefe und aufrichtige Trauer erregte sein Tod nicht nur bei feinen Hinterlassenen, die nun durch diesen harten Schickfalsschtag aller Stütze und Versorgung beraubt , der bittersten Armuth und dem größten Elend preisgegeben sind, sondern auch bei seinen zahllosen Gönnern,. Verehrern und Freunden in dem ganzen Rabbmatsbezirke und weit hin über die Grenzen Deutschlands, Europas, ja selbst über den Ocean wird sein Heimgang von gläubigen Herzen beklagt und betrauert werden. So einfach und geräuschlos sein Leben und Wirken in unserer Mitte war, so berühmt und allgemein bekannt und hochgeschätzt. war er durch seine Frömmigkeit, seiner tiefm