Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1847)
- Date
- 1847-09-24
- Page
- Seite 309 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Breslau, 2?. Aug. Neulich war in den hiesigen Blättern die Dankadresse an die hcimgekchrten hiesigen Landtagödepntirten abgedruckt, und sie war unterzeichnet Lom Vor stau d: D t. Geiger, Schreiber re. Alle Welk wunderte sich darüber, wie Dr. Geiger zum Vorstand gehöret Die Unterzeichneten sahen sich daher genöthigt, es als Druckfehler zu erklären. Jndeß liegt in dem Zufall eines Druckfehlers manchmal mehr Wahrheit, als Ln einer noch so gut gemeinten Korrektur. Daß G. bisher wirklich zum Vorstand gehörte, das bestätigt ein eben diese Tage anfgetanchtes Faktum , das sie mir in aller Breite zu erzählen erlauben müssen. Vielleicht ist es der letzte Bericht über das Obervorsteherkollegium. Als der Vorstand sich nicht mehr verhehlen konnte, daß nr Folge des neuen Judengesetzes fein Reginlent zu Ende sein muß, dachte er sich durch eine Anstrengung zu verewigen. Er ließ an sännntliche Gemeinden Schlesiens ein Rundschreiben ergehen, sie möchten aus ihrer Mitte einen Abgeordneten hierher beschicken, um. gemeinschaftlich mit ihm vorbereitend zu berathen, wie mehre kleinere Gemeinden zu einer Synagogengemeinde vereinigt werden, wie die Statuten beschaffen sein sollen re. Nun lag es auf der Hand, daß dergleichen Berathungen von einem Vorstand, der in der eigeneil Gemeinde keine eigentliche unangefochtene Kompetenz besitzt, der in Folge des neuen Gesetzes auch den letzten Schatten von Macht verloren hat, mit Abgeordneten, deren Wahl nicht vonl Volke ansgegangen , einem Kinderspiele ähnlich sähe, da doch die Beschlüsse dieser Berathung auch nicht die geringste Bindekraft für die kräftig zu bildenden Synagogengemeinden besitzen. Allein, es tag auch gar nicht daran, eine provinzielle Einheit zu erzielen, oder nützliche Resultate für Gemcindeordnung fcstzustellen, sondern es sollte von ihm geredet werden, lun mit Geräusch vom Schauplatz abzutreten. Am 24. kamen die Deputaten von 46 Gemeinden-hier an, wie erstaunten sie aber, als sie in das GemeindcLokat eintraten und Geiger erblickten, der den PräfidentensLuhl ans eigener Machtvollkommenheit eingenommen hatte, der also Miene machte, die Versammlung zu beherrschen, wiewohl ihn weder die auswärtigen Depunrten und noct; der hiesige- Vorstand zu dieser Funktion berufen! Dies freilich iluponirte dermaßen den Mitgliedern, daß sie ihn nicht abtreten hießen; allein die Verhandlungen waren dadurch noch «lehr gelähmt. Viele Depuürte erklärten sofort, daß sie sich aller Abstimmung enthalten müßten, und nur zu hvspitircu gedächten, um ihrer Gemeinde über die Verathung Bericht zu erstatten Andere, die es wohl einsahen, daß man darauf losgiug, sie unter einem Schein harmloser Verathung zu fangen, rüsteten sich zu einer energischen Opposition. Eine ziemliche Aengstlichkeit herrschte in der Versammlung, als fürchtete sie, durch die unschuldigste Koncession überliefert zu werden , denn sie wußten ja auch, mit wem sie es zu thun halten. Auch blickte im . Laufe der Verhandlungen die Absicht nicht undeutlich durch, daß man es darauf abgesehen hatte, die auswärtigen Mitglieder dafür zu gegewiunen, daß sie sich einer Art von Bischof-Rabbiner uitterwerfen sollten, der seinen Episkopalsitz in der Hauptstadt haben sollte. Die Resultate dieser Verhandlung konnten nicht anders als unbedeutend ausfallm. Nachdem die formellen Vorfragen erledigt waren, kam die Frage an die Reihe, wie sich die kleinern Gemeinden zu einer größeru Synagogengemeinde vereinigen sollten, es konnte aber zu keinem Resultate kommen, weil auch die kleinsten ihre Selbstständigkeit ohne weiteres nicht arffgeben mochten. Auch die zweite Frage, auf die es am meisten abgesehen war, daß in den . Statuten ausgenommen sein soll, jede Synagogen-Gemeinde sei verpflichtet, einen Rabbiner, an die Spitze zu stellen, fiel mit Majorität durch. Die dritte Frage über die Fähigkeiten des Rabbiners, falls die Gemeinde sich zu dessen Anstellung entschließen sollte, rief hitzige Debatten hervor. Der Präsident, der schon seine Studien ganz vergessen zu haben scheint, drang darauf, daß der Räbbmer regelmäßige Gymnasial- und akademische Studien gemacht haben soll, dafür aber war er in Bezug auf tofe mnn viel nachsichtiger, es sollte genügen, wenn der Kandidat ein Diplom von einem einzigen Rabbiner über feine Fähigkeit im Rabbinifchen beizubringen vermöge. Gegen diesen Punkt legtedie Minorität Protest .nii, an der Spitze befand sich Dr. Eg er aus Hainau, überhaupt init parlamentarischer Gewandtheit dem konservativen Princip das Wort redete, uu'd die Uebergriffe des Prästdireudm in die Schranken Zurückwies; die Minorität gab zu Protokoll, daß jede Gemeinde berechtigt fei, die Fähigkeiten und die Richtung des Kandidaten von 3 zuverlässigen Sachverständigen,, einem Rabbiner, und zwei Laien, prüfen zu lassen. Das Detail dieser monströsen Verhandlung werden wir aus den den: Drucke übergebener, autographischew Exemplaren ’ erfahren. Nur zweien Sitzungen wohnten sämmtliche Deputirte bei, in der dritten Sitzung waren nicht viel mehr als 10 übrig geblieben, und mau beeilte sich von diesen Restanten schnell eine Dankadresse zu fordern, damit mau in öffentlichen Blättern auöposaunen könne, mit welcher Gewandheit und Unpartheilichkeit der sich selbst wählende die Berathungen geleitet habe. Ich aber kann Ihnen versichern, daß nicht nur die meisten auswärtigen Mitglieder, sondern auch die hiesigen über diese Eigenmacht entrüstet waren, daß ein Geistlicher sich in die Versammlung von Gemeinde-Abgeordneten eindrängte und das Prädistdiren nsnrpiren konnte. Allerdings dürfte nichts geeigneter sein, die Religiosität und die tturcißeude Auflösung in den Gemeinden zu heilen, als ein festes Zusammenhalten der Gesammlgcmeinden in der Provinz, als ein gemeinsamer Geist in dem Entwurf der Statuten, nur modifieirt durch die Ausnahme-