Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1847-09-17 · Heft 38 (17.9.1847) · p. Seite 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 38 (17.9.1847)
Date
1847-09-17
Page
Seite 299 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360472-2360511--6075-3533497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 299 selbst diese^ Stiefkinder untereinander nicht alle gleich behandelt, denn das Gesetz vom 23. Jnli enthält ja I. Bestimmungen für alle Landestheile ,,mit Ausschluß des Großherzogthums Posen" und II. Bestimmungen für das Großherzogthnm Posen. — Die jüdischen Bewohner des Großh.^ Posen haben also noch nicht einmal die Ehre, des Staates Stiefkinder zu heißen. -- Und nun erst der Unterschied zwischen natnralistrten und nicht natnralisirten Juden. — Jenseits des Rheins werden sie fragen: „Sind die nicht natnralistrten Juden des Großh. Posen auch Menschen— Und selbst hinter der Memel und der Weichsel wird man Etwas zu fragen haben, nämlich: „Wenn es wahr ist, daß das Pr. .Posen, weil cs erst seit drei Deeennien unter Preußischer Negierung, hinsichtlich der Bildung den übrigen 7 Provinzen nachsteht, so wird dochj dies unmöglich aus die Bewohner jüdischen Glaubens allein, sondern vielmehr auf die särruntlicheu Bewohner der Provinz zu beziehen sein, und warum cristirt dann nicht ebensowohl eine Unterscheidung in naturalisirte und nicht naturalisirte Christen? überhaupt eine Unterscheidung in naturalisirte und nicht imtnratistrte Herzogthümer? — So wird man im Osten fragen. Doch wir Juden des Großhcrzogthnms, wir wollen weder nach Osten noch nach Westen antwortet,; wir wollen nicht, weil wir nicht können« Aber etwas Anderes wollen wir und wollen cs au§ dem Grunde des Herzens. Wir wollen, trotz der uns widersahrnen mehrfachen Hintcnansetzrmg, treu sein nnscrm Könige, treu sein unserm Vaterlandc, wir wollen ihm ergeben sein mit imserm Gut und Blut; wir wollen achten und gern befolgen die Gesetze unseres Staates, des Staates, in dem wir geboren und erzogen; wir wollen gern und willig seine Lasten tragen; wir wollen Preußen sein wie die christlichen Bewohner unserer Provinz, wir wollen Preußen sein wie die christlichen und jüdischenBewohucr aller übrigen Provinzen; wir wollen Preußen sein im echtesten Sinne des Worts, wir wollen es sein und bleiben, so lange wir leben. Gott segne unfern König und erhalle ihn nvch lange, lange Jahre! W. Leipzig, 7. Sptbr. Ans dein bereits erwähnten zweiten Theile des Rupp'schen Erbauungsbuches S. 97 ff. Heilen wir folgende interessante Stelle mit: „Juden erfreulichsten Veränderungen, welche im verflossenen Jahrhundert begonnen haben und sich gegenwärtig vollständig nach allen Seiten entwickeln , rechne ich die Annäherung zwischen Christen und Juden, welche die schwere Schuld einer fast zweitausendjährigen Feindschaft zu tilgen verspricht. Ihr werdet mir darin 5) Zuerst gegen Christen überhaupt f fobann gegen die (meist polnischen) Christen ansercr Provinz, denen wir, was die Kultur anlangt, durchaus um Nichts nachstehen — und endlich gegen die Juden der andern Provinzen. beistimmen, so wert einzelne Erscheinungen überhaupt erfreulich genannt werden dürfen, ehe man die Gründe derselben unterstlcht hat. Jede Feindschaft setzt Mißverständnis und Mißtrauen, Argwohn und Haß voraus und muß, so lange sie dauert, die Macht dieser verderblichen Feinde der menschlichen Gesellschaft vergrößern oder doch wenigstens erhalten. Wo die Blätter der Geschichte bisher von dem Verhältniß der Juden und Christen zu berichtcu hatten, erzählten sie von dein Unrecht, welches die Verehrer Jehovahs und die Jünger Jesus von Nazareth einander zugefügt , und das Uebelste war, daß beide diese ungerechte Behandlung so lange als eine Pflicht ansahen, welche ihnen ihr religiöser Glaube selbst auferlegte. Schon als Kind lernte der Christ den Namen eines ganzen Volkes mit Verachtung nennen , mit dessen Genossen er täglich verkehrte. War es möglich, daß die christlichen Völker zum Besitze der Freiheit gelangten, so lange sie selbst fertfuhren, die ungerechteste Unterdrückung anSzuüben? Diese alte Schuld ist theils schon getilgt, theils verschwindet sie durch die vereinten und unermüdlichen Anstrengungen der Bessern von Jahr zu Jahr immer mehr; und mit Rücksicht auf diese ihre Wirkungen ist die Veränderung, von der wir sprechen, gewiß in jeder Beziehung erfreulich zu nennen. Dabei wäre es freilich nicht unmöglich, daß unsre Freude über diese Annäherung der Christen und Inden getrübt würde, wenn wir von den wohlthätigcn Folgen absehen und die Gründe prüfen, welche die Christen zu einem menschenfreundlichen Verfahren gegen ihre jüdischen Brüder bestimmen. Es wäre möglich, daß die Veränderung selbst nicht ans der Erkenntniß der Wahrheit herverginge ttiib die Wirkungen dennoch znm Wohle des menschlichen Geschlechts ausschlügen, wie die Geschichte überall lehrt, daß der Geist des Ewigen das Böse zum Guten wendet — und cs giebt wirklich Viele, welche über diese Veränderung mehr Schmerz als Freude empfinden, weil es nach ihrer Ansicht die gefährlichsten Jrrthümer gewesen sind, die diese Annäherung zwischen Christen und Juden bewirkt haben. Ich glaube, daß sie sich irren; aber wir wollen sie hören. Die christlichen Priester erinnern daran, daß jene alte Feindschaft daher entstanden sei, weil Jesus von Nazareth dem einen Volke stets in demselben Grade ein Gegenstand des Abscheus, als dem andern ein Gegenstand der höchsten Verehrung gewesen. Die christlichen Priester schließen daraus, daß diese Feindschaft nur ans einem doppelten Grunde aush'örcn könne, entweder die Christen müssen Jesus als den Erlöser zu verehren aufhören oder die Juden müssen ihn als solchen erkennen Lernen. Entweder die Inden müssen Christen werden oder die Christen Inden, wenn der Friede hergestellt werden soll; einen dritten Fall giebt es nach ihrer Ansicht nicht. In jener Annäherung, an welcher die. Bildung der Gegenwart 38*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.