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Der Orient · 1847-07-16 · Heft 29 (16.7.1847) · p. Seite 230

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 29 (16.7.1847)
Date
1847-07-16
Page
Seite 230 (sequence 11)
Language
German
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230 berichtigen müssen. Die Herrn Dr. Formstecher von der Staatsbehörde auferlegte Pflicht, „mit der konsirirnrten Jugend an den Sonntagen in der Synagoge Repetitionen im Religionsunterricht.vorzunehmen", hat derselbe allerdings treulich erfüllt, aber diese Repetitionen fanden nicht , wie es derselbe zur Vertheidignng seines gegenwärtigen neuen Kultus angibt, 'an den Sonntagen. sondern an den Sabbat e n in den Nachmittagsstunden statt; der jetzige Sonntagsgottesdienst ist daher nicht die nur mit etwa größerer Feierlichkeit früher stattgehabten Repetitionen, sondern ist der so oft angeregte Sonntagsgottesdienst mit allen seinen Konsequenzen, welcher Kultus in seinem ganzen Wesen als Opposition gegen das bestehende Judenthum auftritt, auf dessen Altären die Eintracht 'und der Friede der Gemeinden einem erborgten und nachgeahmten Lichtschimmer geopfert werden sotten. Wäre aber wirklich, wie esHr. Dr. Formstecher vergibt, die ernste und erste Veranlassung dieses Sonntagsgottesdicnstes ,,die Sehnsucht nach religiöser Belehrung und Erbauung" gewesen, — welche zu befriedigen aber ein Seelenhirt nicht erst das ,,Ersuchen der konfirmirten Jünglinge" oder „die Aufmunterung des Gcmeindevorstandes" hätte abwarten, sondern unaufgefordert, wie der Segen Gottes, seine beseligenden Wertenden nach Belehrung und Erbauung lechzenden Jünglingen zuströmen lassen sollen, _ hätte diese Erbauung auf ähnliche Weise und mit demselben Gepränge in den bis jetzt bestandenen „Repetitionen" am Sn b b a tua ch m i ttage stattfirrden können und die Herteiziehung von Zuhörern christlicher Mitbrüdcr darf kein Grund sein auf Kosten der eigenen -Religion zwecklose und nicht verlangte Kencessiotmt zu machen. Wir wiederholen daher nochmals, daß dieser Sonntagsgottesdienst einzig und allein seinen Ausgangspunkt in der theoretischen Anerkennung des Prinzips der Verlegung des Sabbats ans den Sonntag zu suchen ist, und, da bei der unbeschrankten Religionsfreiheit im Judenthum kein praktisches Hinderniß für das Individuum in der Geltendmachung dieser Theorie besteht, so ist der öffentliche Kultus allxindas charakteristische Merkmal dieses sich Anerkennung suchenden Princips, welches zu bekämpfen der einzige Zweck der sich „diesen unschuldigen Repetitionen" Opponirenden ist. ' Ob nun diese Opposition nur auZ Reichen oder aus „einigen weniger bemittelten Familien" besteht, kann wohl auf die Handlungsweise eines Rabbiners influiren, ist aber aus die öffentliche Meinung, die wohl weiß, daß Intelligenz und Reichthum nicht immer vereint sind, von keinem Gewicht. Wahrheit und Recht wird aber anch in. unserer Zeit nicht für Geld verkauft. A.Z.d.J. Gondershausen, 5. Juli. Die Eröffnung unseres ordentlichen Landtages seit dem 28. Juni, des zweiten nach dem Landgrnndgesetze vom 24. Sptbr. 1841, bringt auch für unser Ländchcn die Emancipationsfrage zur Sprache. Der hiesige Vorstand hat bereits dem hulnancn und für die Echelumg seiner jüdischen Unterthaneu sehr warm fühlenden Fürsten eine Petition überreicht, welche der dortige Prediger und Rabbiner Dr. Heid e n h e i nr abgefaßt,* und man erwartet jetzt um so eher ein günstiges Resultat, als das großartige Beispiel des preußischen vereinigten Landtages nicht ungünstig ans die Gestaltung der Judeufrage in den kleinern Staaten Deutschlands cingewirkt, wie sehr sich auch der jüdische judenfeindliche 0-Korrespondent in der D. A. Z. darüber ärgern mag. Dazu kommt noch, daß unser einstimmig präsentirter Landschastsdirektor Huschke dem Principe der Humanität ungecheilt huldigt, und daß die Regierung in Bezug auf jüdischen Kultus und jüdisches Schulwesen stets mit einer seltenen Liberalität und Humanität gehandelt. Da der Druck der Verhandlungen bereits begonnen, so werde ich mir erlauben, zur Zeit anch die die Juden betreffenden einzusenden. Jedoch werde ich specielle Nachrichten früher senden. — Sohrau (O. S. im Juni.) Die Juden Schlesiens haben einen herben Verlust erlitten. Hr. Muhr aus Pleß ist nicht mehr. In der Nacht vom 11. zum 12. d. M. hat sein hoher Geist die irdische Hütte abgestreift. Er war einige Tage früher nach Breslau gereist. Daselbst angelangt erkrankte er und verschied nach nenutägigem Krankenlager. Muhr war ein Mann von seltenem Geiste, von seltnen Talenten und Kenntnissen, von seltner Klugheit und Erfahrung. Er war gut und liebreich gegen Jedermann, ohne Unterschied des Glaubens. Wen irgend Kummer druckte, wer bedürftig, und leidend war, er wandte-sich an Muhr, und war sicher in ihnr einen treuen Nathgcber, einen aufopfernden und einflußreichen Helfer zu finden. Sein edles Herz schlug heiß und feurig für Meuschenwohl überhaupt, aber glühend für das Wohl seiner Glanbensbrüder; und Glaubensbruder war ihm Jeder vom Stamme Israels, mochten auch dessen Glaubeusansichtcn noch so sehr von den seinigen abweichen. Er ehrte jede Meinung, sobald sie sich nur ehrlich und ungehenchelt gab; und daher war anch der bedauerliche Neotogen-Zetotismnö der Reformmänncr jüngster Zeit ihm durchaus fremd. Wo es die Vertretung galt der hochwichtigen Interessen der Judenheit, wo es galt diese oder nur Einzelne jüdischen Bekenntnisses zu schirmen und in Schutz zu nehmen vor Verunglimpfung und Unbill, gegen Engherzigkeit und Judenhaß, da war gewiß der hochherzige Muhr einer der Kämpfer in den vordersten Reihen; und er war gewandt im Kampfe und wußte das Wort zu handhaben, wie nur Wenige, und sein Wort fand nicht selten Beachtung vor höchsten und hohen Behörden, wie nur We- ') Ich werde sie vollständig in nächster Woche mittheilen. Med. c UW fr. . ..

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