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Der Orient · 1847-07-16 · Heft 29 (16.7.1847) · p. Seite 226

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 29 (16.7.1847)
Date
1847-07-16
Page
Seite 226 (sequence 3)
Language
German
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226 jüdischen Glaubens dem Verdacht eines freventlichen Meineids anheimfallen. Jngleichen hat der Herr Staatsminister v. Bodelschwingh Erel. in der Sitzung der Dreiständekurie vom 17. Juni d. I. Folgendes ausgesprochen: „Die Juden sindFremdlinge in unserm „Landelund werden cs so lange bleiben, ' „als sie wirklich Juden sind." Wir verwahren uns auch gegen diese Behauptung und weisen dieselbe zurück, im Gefühl der vollen Berechtigung, die uns unser religiöses, unser sittliches, unser politisches Bewußtsein gewährt; und, wie wir ohne Scheu mit Jedem in die Schranken treten, wenn es gilt, unsre Kräfte und unser Leben dem Wohte des preußischen Vaterlandes zu weihen — welches allein wir als das unsrige erkennen — so werden wir auch durch Niemanden uns das Recht bestreiten und verkümmern lassen, uns eingeborne Sohne dieses Landes zu nennen. Ja! wir haben unS als Solche angesehen' und durch Wort und Gut bewährt, noch bevor diese Berechtigung uns zuerkannt wurde. Wir haben die Liebe zu unserm Vatcrlande nicht nach den Rechten gemessen, deren wir in demselben theilhaftig waren, .undnie auch werden wir aushören, diesem unserm Vaterlande mit ungetheilter Liebe anzugehoren, müßten wir auch noch länger auf Ertheilung der Rechte harren, auf die wir gegründeten Anspruch .haben. Und wir weisen endlich noch einmal diese Behauptung des Herrn Landtagskommissars zurück, gestutzt auf die unantastbaren mit) unzweideutigen Worte des Gesetzes, das uns unsere Stellung im Staate allweist. So lange das Gesetz vom 11. März 1812 in Kraft ist, welches in §. 1 lautet: „Sie tn un fern Staaten jetzt wohnenden „Inden sind für Inländer und preußi- „sche Staatsbürger zu achten, so lange werden wir die Behauptung des Herrn Landtagskommissars: „daß die Juden in unserm Lande Fremdlinge sind," für eine solche halten, die weder mit den Worten noch mit denn Geiste der Gesetzgebung in Uebereinstimmung stehe. Berlin, den 25. Juni 1847. Berlin, 8. Juli. Muretns, der in einem Anfluge klassischen Uebermuthes das Sprichwort: „uhi bene, ibi palria“ erfunden, lodert gewiß, wie auch 37 deutsche Philologen klar erwiesen haben, für diese hochverräthcrische Paradoxe im allerchristlichsteuFegefeuer. Oder verdient cs irgend ein Lob, wenn man ein Vaterland liebt, in welchem man im Besitz aller Menschenrechte ist? So denkt kem Deutscher, so denken auch wir, die preußischen Juden , nicht. Der . Hauptgrundsatz des Christenthums ist bekanntlich: ,-liebe deine Feinde"; wenn nun auch die Christen diesen Grundsatz nicht befolgen, thun wir Juden es, wie sehr auch der Minister Thile sich dagegen sträube: wir sehen geduldig zu, wie mau im 19. Jahrhundert längst erworbene und längst verheißene Zugeständnisse uns auf der Goldwage zmuißt -— und Lieben dennoch unser Vaterland; wir sehen zu, wie mau die zugeworfeneu Brocken uns wieder-entreißt, wie man uns aus dem mühsam errungenen Tageslichte, wenn es nur irgend möglich wäre, in Nacht und Finsterniß znrückstoßen will — und Lieben dennoch unser Vaterland; wir hören den ministeriellen Vorwurf, daß wir unser Vaterland nie als Vaterland betrachten werden — und lieben dennoch unser Vaterland. Wir kämpfen mit Leib und Leben für ein Vaterland, das ungeachtet aller unserer Opfer uns nie als seine Söhne betrachtet hat. Unser Wahlspruch ist also trotz Muretns: „ubi male, ibi palria“, und so irren wir eingehüllt in unsere Liebe so lange umher, bis das in die Schwabcnjahre gekommene Vaterland erkennt, daß, wenn in einem Familieubündnisse Liebe herrschen soll, es ein schlechter Erziehungsplan ist, die Söhne vom häuslichen Heerde und dem väterlichen Tische in die Wildniß zu verstoßen und sie nur insofern als Familimglieder zu betrachten, als man sie zu dem Haushalte, aus dem sie verbannt sind, die schwer erworbene Beisteuer zahlen läßt. A. Posen, Ende Juni. Seit vierzehn Tagm hört man hier in den jüd. Kreisen von Nichts weiter sprechen, als von den Verhandlungen des VL. über die „Verhältnisse der Juden." Sie mögen kommen, wohin sie wollen, aus den Getraidemarkt oder in die Waarenmagazine, in die Komptoirs oder in die Salons, auf abgelegene Straßen oder in öffentliche Gärten, in die'Belhäuser oder in's Bet Ha-Midrasch — überall und immer ist die „Indenfrage" an der Tagesordnung. Wenn Nachmittag (gegen 6 Uhr) die Berliner Schnellpost ankommen soll, da sieht man die Juden sich schaarenweis in den Posthof drängen. Warum? —^Sie erwarten -den Messias? nein! sondern den Vorläufer desselben — die Al tg emeine Preußische Zeitung. Und diese bringt mit neuen Debatten neue Hoffnungen, neue Aussichten; — aber auch nicht selten neue Schläge, neue Täuschungen. — Reden, wie die von H a n s e m a n n, V i n k e, Graf U o r k rc. werden vollständig (und mit Pathos) dektamirt, aus andern werden Stellen citirt, noch andere werden reeensirt, kritisirt rc. Dem ruhigen Beobachter gewährt es den schönsten Scherz dieses Alles mit anzuschen und anzuhören» — O ihr Thoren denke ich oft bei mir selbst, was jauchzet ihr, was klatscht ihr in die Hände, was seid ihr so ausgelassen freudig, so kindisch vergnügt, wenn Männer, wie die obengenannten und noch zehn, und noch zwanzig für Euch in die Schranken treten und Eurer Sache warm und eifrig das Wort reden! Nicht für Euch, nur

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