Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1847)
- Date
- 1847-07-23
- Page
- Seite 236 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 236 - Negierungsrath l Für den Volksgeist gibt es gewisse einzeln dastehende Kennzeichen, die für sich allein schon auf den Gesammtcharakter desselben einen vollgültigen Rück-, sch tu ß gestatten. Irren wir nicht, so hat unsere Zeit an der Judenfrage einen Prüfstein,, durch den es klar zu Tage kommen muß, inwieweit sie sich dem ihr vor>chwebenden Ziele der Humanität genähert, inwieweit sie dm in ihrem Innersten vor sich gehenden Kamps zwischen Vorurthe.il und Intelligenz geschlichtet und ausgeglichen hat. Wenn daher die Unterzeichneten den Landtagsverhandlungen der letzten drei Wochen mit besonderer Spannung gefolgt sind, so lag dies in dem doppelten Interesse begründet, dessen Entscheidung hier erfolgen sollte. - Es - galt die Frage, ob auch in dieser nur zu oft mit.leidenschaftlicher. Verblendung behandelten Angelegenheit der Inden der erste Vereinigte Landtag Preußens seine bis dahin bewiesene freisinnig würdevolle Haltung bewahren wolle; cs galt sodann die uns speeietler berührende Frage, welche Befürwortung, welchen Erfolg unsere gerechten Wünsche und Hoffnungen bei besonnener Prüfung von dem Vereinigten Landtage wurden zu gewärtigen haben. Nach beiden Seiten hin hat diese erwartungsvolle Spannung in erfreulicher Weise sich gelöst; die hervorragendsten Mitglieder des Landtags haben auch in der so verfang- , liehen Debatte über dasJndengesetz immer die Rücksichten im Auge behalten, welche die Würde einer solchen Versammlung, welche d^rs lange gedrückte Oiecht der Juden ihnen auferlegte. Fühlen wir Unterzeichnete uns nun gegen alle diese Vertreter. unserer guten Sache zu stillem Danke verpflichtet, so drängt es uns.namentlich gegen Sie, verehrtester Herr, .den wohlverdienten Dank laut auszusprechen. Sic haben durch Ihre Petitionen zu Gunsten der Inden aus der Mitte der von tf;nou am stärksten bevölkerten Provinz eine gewichtige Stimme erhoben , eine Stimme, welche auf die mit dem Juden-. wesen weniger speeiell vertrauten Depntirten anderer Provinzen ihren nachhaltigen Eindruck nicht verfehlen konnte. Empfangen Sie, geehrtester Herr, unfern hechachtungsvollen Dai^k für dm Emst und den . Eifer, mit dem Sie die Sache der Inden vcrthcidigt, und genehuugen Sie die Versicherung, daß nur stets mit trenern Gedächtnisse den Namen des Ehrenmannes bewahren werden, der in den weltgeschichtlichen Tagen des ersten Zusammentritts preußischer Stände zuerst das Wort für die Juden ergriffen hat. . Wir verharren re." (Folgen die Unterschriften.) Berlin, 15. Juli. Erlauben Sie mir heute ein Gespräch tele n tele, welches das Publikum blos hinter den Conlissen der Redaktion belauschen soll. Ich — ich bin zu einfach, mit uur im Plural von mir zu. sprechen — hege und psiegc meine Gedankenkinder, ehe ich sie in die Welt der Schrift einführe; tmb die armen Kindlein kommen mir seit Kurzem verstümmelt zurück. Dein einen fehlt daSHerz, dem andern eine Hand, dem dritten ein Fuß — und so treten meine Gedanken ohne Hand und, ohne Fuß vor einem zahlreichen Publikum auf. Ist Ihr Setzer so gesetzt, daß er ohne Aufhebens mir die schönsten Gedanken ungeseht läßt, oder ist Ihre Feder so spitzig, daß sie mir die Pointe abbricht, oder ist endlich Ihr Censor so streng gegen meine Kinder? Sie — nämlich die Kinder — sind sehr unschuldig, mild, siinft, nachgiebig und werden so streng behandelt! Sollen , denn die Fortschritte in der Pädagogik sich nicht auch auft die Erziehung der Kinder des Geistes erstrecken? Anstatt dieselben zu streicheln, werden sie gestrichen, was oft einen Strich durch meine Rechnungen macht. So lange es kein Lazarett) für verstümmelte Gedanken giebt, bitte, ich Ihren . Hrn. Censor, mir nicht Gedanken-Krüppel nach Berlin zu schicken. Es sind.ja gute Kinder, die Niemandem was zu Leide thuir. Sie lassen, sich setzen, pressen , drucken, ohne zu lärmen oder zu schreien, und ihr Vater ist so wenig eitel, daß er es nicht einmal wünscht, seine Kinder h era u sg est ri ch e u zu sehen.— Der Monat Ab ist dieses Jahr dreimal traurig: Jerusalem, die Nabbiuerversammllmg und die T'hcologeuversammluug sind zerstört; und so wie Jerusalem seinen Untergang durch die Parteiwuth fand, ebenso erging es den modernen Zioniden. Beide Versammlungen wollten Israel erlösen., aber der Messias ist. noch nicht da; darum fehlt es auch nicht an In den Tempeln und Synagogen müssen nun dreistimmige Klagelieder ertönen: Wie sitzen sie so einsam die Städte Jerusalem, Mannheim und Dresden, Wittwen gleich, die um Männer trauern. Auf dem Weinberge Gottes, der öde ist, gehen Füchse einher, welcht die Trauben, die sie nicht erreichen können, unreif,, wie, unsere Gegner die Inden finden. Sic trasisit gloria immdi. — Die Krämerseelen in dem alten Rom zittern bereits vor dem Bischen freier Lust, das den Ahnherren des Ghetto gegönnt werden soll. Sie. furchten einen Luftzug und wollen daher einen der schönsten Züge der freiem römischen Lust nicht billigen. In Rom fürchtet man die Inden, in Berlin werden sie feig genannt — wie reimt sich das zusammen? Oder ist es Ungereimt und unter aller Prosa? Die. Inden wollen mit einstimmm in den tausendfachen Chor: Lwiva Pio Nono! eitlem man fürchtet, daß sie heiser werden und will ihnen daher keine Stimme gönnen. Rom hat uns vor 1800 Jahren unsere Freiheit genommen; , es möge sie uns wiedergeben. An dem Tage, an welchem Titus Jerusalem eilurscherte, hätte er ausrufm sollen: diem perdidi 1 — In Altona sollen alle jüdische Uhren rückwärts gehen; daher schlägt der ZW. vor, in dem d"n die jn streichen. Also auch in Altona wird gestrichen, nicht blos im Orient. Zum Schluffe die Bemerkung, daß ich eine Reise in dm Orient antrete, um neue Entdeckungen zu machen. * Leipzig, 14. Juli. Wir hatten bereits, früher