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Der Orient · 1847-07-09 · Heft 28 (9.7.1847) · p. Seite 219

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 28 (9.7.1847)
Date
1847-07-09
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 den das Ministerium Mardechai der perflschell'Regierung gebracht hat, vertheidigt Haman gegen die Inden und trägt auf eine Revision, der Akten an. Zu diesem Behufe studirt der gelehrte Mann die persische Sprache aus Cornelius Täcitus. Hätte der gelehrte Mann geschwiegen, so würde Taeitus ihn nicht kompromittirt haben. — Von Hrn. Selig Cassel erscheint ein gelehrter Kommentar zu dem Ausbruche: ,,Jeder kann nach seiner Faeon selig werden." Welche Seligkeit! — Nun muß ich Ihnen noch ein Aktenstück mittheilen. Ich wollte nämlich die Deputaten anreden, um sie durch Worte für die Juden zu gewinnen. Allein es gelang mir nie, sie alle vereinigt zu sehen, da Viele in der Judensache abwesend waren. Sc> wollte ich sie harangniren: ,,Meine Herren! Wenn ich Sie bloß Herren nenne, so geschieht dies, wie es bei einem Juden stets der Fall ist, aus Berechnung. Sie sind meine Herren,, und wir sind die Sklaven. Sie wissen, daß die Sprachverwandten der Phönieier rechnen können, und sich nur in der Emanzipation verrechnet haben. Unsere passive Stellung seit 1800 Jahren war btos Berechnung. Wir haben alle vorenthaltencn Rechte auf Zinsen gegeben, und verlangen jetzt das Kapital nebst den Zinsen und zwar nur 4 Procent. Ich hoffe, daß unsere Schuldner nicht falliren, daß sie vielmehr den letzten Verfalltag einhalten werden. Zwar hört man viel von Fallimenten; allein ein Staat kann doch nicht falliren? Sie sägen, daß wir alle Stellen an uns bringen würden; was Wunder! Wir haben Jahrhunderte uns enthaltsam gezeigt und wollen nur nachholen,, was wir znrückgelassen. Gott hat allen Menschen einen gleichen Antheil an der Summe der Erdengüter verliehen, und zwar nach der Form der Division; man hat uns aber das Recht subtrahiri .und unsere Rechte multiplicirt. Wir haben die Schuldscheine in Händen, die mit Blut geschrieben sind; Zeugen sind das älteste Ehepaar: der Himmel und die Erde. Sie verweisen uns auf den Vater und wollen uns von der Mutter fern halten; allein sie wissen, daß eine Mutter ihre Kinder gleich liebt, und daß blos die Geschwister neidisch gegen einander sind. Sie sagen, wir wären Fremde; giebt es aber im Vaterhaus und an der Mutter Seite einen Fremden? Wie, wir wären fremd? Sind nicht unsere Heirnathsscheine mit Blut aus den Freiheitskriegen geschrieben? — Sie kennen, meine Herren , die. drei Ringe Lessing's, des Freundes Mendelssohns; wissen Sie was das Loos.der Ringe war? die Liebe fügte, sie au einander, machte eine Kette daraus, eine goldene Kette, die uns um den Hals gelegt wurde und uns die Kehle zusammenschnürt. Hier ist der Schuldschein; zahlen Siel oder wollen Sie schul-' dig bleiben? Wir brauchen unsere Rechtssunune, denn wir sind bettelarm, alles Rechtes baar und unschuldig. Ich schließe, meine Herren, mit einem Aussprüche des Talmuds: ]ND, fc. h. adhuc suj> judice lis est“ — Es wird in Berlin finster, der Sablmt rückt heran — und ich schließe. * Berlin, Ende Juni. Die Aeirßerung des Ministers v. Thiele, daß die Inden sich nicht als echte Preußen betrachten, hat, wie cs sich leicht erwarten ließ, unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung viel Aufsehen gemacht, und einen hochherzigen Mauu zu energischen Schritten vermocht. Es wurde nämlich von mehren Hunderten der angesehensten Israeliten Berlins ein Protest unterzeichnet, worin die jüdischen Preußen sich vor dem Ansinnen des Ministers -verwahrten und Niemanden das Recht einraumen, über die innersten Regungen ihres Herzen vorschnell zu urtheilen oder gar den Stab zu brechen. Die Regierung hat wohl die Macht, den Juden das Recht vorzuenthalten, aber nicht das Recht, die Macht'des Patriotismus Juden abzusprechen und sie auf ein imaginäres Vaterland hinzuweisen, wo allerdings keine Minister schneller v er urtheilen, denn urtheilen. Die Verhandlungen über die Judenfrage haben überhaupt einen regen Geist unter dem bessern Theile der Berliner Judcnschaft hervorgcrufen. ff Berlin, 26. Juni. Die bei der Berathung des Judengesetzes vom Minister Thiele aufgestellte Behauptung: ,,als hätten die Juden kein anderes Vaterland als Zion" ruft zunächst in unserer Stadt einen Rlesenpretest hervor. Die Protestation soll von den Ersten der jüdischen Gemeinde berathen und abgesaßt sein. Sie ist bereits mit vielen Hunderten von Unterschriften bedeckt und es wird dieselbe später an den Magistrat abgehen, um von da aus au die höchste Behörde befördert zu werden. Es sollen bereits Veranstaltungen getroffen sein, ähnliche Proteste mit einer ähnlichen Versahrimgswcise irr allen jüdischen Gemeinden Preußens hervorznrufen, in denen auselttandergcsetzt wird, daß nicht Zion, sondern Preußen des diesseitigen Juden Vaterland sei. Unter anderen haben bereits einzelne Juden für ihre eigene Person Verwahrungsschritte gethau. Namentlich gehört derPubtieist und Stadlmth David Ben da dazu. Nach einer öffentlichen Verwahrung in unseren Zeitungen hat derselbe auch ein Jmmediatschreiben an den Stufen des Thrones niedergelegt, worin er anfragt, ob erwähnte Aeußerung überhaupt die Meinung des Gouvernements sei. Man erzählt sich, daß gedachter Stadtrath ungeachtet seines hohen Alters bereits Vorbereitungen treffe, Preußen zu verlassen, falls er nicht als ein integrirendes Mitglied des preußischen Staates anerkannt werde. (Schl.Z.) Lübeck, 11. Juni. Unser Senat hat sich in der letzten Zeit wiederholt mit dem Plan einer Verbesterung der bürgerlichen und gewerblichen Lage der Juden in unserem Staate beschäftigt, und es darf in unseren Verhältnissen schon das als ein Fortschritt bezeichnet werden, daß dem Vernehmen nach der Grundsatz der Zulassung zury Gewcrbbetrieb im weitesten Umfange Anerkennung gefunden hat, und daß es sich nur um-die allerdings 28 *

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