Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1847
- Issue
- 27 (2.7.1847)
- Date
- 1847-07-02
- Page
- Spalte 427-428 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8555529-9890729-9890740--5033-3533310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
428 Studien. Ein Wort über; Iudenthumvon Fabius Mieses. form gehoben werden, die aber nicht auf der Grundlage der ralmudisch-traditionellen Anschauungsweise fußen soll, sondern aus einer freien vernünftigen Auffassung des Primitiven Sinnes und Geistes des' biblischen Wortes, auf einem rein religiösen Standpunkte, gepaart mit der innern subjektiven Ueberzeugung. — ' ' Nach diesem Systeme ist es die Aufgabe der Gegenwart, einerseits auf Ausscheidung aller Momente aus dem Iuderithume.hinzuarbeiten, die weder von der Idee des rein religiösen Bewußtseins getragen, noch von irgend einer Bedeutung für die gegenwärtigen Verhältnisse sein, oder die gar mit der Zeitsitte in Widerstreit gerathon und daher für den Gesammtorganismus der Judenheft nur schädlich und nachtheilig wirken können; und andererseits dahin zu streben, an Wort und Schrift, in Lehre und Leben die religiösen Gefühle im Volke anzuregen,' auf Verallgemeinerung der ewigen Religionswahrhe'iren wie auf-Belebung des religiösen Sinnes überhaupt durch ersprießliche Reformen und Verbesserungen hinzuwirken, um-: durch solche entsprechende Mittel die jüdische Lehre mit der modernen Aufklärung und dem fortgeschrittenen Zeitbewußrsein in Einklang zu bringen, dem Iudenthum eine universalhistorische Bedeutung erlangen zu helfen.-und dessen Mission in der Zukunft „zur allgemeinen Verbreitung der S ttlichkeit, Religiosität und GoMserkenntniß" schleunigst in Erfüllung zu bringen. — Wir haben es schon oben bemerkt, daß die Entstehungsgeschichte des jüdischen Radikalismus der Neuzeit ihr Analogon in derches^Effaismus der Vergangenheit dar. Wie dieser durch die in seiner Mitte cingedrungene hellenistische Literatur und .Philosophie wesentlich bedingt und durch diesen Gährungsprozeß ans Licht gefördert/ worden, so wirkte die moderne Kritik und Philosophie aas die Gcburt und Existenz, des jüdischen Radikalismus. Die Verwandtschaft zwischen den von diesen Parteien ausgehenden Theorien und Hauptprinzipien können wir mir apodiktischer Gewißheit behaupten, indem sie erstens in der Erfassung der Grundidee des Mosaismus in einem Punkte Zusammentreffen und demselben ausschließlich einen religiösen Charakter vindiciren; indem sie zweitens auch in ihren Bestrebungen übereinstimmend handeln und das Hauptziel derselben darauf gerichtet ist,^ alles das ^us ihrem sublirnirten Judenthume zu -entfernen, was irgendwie ein Erinnerungszeichen abgeben .konnte von^ der ehemaligen politischen Existenz Israels und der Hoffnung auf Regeneration desselben, wie ferner alles dasjenige zubeseitigen, was die leiseste Anspielung .haben konnte auf die Bevorzugung -und Auserwähltheit des Stammes Jakob's; indem sie mit einem Worte auf Untergrabung der jüdifch-gLsetzlichen Fundamente Hinzielen, und. in der Anregung, und dem Übergewicht der religiösen. Gefühle den wahren Endzweck und die alleinige Bestiinmung des Mosaismns erkennen, die alles jüdische Interesse absorbiren und das gesetzliche Element genügend ersehen soll. — In der Mitte zwischen diesen beiden .Extremen liegt die dritte l o n s e r v a t i v e Partei, die in Theorie und Praxis sich gleich von den gcnanntkn Parteien entfernt und einer gemäßigten Reform das Wort redet. Auf gleichem Standpunkte stehend wie der-Pharisäismus, faßt dieses System das Charaklcristische des Mosaismus als nur in den praktischen Gesetzen 'tmö Institutionen bestehend ans und ist nach ihm das Iudenthum keine Religion des Wortes und des Glaubens, sondern eine Religion der That, eine Anstalt zur.Regelung der menschlichen Lebensverhältniffes in allen möglichen Nuancen, in physischer und moralischer Beziehung. Es kann aber das Iudenthum eben deswegen unmöglich in einer. stabilen Gestalt und Fassung unabänderlich und in einem und demselben Gefäße für alle Zeiten sixirt-bleiben, weil es für das praktische Leben mit ihm gleichen Schritt halten und mit den Zeitumständen in steten Wechsel begriffen und nach den verschiedenen .Stadien des fortschreitenden Zeitgeistes der Veränderung unterworfen sein muß. Eine Reform ist nicht nur zulässig, sagen, die Repräsentanten dieser Partei, sondern zu Zeiten sogar unumgänglich nochwendig und hat immer im"Schooße des Judenthums statt gefunden, wie denn auch die ganze Konstruktion des Talnurdismus und das Gepräge des spä'tern Rabbinismus den Beweis liefert, daß. es. nur durch einen innern.Entwickelungsprozeß ans Leben gefordert : und durch Reform zu dem sich aus bildete, wozu es in der Geschichte geworden ist. Allein die Reform, will sie diesem Namen entsprechen und nicht zur. Zerstörungsmaschine werden, muß sich -nur innerhalb des Kreises des positiv-historischen Judenthums bewegen und blos tm. primitiven Geist und Wesen geschehen; der innere Lebenskern und'das Wesentliche desselben hingegen müssen als maßgebende Norm gelten und stets heilig uud unantastbar bleiben. Es können daher nur hie und da die unwesentlichen Momente, welche als unzeitgemäß und. antiquirt erscheinen, oder gar .dem bürgerlichen Leben störend und hemmend in den Weg treten, theils geändert und reformirt, theils ganz aufgehoben und durch andere zeitgemäße Institute und Einrichtungen ersetzt werden. Vorzüglich soll aber das Augenmerk der Reform daraus gerichtet sein, daß sie von Innen, nicht von Außen her hervorgehe 5 sie soll mit Ernst und Gesinnung, mir Uneigennützigkeit und Gewissenhaftigkeit unternommen werden, sie muß nach dem Vorbild der pharisäischen Reform begonnen werden, keine destruktive Tendenzen involvirm, sondern zum Nutzen und Frommen des Judenthums eine positive stärkende und erhaltende, die Vergangenhftr sowohl als die, Zukunft berücksichtigende sein. — 1 Hiermit glauben wir unsere Aufgabe, die gegenwärtigen Parteiungen im Judenthume den ihnen in Wesen und Tendenz parallellaufenden der Vergangenheit gegenüber zu stellen, gelöst zu haben, und sollte dieser Artikel eine günstige Aufnahme finden, so werden wir in einem zweiten die Würdigung der