Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1847
- Issue
- 27 (2.7.1847)
- Date
- 1847-07-02
- Page
- Spalte 425-426 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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425 feit ein, das jüdisch - religiöse Terrain zu rekognosciren, seine Urkunden zu untersuchen, deren Inhalt und Geist zu erfassen, um das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Aeußere vorn Innern unterscheiden zu können, Es machte'sich nach und nach das Bedürfniß einer Radikalreform fühlbar und von mehreren jüdischen Gelehrten und Neurabbinen gingen Aufrufe und Vorschläge aus, um neue Einrichtungen und Verbesserungen im jüdischen Ritus und Leben einzuführen. Es stellten sich naturgemäß verschiedene Systeme im Judenthume heraus und, wie in der politischen Welt, so standen sich hier die-Extreme entgegen, an die sich das vermittelnde Prinzip anschloß'/ welches versöhnend zwischen den Gegensätzen aufrritt. Nach dem Muster der politischen Debatten bildeten sich auch unter den Juden drei Parteien aus, die von jenen die Prinzipien und Tendenzen, ja' sogar die Namensbezeichnung entlehnten und öfter unter den Namen der Stabilen oder Orthodoxen, Radikalen oder Progressisten und gemäßigten Konservativen sl'gurirten. Wir wollen hier die erheblichsten Bestandtheile und wesentlichen aus den Debatten dieser Parteien entnommenen Ergebnisse dem Leser in Gedrängtheit vorführen, und deren Hauptprinzipien und Tendenzen hervorheben, um sie dann den oben ausführlich entwickelten Grundzügen der Parteien der Vergangenheit gegenüberstellen zu können. Die an Anzahl der Jahre und Anhänger stärkste Partei in Deutschland ist die der Orthodoxen. Nach dem orthodoxen Systeme ist der Glaube an die Offenbarung überhaupt, wie an das unmittelbar von Gott am Berge Sinai diktirte und von Moses niedergeschriebene heilige Gesetzbuch (Pentateuch) insbesondere eln jeden Juden unbedingt verpflichtender, und auch die mündliche Lehre, welche gleichsam zur Kommentirung der gesetzlichen Vorschriften beigegeben und von sinaischcm Ursprünge ist (Tradition), wie alle diejenigen Gesetzbestimmungen, Sitten und Gebräuche,, die in den Talmud ausgenommen wurden, müssen ihm heilig und^ unantastbar sein und ohne Rücksicht der Orts- und Zeitverhaltnisse unabänderlich und strikte -aufrecht erhalten werden. Der Jude ist auch nach diesem Systeme, durch den biblischen Ausspruch: 11Dn ft1? *c. (Deuter. 17, 11) verpflichtet, den unter dem Namen „ rabbinisch " - bekannten Gesetzbestimmungen, Umzäunungen, Erschwerungen re. Folge zu leisten , weil sie von den Altrabbinen eingesetzt und durch die Verbreitung in Israel allgemeine Sanktion erhalten haben, die solange nicht aufgehoben werden dürfen, bis eine an Anzahl und Weisheit größere Behörde die Aenderung oder gänzliche Aufhebung derselben für nothwendkg und rathsam erachten werde*), welcher Fall erst in der Messiaszeit eintreffen könne. Der Orthodoxismus hat sein Prototyp m der Geschichte des Alterthums in dem Sadducäismus, so deren, gemeinschaft- *> S. Mischna Edujot 1, 5 und die Polemik über den wahren Sinn derselben in Geigers wissenschaftlicher Zeitschrift 2. und 4. Bandes- und in den Kerem Chemed's. 428 liches Prinzip das'der Stabilität, wie es deren gemeinsames Merkmal ist „Anhänglichkeit an das alte Element und an den" geschriebenen Buchstaben, Ankämp-fung gegen Modernes und Reform, wie gegen jedes neuere Element überhaupt". Nur maltet, tti der Erscheinung d e r Unterschied zwischen den Tendenzen des sadducäischen und orthodoxen Systemes ob., daß, während jenes an dem biblischen, dieses auch an dem talm irdischen Buchstaben, .als an ein antikes Element, mit Starrsinn festhält, ohne bedenken zu wollen, daß der ganze Komplex des Talmuds a priori eben aus Evolutionen verschiedener Zeitumstände entstanden und als Produkt eines innern Gährungsprozeffes seiner Zeit auftritt, was folgerecht auch der modernen Zeit dieBefugniß einräumr, auf Grund und Boden dieser ffcattgcfuaibenen Reform weiter zu bauen und den Konflikt der Lehre mit dem Leben, des Gesetzes mit der Sitte durch zeitgemäße Verbesserungen und durch Umgestaltung des religiösen und rituellen Wesens > zu schlichten. — Gegen diese Partei bildete sich in neuerer.Zeit,eine cm Energie bedeutende und kompakte Opposition aus, die, durch entgegengesetzte Prineipien geleitet, in der Auffassung, der Uridee des Judenthums von einem freieren kritischen Standpunkte ausgeht: Nach dem Radikalismus ist das Grundprinzip des Mosarsmus die Erweckung und Belebung der allen Menschen angeborenen religiösen Gefühle und dessen Grundideal die edle Versittlichung des Menschengeschlechts durch Verbreitung der reinen Religiosität und Gotteserken ntniß. Die Bibel bestehet nach diesem Systeme aus zwei unähnlichen, ja einander fremdartig sich gegenüberstehenden Elementen, aus ewigen Religionswahrheiten und aus politisch -nationalen und zeitlichen Ceremonialgesetzen; crstere bilden den echten Lebenskern-des Mosarsmus und bleiben für uns und einst auch für die ganze Menschheit, mit weniger.Modifikation nach dem fortschreitenden Zustand der Intelligenz und Wissenschaft, unabänderlich und ewigdauerndz letztere hingegen sind thcils als äußere Schalen und Hüllen zu betrachten, die nur zur Wehrung der in ihnen verborgen liegenden Essenz dienten, theils als Mittel zum Zwecke der Staatsökonomie anzusehcn, welche alle in der Vergangenheit irgend einen Nutzen gehabt haben mochten, in der Gegenwart aber allen Werth und alle Bedeutung verloren haben und größtemheils im bürgerlichen und socialen Leben hindernd einwirken, und daher nicht den kleinsten Anspruch auf Geltung haben können. Der Talmud hat, dieser Ansicht gemäß, die Bibel falsch und vernunftwidrig aufgefaßt, da er nicht den wahren Gehalt derselben, den philosophischen Mouotheimus und das sittliche Moralprinzip als deren specifisch eigenes Wesen erkannte, sondern blos die vergängliche Seite, das theokratrsch-natr'onale Element und das cereinonielleFormwerk, deren Unverletzbarkeit und ewige Erhaltung bei ihm als nothwendiges Postulat gilt. Der Zwiespalt zwischen Judenthum und Zeitbedürsm'ß, dessen Bewußtsein in neuer Zeit in uns erwachte, kann nur durch eine umfassende Radikalre- Studien. Ein Wort über Zudenthum von Fabius Miesest