Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1847-07-02 · Heft 27 (2.7.1847) · p. Seite 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 27 (2.7.1847)
Date
1847-07-02
Page
Seite 215 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360472-2360500--5980-3533303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

215 „O, wie schön ist doch die Erde, O wie herrlich die Natur! Alles athmet Gottes Werde, Alles zeuget Gottes Spur. Auf der Berge steiler Höhe In des Lhales tiefem Grund, Auf dem Spiegel stiller See Thut sich Gottes Weisheit kund. Friedlich hier die -Weser fließet Durch dies stille, ruh'ge Thal, Väterlich Gebirg' umschließet Diese Flur, des Friedens Mal. Ach, wie schön ist doch die Erde, Sie gewähret uns nur Freud', Nur vom Menschen kommt Beschwerde, Nur vom Menschen kommt das Leid.z Schöne Gegend, möchten nimmer Menschen deiner Flur sich rrahn, Daß des Friedens holden Schimmer Nicht zerstöre Menschenwahn. Ach, ich lernte sie ja kennen, Diese Menschen rauh und wild, Die sich Christi Schüler nennen, Die sich rühmen ihrer Mild'. Weil ich Jude, bin bedrücket Bin gehöhnt ich, und bedrängt. Recht, Gesetz wird mir entrücket, ' Bitter werd' ich stets gekränkt. Jene Stadt, der ich entsprossen Hält zum Bürger mich zu schlecht; Hat mich grausam ausgeschlossen, Weigert mir mein Heimathsrecht. Und so muß ich rastlos ziehen, Manches Land durchirrt' ich schon; Wo ich eintrat — mußt ich fliehen — Bin ja eines Juden Sohn. Jener Fluch, den Gott gegeben Einst dem Brudermörder mit: „Unstätt, flüchtig, sollst du leben, Niemals ruhen soll dein Schritt": Auf mich ist er übergangen. Die Geburtsstadt trieb mich fort, Kein Land stillet mein Verlangen, Keines giebt mir Hcimathsort. Und in meines Elends Wirren Seid auch, Tbeure, Ihr verwebt; Und auch Ihr müßt rastlos irren, Und auch Ihr vertrieben lebt. Weh'! ihr Armen, Ihr müßt fliehen Mit mir, wohnungslos, verbannt; Schrecklich, ohne Helmaih ziehen, Schrecklich,"ohne Vaterland! — Herr, dir liegt mein ganzes Leben Offen und enthüllet vor — Lhat ich fehl — so sei's vergeben. Schenk der Bitte gnädig Ohr. Nimm von mir und von den Meinen Vater, deinen Kainsfluch; Laß das Vaterland erscheinen — Ach, der Leiden sind genug. Nimm dich unsrer grimmen Schmerzen, Vater, du im Himmel an; Rühre du der Christen Herzen, Bessre, was sie uns gethan." — „Holla Jud'" — ruft der Gensd'arme — Preußens Grenze er betritt — „Wo dein Paß?" -- Er stockt, der Arme, * Keiner gab ihm solchen mit. „Ins Gefängniß, Vagabunden." — / Und man führt die Armen fort. Jetzo haben sie gefunden Endlich einen Wohnungsort. A * * * II. An dev Elbe. Weit hinaus, gleich hohem Thurme, Ragt des Mastes Riesenbaum; Dran, geschwellt von Windessrurme, Weht die Flagg' durch weiten Raum. Schon sieht man die Segel schwellen Günst'gen Wind, .die Luft ist rein, Und der Elbe ruh'ge Wellen Laden zu der Abfahrt ein. Und in fröhlichem Gedränge Wimmelts an dem Elbestrand, Laut erschallen rings Gesänge: Lebe wohl, mein Vaterland. Männer, Weiber, Kinder, Greise, Alle ziehen lustig fort; Wohlgerüstet zu der Reise, Rahn sie Alle sich dem Bord. „Fahret wohl" — Lebt wohl. — „Wir ziehen In ein freies, schönes Land". — Mag Euch Gottes Segen blühen, Jenseits über Meeresstrand. So ertönts. Und jubelnd Singen Unterdrückt den Lrennungsschmerz, Weit und weiter vor sie dringen, Alle ziehn sie Elbewärts. -~ Auch Schulm Moses mit den Seinen, Reisefertig, steht am Strand; „Bald — ruft er — wird uns erscheinen, Bald ein neues Vaterland. Lebe wobl, du Land der Leiden, Lebe wobl, du Land der Qual; Ach wie gern will ich dich meiden, Gabst mir doch das Kainsmal. Und doch — min — ich muß dich lieben, Bist du's doch, wo ich erstand, Freiheit, Gleichheit sind ich drüben — Du nur bist mein Vaterland.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.