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Der Orient · 1847-06-25 · 26 (25.6.1847) · p. Spalte 413-414

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Journal
Der Orient
Volume
1847
Issue
26 (25.6.1847)
Date
1847-06-25
Page
Spalte 413-414 (sequence 7)
Language
German
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Studien. 413 äußerer Verhältnisse halber hem rituellen und religiösen Leben Anarchie drohete und von feindlicher Seite unaufhörlich Geschosse gegen das mündliche Gesetz geschleudert wurden, unternahm es dieser ehrenwerthe Führer des Pharisäerthums im Interesse seiner Partei, die mündlichen Gesetze und Gebräuche in feste Gestalt und-systematische Ordnung zu bringen, sie in innigem Verbände mit dem mosaischen Gesetz und dem Geschriebenen an Heiligkeit und Bedeutung gleich zu erklären,, um dieselben der Vergessenheit und Vergänglichkeit zu entreißen und gegen Angriffe und Anfechtungen von Außen zu schützen, selbst auf die Gefahr hin, dadurch deren fortschreitenden Charakter zu vernichten und das flüssige Moment derselben in ein unbeugsames, starres zu verwandeln. Er sammelte deshalb alle zu seiner Zeit vorhandenen mündlichen, Gesetze, Gebräuche und Sitten, und ordnete sie schriftlich oder mündlich *) in folgerechtem Zusammenhang und wies durch übliche Deutung und Erläuterung derm Ursprung im biblischen Texte nach, wodurch die Uebcrlieserung einen festem Anhaltpuukt erhielt und im Leben koncentrirter erschien. So entstand die Redaktion der Mlschna, Barajtot, Losestat, und ein solches Unternehmen gab den später» Amorim und Schülern weiteren Antrieb, die Mischna der Bibel gleich als gewichtige Autorität zubetrachten, die wiederum Kontroversen hervorrief, deren Mängel und Widersprüche man durch scharfsinnige Auslegungen und Deutungen ergänzte und erläuterte, um das Leben mit der Lehre, die Sitte mit dem Gesetze in Einklang zu bringen. Es wurden aber in späterer Zeit nicht nur die als Richtschnur für das Leben dienenden Gesetze und Gebräuche (die Halacha's^, sondern zugleich auch alle im Volke gangbaren gemächlichen Sagen und Erzählungen, Gnomen, Kosmogonien, Philosopheme, Parabeln, Allegorien und Poesien (Hcrggada's) m einen eigenthümlichen Rahmen eingekleidet and auf übliche Weise ausgezeichnet; kurz, man übergab der Nachwelt ein lebendiges Gemälde vom Grundtypus des jüdischen Volkslebens, eine kunstvolle Mosaik, worin der sittliche Charakter, die Institutionen und Gebräuche der jüdischen Nationalität sich am trefflichsten abspiegeln; und so entstand ungefähr 4 Jahrhunderte nach der politischen Verbannung Israels die Redaktion des Talmuds, dieses riesenhaften Werkes, das durch seinen dialektischen Kunstbau gleich einem babylonischen Thurm als Denkmal des Alterthums in aller seiner Größe noch in unfern Tagen noch fortbefteht. . Dieses Unternehmen erfreute sich eines günstigen Erfolges und entsprach durch seine Nachhaltigkeit in vollem Maaße den vom Urheber desselben gehegten Erwartungen. Indem *) Wir lasten es dahin gestellt sein, ob schon zu Nabbi Ichuda Ha-Nasi's Zeit in Folge des talmudijchen Ausspruches V“>E>n(Temura 14) und des Grundsatzes mm rpn^n min -npyvi dldid tdas.) das mündliche Gesetz wirklich ausgeschrieben, oder dlos mündlich gesammelt und geordnet und von Rabbi in Sedarim den Schülern vorgetragen wurde, welche Frage die neuere Kritik bis jetzt noch nicht befriedigend genug gelöst hat. 414 man aber befürchtete, es möchten sich im Lause der Zeitereignisse auch andere Sitten und Gebräuche in das Iudenthum einschleichen, durch deren Aufnahme der Inhalt und Umsang des Talmuds zunehmen und durch massenhafte Vergrößerung der Judmheit drückend und Lästig erscheinen würde, wurde ün der Seboräerepoche der Talmud' als abgeschlossen erklärt und erhielt nur dasjenige Autorität und Gesetzkraft, was in dieser alten Rüstkammer ausbewahrt war, während alles andere in späterer Zeit hinzugekommene für nicht bindend und verpflichtend gehalten wurde. In der,Geonimzeit sehen wiv in der That den Talmud fast überall verbreitet und als Norm für,das praktische Leben allgemein angenommen, ein neues Band, das alle Anhänger des pharisäischen Judenthums umschlungen und innig an einander gekettet hielt. Auch ging man kurze Zeit darauf voll nationalen Eifers und gemüthlicher Hingabe an das Studium dieses letzten llcberbleibsels der Vergangenheit, in welchem man einen lindernden Trost für die düsteren Verhältnisse der Gegenwart fand, und mit kindlichem Zutrauen schöpfte man aus ihm Hoffnung aus bessere Zeiten und ging getrost der herannahenden Zukunft entgegen. Es brach aber einige Jahrhunderte hernach eine grauenhafte, für die Menschheit traurige Epoche ein. Während der finsteren Zeit des Mittelalters war alles freie Leben und Denken ausgestorben, jeder lebendige Funke der Intelligenz erloschen, die Vernunft wurde vom blinden Wahne der Mystik und Schwärmerei beflogt, der wahre Glaube artete in vernichtenden Fanatismus aus, die Welt glich einer wilden Einöde, in welcher nur Tiger und Leoparden hausten. Diese äußeren Verhältnisse konnten natürlich nicht ohne Einwirkung auf das Judenthum, wenn auch mir in negativer Weise, bleiben. Es kam hier närstlich keine schöpferische Thätigkeitzum Vorschein, aus Furcht und Bangen vor der düsteren Umgebung flüchtete man sich in das Innere, und von dem Palladium der alten Lehre begleitet ließ Israel die über seinem Haupte wogenden Zeitwellen vorüberbrausen,' brachte seinem theuerstm Kleinod, dem väterlichen Glauben, die größten Opfer und Entbehrungen, ertrug geduldig das Joch der fanatischen Kreuzzügler und färbte das gestählte Eisen seiner Würger mit seinem Blute und Märtyrerthum. Es brachten aber derartige Ereignisse von der andern Seite eine günstige, nachhaltige Wirkung auf die Existenz und Fortdauer des Pharisäismus hervor und führten ihm dadurch neuen Zuwachs an innerer Kraft und Stärke zu; der Partikularismus schwang sich dadurch mehr und mehr empor, und ein neues gemeinschaftliches Band des Martyrerthums umschlang alle Glieder der Iudrnheit, welche in ihrem Schicksale einen Fingerzeig der Gottheit erkannten, der sie ermahnte, an seine Allmacht und Vorsehung nicht zu zweifeln und seinem mächtigen Willen unbedingten Gehorsam zu leisten. Auch hier bewährte sich das lt\s tiNtreinos se totwhenfc, und das zähe Anklammern an alles Überlieferte wie auch die Verehrung alles Herkommens artete in Pietismus und Supernaturalismus Ein Wort über Iudenthum von Fabkus Mieses.

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