Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1847)
- Date
- 1847-06-25
- Page
- Seite 207 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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207 seine zahlreiche Familiezu ernähren, darum kümmert sich Niemand. Wo die Noth nicht auf der Straße jammert, wo das Elend nicht in die.Augen fällt, .da bleibt das Ohr taub, das Auge blind, das Herz kalt, die Hand geschlossen. Schande für Posen, Schmach für unsere Gemeinde! In jeder andern würde ein Mann wie Pl. längst eine Anstellung oder wenigstens eine Pension gehabt haben, während er hier, wo er nun schon seit 5 Jahren lebt und wirkt, noch immer darauf angewiesen ist, von den spärlichen Wohlthaten Einzelner sich und die Seinen, zu erhalten. Dr. Gebhard aus W r e s ch e n kommt nun ganz bestimmt als Rabbiner und Prediger nach Gnesen. Wie man hört, soll er diesen Posten schon am 1. k. M. antreten. Gebe Gott, daß es diesem würdigen Manne in seinem neuen Wirkungskreise besser gehe, als es ihm in Wr. gegangen! .Mit Bestimmtheit laßt sich erwarten, daß die Wreschner Gemeinde nach dem Abgänge Gebhard's wieder in den alten Schlendrian zurücksällt, aus. welchem es sich vor 5 Jahren nach Mal bims Abgänge mit Gewalt hatte reißen wollen. — DerUebergang vnn einem Malbim zu einem Gebhard war zu schroff; Wr. war für einen Mann wie Gebhard noch nicht reif —■ und darum mußte Alles so kommen, wie eS leider gekommen ist. Gnesen aber hat bei weiten» rnehr Intelligenz als so manche Gemeinde unserer Provinz und schon aus diesem Grunde läßt sich für die Zukunft Dr. G's. ein besseres Prognostikon stellen. — ObDr. Hirschfetd nach Krotoschin geht, ist noch unbestimmt. Wollstein würde ihn sehr ungern verlieren. W. Königsberg, 7. Juni. Die hiesige jüdische Gemeinde wollte am letzten Sonntag zum ersten Male Gottesdienst halten. Der Polizeipräsident hat dies ihr einige Tage vorher untersagt und sich dabei auf eine alte Kabinetsordre berufen, auf die ihn einem Gerüchte nach der hiesige Rabbiner aufmerksam gemacht haben soll. Eine an den Minister des Innern, v. Schuckmann, gerichtete Kabinetsordre vom 9. Deebr. 1823 verordnet nämlich: „daß der Gottesdienst derJuden nur nachdem hergebrachten Ritus, ohne die geringste Neuerung in der Sprache und in der Ceremenie, Gebeten und sängen, ganz nach dem alten Herkommen gehalten werden soll. Ich verpflichte Sie ganz besonders, hierauf zu halteu,. und durchaus keine Sekte unter der Judenschast in meinen.Staaten zu dulden". Der Gemeinde- Vorstand will sich sofort an die Regierung, eventuell an den König wenden und sich auf die Duldung des Gottesdienstes der Berliner Reformgensseuschaft berufen. (Br. Z.) Liffa, 8. Juni. Bezüglich meines letzten Berichtes über den Synagogenbau, kann ich Ihnen jetzt die Mittheitung inachen, daß in der letzten Repräsentcmten-Versammlung unserer Gemeinde der Beschluß gefaßt wurde, die rrothw-endigste Reparatur der Synagoge vorzunehmen und somit ist heute diese bereits in Angriff genommen worden. ' (23.) O e ft e r r e i ch. Von der böhmischen Grenze. Polna, 9. April. Von dieser Gegend gelangte noch nie eine Nachricht in Ihr vielgeleseneö Blatt, mag die Ursache davon in der Dürftigkeit der hiesigen Tagesbegebenheiten liegen, die nichts zur Bereicherung der jüdischen Geschichte beitragen; oder in dem Jndiffermtismus, der auch in unserer Gemeinde wuchert, welcher jeden Fortschritt von dem Gemeindevorstand ausgeheu läßt, ohne ihn selbst hervorznrnfen, und daher, selbst theilnahmlos die Sache hinnehmend, sie auch der Oeffeutlichkeit vorenthält. So. hat unsere Gemeinde vor einigen Jahren in der Person des Herrn . Dr. Pollatschek als Prediger eine treffliche Aequisition gemacht; allein auch diese Wahl ging nur von einigen Bessergesinnten aus, während der größere Theil der Gemeinde, welche 2 Decennien eines religiösen Führers entbehrte, und nur äußerst selten das göttliche Wort von der Kanzel herab vernahm, sich im 8Mtusyuo gefiel und noch gefällt, da jedes religiöse Gefühl in ihnen erstorben, und eine Eisriude ihre Herzen einschließt, obwohl die gediegenen Kanzelvorträge, deren wir uns gegenwärtig erfreuen, geeignet wären, ein religiöses Bedürfnis' hervorzurufen, und an die Aufgabe des Judenthnms zu mahnen. Nur, wenn etwas Außerordentliches, wie die Feier, die am 5. April a. e., welche im ganzen Böhmenlande wegen des Erlasses der drückenden Judeusteuer und der Abänderung des schimpflichen Judeneides freudevoll begangen wurde, sich ereignet, werden sie aus der Lethargie geweckt, schütteln den Jndiffereutismus für einige Augenblicke ab, um sich als religiöse Mäuner zu zeigen. Und in der That sah man an diesem Tage jeden Einzelnen bemüht, der zu begehenden Feier die gehörige Würde zu verleihen. Und wirklich! der Anblick der erleuchteten Synagoge, die feierliche Stille, die musterhafte Ordnung , welche in derselben herrschte , der herzerhebende Choralgesang der Knaben und Mädchen, der zum ersten Male in ihren Räumen ertönte, das Absingen der Volkshymne unter Musikbegleitung,, die treffliche Predigt, welche mit einem rührenden Gebet für das erlauchte Kaiserhaus schloß, verfehlte auch hei den anwesenden christlicheu Notabilitäten, worunter die Ortsgeistlichkeit, der löbliche Magistrat, ihre Wirkung nicht. Besonders war es die Predigt, welche der Feier, die eigentliche Weihe verlieh,, in welcher die Verdienste unseres erhabenen Monarchen für die böhmischen Juden, und