Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1847)
- Date
- 1847-06-25
- Page
- Seite 206 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360472-2360499--5970-3533284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Polen gewesen sein, welche für den Sohn Israels gestimmt haben. . Ueberhaupt trägt man sich hier gern mit der Meinung, ,daß der Jude unter den Polen größere .Sympathien habe, als unter seinen christlichen Miibürgern deutscher Abstammung. Doch wir unsererseits theilen diese Meinung nicht. Wir möchten auf die Freundschaft eines polnischen Aristokraten oder Bürgers wenig oder gar'nichts geben, weil wir diese Freundschaft für nichts weniger als uneigennützig halten. Denn die Erfahrung hat es nur zu oft schon gelehrt, daß der Pole nur so lange dem Inden wohl will, als er seiner (i. e. seines Geldes) bedarf; nachher nicht mehr. Wenn der Pole auf preußischen Landtagen zu Gunsten der Juden sich ausläßt, so weiß er. nur zu gut, daß sein Votum fruchtlos bleibt — und er sich durch dasselbe neuen Kredit gesichert hat. Da wir bei dieser Gelegenheit unwillkürlich der preußischen Landtage erwähnt haben, so können wir uns nicht enthalten, den.Lesern des Orients die Mittheilung zu machen, daß aus der jüd. Gemeinde zu L i s sa an den, durch seine Rede in der Dissidenten-Frage säst berühmt gewordenen, Abgeordneten von Beckerath eine mit 6. 150 Unterschriften bedeckte Dankadresse abgesendet worden*). — Hier bei uns ist demselben Deputirten am vorletzten Sabbat ein Mischeberach gemacht werden. Ländlich, sittlich! — Was uns wundert, ist, daß man noch von keinem Zwcckessen hört, das dem Herrn v.B. zu Ehren wäre gegeben worden. Wahrscheinlich ist die schlechte Zeit hieran schuld. Denn wie könnte es sonst bei solcher Gelegenheit in Deutschland ohne Essen und Trinken, ohne Toaste und Vivats abgehen ^). 1) Viele wollen diesen Schritt als taktlos und voreilig betrachten — und nicht mit Unrecht. Denn wenn auch aus der bekannten Rede des Herrn v. B. nur zu deutlich hervorgeht, daß er es-am wärmsten und aufrichtigsten mit den Juden meint, so Hutten doch die intelligenten Lissaer erwägen sollen, daß Herr v. B. mit dieser Rede nicht sowohl für die Juden allein, als vielmehr für alle Diejenigen das Wort führen wollte, welche durch den §. 5. 2 (des Ges. vom U Juli 1823) von ständischen Rechten ausgeschlossen werden. Und das sind doch nicht blos die Juden, sondern überhaupt alle preußischen Unterthanen, die der „Gemeinschaft mit einer der bestehenden christlichen Kirchen" ermangeln. Das, hätten die Liffaer erwägen und mit ihrer Adresse warten sollen, bis sie gehört hätten, daß (was sich übrigens mit Gewißheit erwarten läßt) Herr v. B. für die „völlige und unbedingte Emancipation der Juden" eben so warm in die Schranken getreten, als für die Zulassung aller Glaubensparteien zu ständischen Gerechtsamen. 2) Jubelt nur immer, Juden Borussia's, wenn, ihr hört, daß vielleicht eben so viel Männer, als euer Vaterland Millionen zählt, zu euren Rittern sich aufwerfen — jubelt nur immer. — Wer etwas tiefer blickt, wird in euren Jubel nicht mit einstimmen z nein, der wird trauern — trauern, daß heute, wo das sogenannte Jahrhundert des Lichts und der Aufklärung bald eine ganze Halste zurückgelegt haben wird, in einer deutschen lStändeversammlung noch die Frage zur Am letzten Sabbat vor dem Schebuot-Feste wurden wir hier durch unfern Oberrabbiner um einen Genuß gebracht, ohne dafür gehörig entschädigt zu werden. Herr Pleßner hatte . nämlich durch Anschlagzettel an den Synagogenthüren für den genannten Sabbat eine Vormittagpredigt in der ,,Neuen Schule" angezeigt; als mau aber Freitag gegen Abend ans der Synagoge kam, waren die Pl.'scheu Zettel verschwunden. Warum? Weil der Herr OR. (dem wahrscheinlich Etwas aus dem Herzeil lag, das er gern herunter haben wollte) während des Gottesdienstes dem Vorsteher hatte sagen lassen, daß Seine Heiligkeit selbst die Gnade haben werden, niorgen Vormittag in der .„Neuen Schule" einen Vertrag zu halten. Sie können sich nicht denken, wie das Publikum über diese Handlungsweise des Rabbi entrüstet war. Selbst seine besten Freunde wußten ihn diesmal nicht zu entschuldigen; denn er hatte sich au der Ebre des würdigen Herrn Pleßner allzusehr vergangen. — Gespannt war man aber darauf, was der Rabbi wohl so Wichtiges vorzubringen hätte; denn nach seinem Verfahren zu schließen, mußte es keine Kleinigkeit. sein, was er' seiner Heerde diesmal zum Besten geben wollte. Die Nacht verstrich, der Morgen kam, das Volk versammelte sich in der Synagoge und harrte der Dinge, die da kommen sollen. Das Gebet ist zu Ende, der Rabbi besteigt die Kanzel, er fängt zu sprechen an — und spricht zwei Stunden hintereinander. Worüber? Nicht über die Mittel zur Hebung des Gottesdienstes, noch viel weniger über die Mittel zur Verbesserung des Religionsunterrichtes; — nicht über Test'tlin und Zizit, ja nicht einmal über Nidda und Mikwa — sondern nur über Sestrat ha-Omer. Zwei Stunden lang über Sefirat Ha-Omer — und einen Sabbat vor Schebuot über Sestrat Ha-Omer! — Wie neulich mit seinem Erbsen- und Bohnen-Firman (s. uns. Art. tu Nr. 19) ist Herr E. auch diesmal mit seiner Omer-Derascha post feslum gekommen; denn als er über die Wichtigkeit des Zählens sprach , waren die Jeme ha-Sestra beinahe schon abgelansen. Doch das würde man schon gern hingenommeu haben, wenn man nicht auf diese Weise, um eine Pleßner'sche Predigt gekommen wäre. Das nur that dem Publikum leid, darüber nur war es aufgebracht. .Aber merkwürdig! bei der großen Vorliebe, welche das Volk hier für die Predigten Pleßuers im Verhältnis zu denen des Raav's kundgiebt, läßt man den Erstem darben, während man dem Letztem iw Allem willfahrt und ihm auf jede mögliche Weise entgegenzukoyuum sucht. .So soll man erst neulich wieder dem OR. eine Gehaltzulage von 12 Thlr. monatlich bewilligt haben; doch, wie es dem frommen und goitesfnrchtigen Pt. bei dieser schrecklichen Thcuerung möglich wird, sich und Sprache kommt, ob Unterthanen jüd. Konfession mit ihren andersgtaubenden Mitbürgern gteichzustellen seien oder nichts