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Der Orient · 1847-06-25 · Heft 26 (25.6.1847) · p. Seite 208

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 26 (25.6.1847)
Date
1847-06-25
Page
Seite 208 (sequence 15)
Language
German
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— 208 dessen Bestreben /die christlichen Einwohner mit den jüdischen zu befreunden, und daß dieses Princip der allgemeinen Menschenliebe, im Mosaismus bcgri'uldet sei besonders hervorhob; dann forderte der Redner die Gemeinde auf, sich dem Vereine zur Gründung eines jüdischen Lehrseminars, des Ackerbaues und der Handwerke durch Wort und That auzuschließen, wo er zugleich auch die Vortheile des Ackerbaues und der Handwerke bezeichnet; um sich' der Gnade unseres Monarchen würdig zu zeigen. Nach beendigtem! Gottesdienste vertheilte Sr. Hochwürden der Stadt-Dekan einige milde Gaben an jüdische Anne. Die Gemeinde ließ ebenfalls 20 ft. C.-M. an Arme ohne Unterschied der Konfession zukommen, des Abends wurden die Jndcngassen, deren es hier noch giebt, obwohl mehrere Inden in der Christenstadt wohnen, illuminirt. Auf dem Gemeindehause wurde ein sinniges Transparent, Vors 7 vom Psalm 45 in hebräischer und deutscher Sprache angebracht, dann wurde ein Ball zum Vortheile des angeregten Vereins gegeben, dessen Reinertrag sich auf- 40 'fl. C.-M. belief; die Kosten wurden von den Herren Adlerst ein und Ru ß bestritten, 'wo ersterer auch bereitwillig seine Lokalitäten zu diesem Zwecke einräumte. So gerecht auch der Vorwurf des Jndiffercntismus unsere Gemeinde trifft, so lobenswert) ist sie wiederum in ihrer moralischen Handlungsweise; es gehört zu den seltensten Vorkommenheiten, daß ein Jude irgend eines Vergehens gegen die Staatsgesetze angekiagt worden wäre, welches auch von den Lokatbehörden rühmlichst anerkannt wird. Auch daS Verhältnis zwischen Juden und Christen ist nicht so schroff als anderswo. — Es leben hier 3 jüdische Aerzte, welche allgemeines'Vertrauen genießen; besonders ist es der Arzt Herr Satomon Hoff-. mann, der durch seine wahrhafte Menschenfreundlichkeit, die Achtung und die Liebe bei der christlichen Bevölkerung in solchem Grade genießt, daß einst bei seiner Erkrankung in der Hauptkirche Messen für dessen Wiedergcnesung gelesen wurd-cn. Der größere Theil unserer Gemeinde lebt vom Handel in Naturprodukten, und nur wenige nähren sich vom Kleinhandel. 'Auch haben sich schon mehrere den Handwerken zugewendet, worunter Goldarbeiter, Lohgerber., Kirschuer, Bäcker, Fleischer. Dann widmen sich mehrere dem Lehrfachc und Wissenschaften , die aber ihre Kräfte anderswo verwerthen, da hier kein lohnender Boden für sie ist. _ Unter den Gelehrten, welche unsere Vaterstadt hervorgebracht, nennen wir mit Stolz, den in diesen Blättern rühmlichst bekannten Herrn Dr. H orsch etzky in Groß-Kanischa. Von Vereinen finden sich hier dieselben, wie man,sie. in den meisten Gemeinden Böhmens antrifft, welche ohne Stiftungen nur durch wöchentliche milde Beiträge ihr Daffin fristen, unter denen der Verein zur Unterstützung her einheimischen und fremden Armen viel' Leistet. Am schlimmsten befindet sich der Verein Talmud Tora genannt, so schlimm wie die Tora selbst in unserer Gemeinde; vielleicht erfreut sich ersterer mehr der Unterstützung als letzterer, weil die guten Leute mehr fürchten arm als gelehrt zu werden. Auch muß noch ein Miöbrauch der in unserer Gemeinde besteht, gerügt werden, der sich sogar als Gebrauch geltend gemacht, und strenger als. ein mosaisches Gebot beachtet wird, denn als ein solches wäre es schon längst aus der Gemeinde geschwunden; allein es ist ein aristokratisches Vorrecht, es ist ein Geist des Zunftwesens, des Kastensystems und diesem verdankt es sein Bestehen. Während Holdheim auf die Emaneipation des Weibes in religiöser Beziehung dringt, bilden in unserer Gemeinde die jungen unverheiratheten Männer die Parias; denn wer nicht in den Schooß der alleinseligmachenden Ehe eingeht, darf an Feiertagen nicht zum Vorlesen der Tora gerufen werden , darf kein Gemeindeamt verwalten und keiner Gemeindesitzung' beiwohnen, und muß dennoch zu den Gemcindelasteu nach Kräften beisteuern; und dennoch sind es die jungen-Männer/ die Thatkrast und guten Willen besitzen, während die Verheirateten mehr mit Nahrungssorgen überhäuft und egoistisch gesinnt sind, und dies rnerkt man auch den Gememdesihungen ab, wo von 100 Mitgliedern kaum 8 sich einftnden. Zum Ende thäte es sogar noch, daß Juden bei Juden um Judenemancipation petitioniren müssen. Doch wollen wir von dem Vorstande Herrn i Elias B asch, der schon so manches Gute und Nützliche zu Tage gefördert, vereint mit unserem Rabbiner, der gern alles Gute befördern hilft, durch Entfernung dieses Mißbrauches den Weg zu fernem nützlichen Reformen anzubahnen. — Auch in unserer Nachbargemeinde Humpoletz wurde der 5. April feierlich begangen, wobei besonders hervorzuheben ist, daß, nachdem der Prediger die Kanzel verlassen, sie von Sr. Hochwürden dem Stadtdekan bc- -stiegeu wurde, in welcher er seine Theilnahme an den den Juden Böhmens zu Theil gewordenen Begünstigungen mit beredten Worten äußerte; auch dankte er für den Wohlthätigkeitssinn, den die Gemeinde durch Speisung von 80 christlichen Armen an den Tag legte. Der Pastor der evangelischen Gemeinde daselbst drückte sein Bedauern darüber aus, nicht eher von der Feier in Kenutuiß gesetzt worden zu sein, da er gerne durch eine Rede seine Theilnahme bekundet hätte. Bei diesem Anuähren der Konfessionen kann man ersehen, welche Fortschritte wir in der öffentlichen Meinung gemacht, und können uns daher getrost der Hoffnung auf bessere Zeiten, wo jeder Unterschied der Koufessioneu m bürgerlicher Hinsicht schwinden soll, hrngeben. Vertag von C. L.. Fritz sch e. Druck von I. H. Nagel.

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