Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1847)
- Date
- 1847-06-25
- Page
- Seite 204 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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buntschimmemden, aber in der Lust hängende!: Frühlingsgarten versetzt, wo zwar in jeder Ecke zusehends schnell neue Samenkörner emporkeimen, mannigfaltige Sprößlinge sich entfalten, die durch stürmisches Rauschen der Aeste und hochprangenden Blätterschmuck das Auge des Wanderers auf sich ziehen , wo man sich aber nur zu bald überzeugt, daß man in der Luft hängt, die schnell aufkcimenden Saaten sind Eintagspflanzen, die durch lautes Geräusch sich allkündigenden Häupter sind ohne Stämme, mit einem Worte, den meisten neuen religiösen Bestrebungerl fehlt jeglicher Grurrd und Boden -im Praktischen Leben. Die deutschen Rabbiner und Prediger finden für ihr beabsichtigtes Germamsiren', wie der russische Kaiser für sein Russificiren der Juden kein williges Publikum, weil ihnen die praktische Erfahrung abgehet, daß die Juden bei Aufgeben der atterthümlicheu orientalischen Lebensanschauung wohl edle Menschen — die keine Rabbiner bedürfen —, keineswegs aber Juden bleiben. Die RV. bleibt aus, die TV. kommt nicht zu Stande, der Reformverein wird im Entstehen untergehen, der „Jude" hat aufgehört*), der „Israelit" wird wahrscheinlich aufhören mit» die Refomrzeitun.q in der Geburt sterben , alles aus Mangel an praktischem Boden. Der Altmeister der jüdischen Homiletik, Dr. S a 1 om o n, ist ein Prediger in der Wüste, der gegemüthliche Stein muß leeren Wänden predigen, weil beide wohl in poetischer Begeisterung die Bibel für einen duftenden Blumenstrauß ansehen, aus dem sie unzählige anmuthige Predigtentexte fabriciren, der aber unmöglich zur Norm fürs praktische Leben dienen kann. Wenn endlich, um auch eines orthodoxen Rabbiners zu erwähnen, der schweigende und darum so genannte „Chacham" seit 30 Jahren keine Werke mehr liest, keinen Fremden -freundlich anfleht, kein geschriebenes Wort von sich gibt -— als waren Schreib- und Bnchdrnckerknnst eine antijüdische Neuerung — so ist das allerdings momentan praktischklug, um gemächlich zu leben und die unwissende Menge in todter Ruhe halten zu können —- wie man vormals durch unverständliche lateinische Predigten den heiligen Nimbus des Katholieismns zu bewahren strebte, — aber nicht für die Dauer, die jetzt geblendeten Verehrer werden über kurz oder lang zu klarer Einsicht über Gott und Menschenbestimmung gelangen. Bei diesem unpraktische!: Treiben der Jetztzeit ist es um so mehr erfreulich, daß endlich auch ein rühmlichst bekannter jüdischer Gelehrter es gewagt, das uralte, meist noch unverständliche Buch Hiob als praktische Philosophie für die Gegenwart in allgemein faßlicher Form zu bearbeiten. Der jugendliche Verfasser hat es nämlich unternommen, dieses hochwichtige Buch durch eine po- *) Dieses Blatt wird von nun an zu einem Organ der Gesellschaft für sociale und politische Inteffen der Juden umgewandelt werden, und einen besoldeten Redakteur erhalten. pulare klare Darstellung nicht blos für Fachgelehrte, sondern für alle, welche die h. Schr. als Quelle des religiösen Lebens lieben, leicht zugänglich zu machen, was ihm auch vollkommen gelungen ist. Um aber den Lesern Ihres Blattes eine klare Uebersicht des eben angezeigteu, für die Gegenwart sehr beachtcnswerthen Buches zu geben, möge der mir vom.Verfasser zugesandte Prospektes hier seinen Platz finoen. „Zu. keiner Zeit war es,ein so tiefgefühltes heiliges Bedürfniß, die Wahrheiten, welche zur Begründung eines religiösen Lebens unumgänglich nöthig sind, unmittelbar aus der heiligen.Schrift, als der ursprünglichen und ungetrübten Quelle aller Religiosität, nachzuweisen und allen Ständen des Volkes Leicht zugänglich zu machen, als in der Gegenwart, in einer Zeit religiöser Bewegung sowohl im Allgemeinen als ganz besonders auf dem Gebiete des Judenthums. Da aber jene höheren Wahrheiten über Gott, Lugend und Menschenbestimmung in keinem Buche der heiligen Schrift, aus dem Wege der Selbsterkenntniß und freien Forschung, durch anziehende- Herz und Geist ansprechende Schilderungen aus der Natur- und Lebenskunde, so rein und lebendig-deutlich dargestellt werden, als in dem poetischen Buche Hiobferner nirgends in der heiligen Schrift so reicher Trost gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens, so heilsamer Balsam gegen die Wunden des Geschickes gespendet wird, als eben in dem genannten Buche, welches die für alle Menschen so unentbehrliche Kunst, im äußern Unglücke sich nicht unglücklich zu fühlen, durch ein hervorragendes, beredtes Beispiel lehrt und veranschaulicht; endlich bei all dem reichen gemeinnützigen Inhalte dennoch kein Buch der Bibel dem Volke so gänzlich fremd und unzugänglich geblieben , als gerade dieses gehaltvollste, schönste und vollendetste Kunstwerk der hebräischen Poesie: so glaubt der Verfasser allen Freunden -er heiligen Schrift, welche dieselbe als Grundlage aller Erleuchtung des Geistes und wahrhaften -Bildung des Herzens lieben und verehren, ln der oben angekündigten Schrift keine ganz unwillkommene Gabe darzubringen. Die bezeichnete Schrift enthält außer der Einleitung über Zweck und Gedanken , Zeitalter und Abfassungsart, folgende fünf Theile: 1) Den hebräischen masoretischen Text in möglichster Korrektheit; 2> eine dem hebräischen Texte Wort für Wort zur Seite gehende rhythmisch gegliederte Uebersetzung; ' 3) einen über jedem Kapitel sich befindenden Redeinh a l r, der sowohl alle eigenthümlichen Bilder und Kernsprüche der morgenländischen Dichtung deutlich hervorhebt, als auch den innern Zusammenhang und Jdeengang des betreffenden Kapitels nachweist - 4) eine ausführlich bearbeitete Gedanken-Darstellung. Diese hat zunächst den Zweck, den Hauptsaden und die vielen einzelnen feinen Fäden des. orientalischen Kunstgewebes, welche sehr oft ganz verworren und abgerissen erscheinen, von Stelle zu Stelle zu entwickeln und aneinander zu schlingen, und so durchs ganze Buch hin, bis zur Lösung des Knoten fortzuspinnen; so wie äuch alle Gedanken und Wahrheiten des heiligen Buches, in praktischmoralischer Hinsicht mit besonderer Anwendung auf die religiösen Verhältnisse unserer Zeit dem Leser vorzuführen; endlich 5) einen das Grammatische, Exegetische, Dogmatische, Historische, Geographische und Naturhistorische des betreffenden alterlhümlichen Buches, in möglichster Kürze beleuchtenden Kommentar.