Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1847)
- Date
- 1847-06-25
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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203 zu entwinden und entfaltete die herzlichsten Worte der Ermahnung, so daß fast kein Auge thränenleer blieb. Durch das Scheiden des Landrabbiners Hirsch aus hiesiger Mitte verliert der gebildete Kreis eitlen ausgezeichneten Gelehrten, die Gesellschaft ein hnmanesMitglied, das zu jedem wohtthätigen Zwecke gern hilfreiche Bruderhand bot; die jüdischen Gemeinden hiesiger und der osnabrück'schen Landdrostei aber erleiden einen der herbsten Verluste; denn selten stndct sich wohl ein Mann, der mit den ausgezeichnetsten Talenten, vorurtheilsfreien religiösen Gesinnungen, solche rastlose Thatkraft und solchen regen Eifer zur Förderung alles Segensreichen und Heilbringenden in sich vereinigt. Als sprechende Beweise, ja als bürgende Zeugen, steht das herrliche Denkmal seines neu organisirten Synagogen-Ritus, Schul- und Gemeindewefen, verschiedene ins Leben gerufene Wohlthätigkcits-Stiftungen, für die spätere Zukunft da. Leider hatten wir kaum volle sechs Jahre das Glück, ihn zu besitzen, und nur das Bewußtsein, daß er in seinem edlen Streben, auch in seinem entlegenen Bcrufskreis (Mähren in Oesterreich) seine umsichtsvolle Mitwirkung zu eitlem würdigen Nachfolger nicht versagen werde, vermag hiesiger Gemeirlde ihren Trennungsschmerz zu lindern. Als besondern Beweis der Ehrfurcht und Liebe wurde dem Herrrr Landrabbiner bei seiner Abreise ein sehr schon gearbeiteter silberner Pokal, mit einem Gedichte vom Herrn Stadt-Syndikus Dr. B u eren, von einer Gesellschaft junger Leute als Ehrengeschenk überreicht. Nicht minder Beweis der ungeteilten Hochachtung und Ehrfurcht bleibt indeß die Anhänglichkeit, die ihm die hiesige Gemeinde einstimmig dadurch an den Tag legte, für alle seine getroffenen Anordnungen die möglichsten Opfer zu deren Bewerkstelligung zu bringen, welches nur eitle Folge ungeheuchetter Liebe sein kann, so wie die allgemein sich kundgebende Wehrnuth über dessen Austritt ans hiesigem Anlte ein wahres Zengniß der innigsten Ergebenheit zu ihrem Seelenhirten bleiben muß. Begrüßten wir daher unfern würdigen Landrabbiner bei seinem Antritte mit den Worten unseres Mottos (S. Ostfr. Ztg. 1841, Beil. 126), die wir in Vermuthung des ihm vorangegangenen Rufs allsspracherl, desto entsprechender mögen sie urls heute zu seinem Nachrufe dienen, da sie sich als untrügliche Wahrheit bewährt haben. S. Berlin, 9. Juni. In einem srühern Artikel hatte ich das jüdische Leben und Treiben ein republikanisches genanut. Marl berichtigt oft seine Ansichten wie Zeitblätter — und ich erkläre daher heute, daß es viel schwieriger sei, die Verfassung der Juden zu charakterisiren, als manche neugeborene in andern Sphären. Man könnte vielleicht die Demokratie als passende Bezeichnung wählen und könnte hinzufügm, daß sie iillmer im Kriegszustände lebt. . Obwohl die Juden keine stehenden Heere haben, besitzen sie doch staguirende Herren, welche die Religion ihren Geisteseignen als Lehn übergeben. Unter den Herren herrscht aber ein ewiger Krieg, ein zweiter s i e b enjä hr i g e r. Viele Feldherrn halten sich für lauter Frledrich's die Großen, obwohl der Frieden ihre kleinste Tugend ist. Fragt man aber, was soll erobert werden? worüber wird so viel Tinte vergossen und so viel Galle verspritzt? was treibt die Freiwilligen auf das papierne Schlachtfeld? so hüllt sich die Antwort in das vielsagende Nichts. Die passendste Bezeichnung 'wäre aber: der Kampf zwischen der Aristokratie der Geister und dem Bauernstand, der ruhig hinter seinem Pfluge einherschreiten will. Wie auf einem polnischen Reichs-, tage herrscht unter der Aristokratie die musterhafteste Uneinigkeit, weil Jeder die Centripetalkrast an seinen Füßen Hängend glaubt. Des Einen Wahlspruch ist: ,,Ich bin der Geist, der stets verneint"; des Andern: ,,Nur die Lnmpe sind bescheiden" z des Dritten: ,,Noch ist Polen nicht verloren"; während das Volk aus vollem Halse schreit: „Seid umschlungen M i ll i on en". Dieser Kamps scheint aber unendlich zu sein, wenn er auch kein göttlicher ist. —: Nun beschleicht mich ein wehmüthiges Gefühl. Nach den neuesten Preßgesetzen wird jede Zeitung eine Cantion haben müssen; was sott aus der jüdischen Journalistik werden? Welche B ü rg sch aft kann sie und kann man für sie leisten? Wäre es nicht besser, wenn man sie mit einer Personalsteuer belasten möchte, da sie sich so viel mit Personalien abgiebt? O wenn für jede Personatie eine Steuer entrichtet werden müßte, so wäre dem Unfug bald gesteuert! Um aber auf das Preßgefetz zurückzukommen, so sollten sämmtliche Redakteure jüdischer Journale gegen das neue Preßgefetz protestiren;. vielleicht würde Preußen den jüdischen Protestanten seine Huld nicht versagen, und zum ersten Mal könnten die Redakteure, die Beherrscher alles Reißens, sich über einen Punkt vereinigen. Unsere Reformzeitnng könnte leicht eine Cantion liefern, da sie einen Fond hat, wenn sie auch nicht überall ä fond ist. — Die projektirte jüdische Dameuzeitung ist, wie so Manches, au einer Dame gescheitert, welche eine monarchische Autorität beanspruchte. Die Damen wurden uneinig vor, die Männer werden es nach der Redaktion, weil Jene vor-- und diese nachsichtig sind. — Es werden hier manchen Theologen die Befähigung zum öffentlichen Lehrer abgesprochen, weil sie schlechte Organe haben. Dann würde einen großen Theil des Judenthrnns dasselbe Schicksal treffen* — Die Emarieipalioii ist noch immer rathlos. Nächstens mehr darüber. * Frankfurt a. Nt., 1. Juni. (Hiob eine praktische Philosophie.) Wenn ich, werthester Herr Redakteur, die gegenwärtigen Zustände der deutschen Inden in Bezug ans Glauben und religiöses Leben scharf ins Auge fasse, so fühle ich mich, im Vergleich zu dem srühern meist einförmigen, starren und steifen Winterleben des Mittelalters, mit einem Male in eineil 26*