Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1847)
- Date
- 1847-06-11
- Page
- Seite 190 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 190 — schuftigen und über das Loos der Juden entscheiden. Ob das Loos der Juden dies Mal ,einen Treffer machen wird? Wenn die Verhandlungen über die Juden ein gleiches Resultat mit den Lotterieloosen haben } so. bleibt Alles beim Alten, wie im ZW.' Die schlveigsämen Hoffnungen der Juden sind lvahrhast tragisch! Was wird der Landtag beschließen? Diese Frage steht der Hamlet'schen über Sein,, oder Nichtsein an -Wichtigkeit, nichts nach. Wird die Zauberin von Endor die alten Vornrtheile heraufbeschwören — vielleicht auf den Befehl. eines Königs? Wird Eisenmenger eine neue Auflage in elegantem Umschlag erleben? Werden die Zahlen elf und zwölf heilig gehalten werden? Wie oft .haben, die Glocken seit dem . 11 i März 1812 die elfte und zwölfte Stunde geschlagen — und trotz der Neventlowffchen Methode und trotz dem Gesetze der Judenassociation hatte man den 11. März 1812 vergessen! O über das schwache Zahlengedächtniß unseres Zeitalters, das so viel mit Zahlen umgeht l ' '* Breslau, 3. Juni. Einer Ihrer Hiesigen Korrespondenten stellte , wenn ich mich gut erinnere, der hiesigen Silbersteinischm Synagoge das Prognostiken, daß sie eine Filialsynagoge des Gropius-Lokals werden würde. Diese Prophezcihung geht schnellen Schrittes' ihrer Verwirk-, lichung entgegen. Dieser Tage ist ein guter Ansatz dazu geschehen. Der Trauäkt des Dr. Auerbach mit der Tochter eines der bedeutendsten hiesigen Kapitalisten fand in dieser Synagoge statt und der gefeierte Dichter der Dorfgeschichten, der die Schöpfungen seiner-Phantasie tief xm Boden ehrwürdig geschichtlicher Institutionen wurzeln läßt, weil er von der richtigen Ansicht geleitet ist, daß in solchen vom Volke getragenen Institutionen, so wenig geistigen Gehalt sie auch äußerlich verrathen, eine tiefsittliche, veredelnde Kraft, einwohnt, ich sage der Dichter von europäischem Rainen unterwarf sich freiwillig den geschichtlich geheiligten Formalitäten einer jüdischen Trauung, während einige dunkle Männer, deren Namen nicht^jenseits des Weichbildes der Stadt genannt werden, sich vermaßen eine Neuerung in der Synagoge nachzuahmen, welche fast die ganze Gemeinde, Refvrmliebende nicht minder als Konservative, mit Entrüstung erfüllt. Zur Trauung waren nämlich einige hochgestellte christliche Freunde des Dichters und einige Berliner Reformer anwesend, diesen wollte man einen Beweis von rücksichtsloser Lichtsteundlichkeit geben, und ein Mann, der wohl zu den Edelsten und Wohlthätigstm,, aber nicht zu den Intelligentesten der Gemeinde gehört,, wagte es sein Haupt in der Synagoge zu entblößen. Sofort flogen die Hute von einigen Köpfen, deren Schädel kcanoskopisch einen stark ausgebildeten Nachahmungstrieb, andeuteten. Zn verwundern ist nur, daß die übrige Menge, die herbeigelockt war voir der Seltenheit eines, solchen Aktes und verstärkt durch die zum Wollmarkt anwesenden Fremden, nicht in, Masse die durch, diese That. zu , einem . Reformlokale gesunkene Synagoge verließen. , Sie dürfen daraus keinesweges auf eine Geneigtheit für eine solche den Uebergang. zu der - herrschenden Kirche.anbahnende Neuerung, wie, das Hauptentblößen im Gotteshause, schließen: die Empörtheit über diese namenlose Willkür sprach sich allgemein ans, die sich in der Ferm bescheidener Anfragen in den: hiesigen Blättern kundgab; die Mitglieder des Vorstandes selbst, sollen, wie man vernimmt, heimlich die Handlung gerügt haben; allem, weil sie von der Getdmacht ausgegangen ist, fand sie nicht dcu erwarteten Widerspruch, die Geldaristokratie macht hier Religion, sie kümmert sich wenig um das Gewissen der -Gemeinde. Die breslauer Gemeinde bietet jetzt mehr denn je das Bild anarchischer'Aufgelöstheit dar, wo ein Einzelner mit ein wenig Keckheit und Rücksichtslosigkeit alles wagen darf. — Sic sind gewiß neugierig, wie sich der gerstllche Kopulator bei diesem Vorfall benommen. Sie werden wohl schwerlich von ihm erwartet haben, daß er .diese,.verletzende - Handlung an einem Manne rügen soll, von dessen einziger Protektion seine ganze Existenz abhängig ist, eine Handlung"/die er im Grunde seines Herzens gut Heist, da er nicht Anstand genommen hat, während seiner letzten Anwesenheit in Berlin'in der Reformgenossenschast vor einem barhäuptigen Publikum zu predigen (er selbst hatte sich gegen Angriffe durch das Käppchen gedeckt, es war seine Aegide). Dafür aber gab er uns bei dieser Gelegenheit zwei andere Neuerungen zum besten. Nach der Trauung ergriff er vor der heiligen Lade vor den Augen eines zahlreichen Publikums, geschmückt mit den-hohenpriesterlichcn Gewändern, die Hand der (schönen) Braut und drückte ihr einen Kuß daraus. Den Akt der Trauung selbst ließ er durch Riugewechselu und durch Ablesen der Augelvbungssormel von Seiten der Braut nicht minder wie von Seiten des Bräutigams. vollziehen. , Somit hat der Breslauer Reformator auf heiliger Stätte die vollständige Emaneipatiou des. Weibes zum Gesetze erhoben; denn, wenn das Weib den Ehegemahl durch Austeckeu des Ringes auwerben kann, wenn es sich öffentlich von einem fremden Manne küssen lassen darf, so ist damit die Scheidewand, die Jahrtausende zwischen den beiden Geschlechtern bestanden, faktisch aufgehoben. ConsidLrant und seine kommunistischen Genossen werdet: wohl für diesen großartigen Akt dem zweiten Rabbiner Breslaus eine Dankadresse votiren. Vielleicht wird diese Pastorale Galanterie dem sinkenden Judenthnm wieder aufhelftn. Denn, während das Heidenthum die Süßigkeit des Aphroditeudicustes zum -."Bcstau.dthcil seines Kultus gemacht hatte, war das Judcnthum von jeher durchaus ungalant gegen das schöne Geschlecht. Nicht einmal das taceat rnulier in ecclesia räumte es der andern Hälfte des Menschengeschlechts,ein, sondern es verbannte sie ganz aus der e«cdesia weit hinten hinter die Jalousien der nii>’