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Der Orient · 1847-06-04 · Heft 23 (4.6.1847) · p. Seite 181

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 23 (4.6.1847)
Date
1847-06-04
Page
Seite 181 (sequence 9)
Language
German
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181 Selten bestehen in einer Gemeinde Vereine, deren Tendenz die Nächstenliebe ist, in solcher Masse, wie es bei uns der Fall ist; aber selten auch ist die Verwaltung ähnlicher Vereine so tadelnöwerth und schlecht zu nennen. Nur zwei-Vereine muß ich hier hervorheben, deren Wirken sehr segensreich tji. und deren ich nur mit Lob. gedenkm kann. ■— Der eine ist der Verein „zur Bekleidung Israel. Armenschüler und zu deren Heranbildung zu Handwerkern", worüber Ihnen Ihr Posener Korrespondent in Nr. 18 i).- Bl.- bereits eine Mittheilung machte. — - Der zweite ist der seit 12 Jahren bestehende, von Dr. Schah er gegründete ,,Speiseverein für israei. Kranke", dessen Vorstand in unserem letzten Wochenblatte folgende Bekanntmachung erläßt: - „Seit zwölf Jahren erfreut sich der hiesige Speiseverein für arme israelitische Kranke einer regen Theiinahme wohlthätiger Menschenfteude, wodurch es demselben möglich geworden, jährlich im Durschnitt „900 Mahlzeiten" an unbemittelte Leidende verabreichen zu können. — Viele der Kranken, die dem Grabe zugewclkt -waren und, durch kräftige Nahrung erfrischt, dem Loben wiedergegeben sind, erkennen mit dankbarem Herzen die Wohlthat dieses- Instituts und mit' ihnen suhlen auch wir , als Verweser des genannten Vereins, uns gedrungen,. den Mitgliedern für ihre willfährigen Gaben der Liebe und des Mitleids, wodurch viele Unglückliche in ihrem.Kummer wieder aufgerichtet wurden, hiermit öffe n tlich-unseren Dank zu zollen. Wir leben der Hoffnung, daß der Verein fernerhin bestehen und fortdauernd segensreich, wie bisher, wirken wird; sprechen jedoch hierbei den Wunsch aus, daß derselbe durch einen größeren Anschluß edelgesinnter Herzen, denen das Leiden unserer Mitmenschen, besonders in der jetzt so bedrängten Zeit, nicht gleichgiltig ist, eine bedeutsamere Ausdehnung und Wirksa m fett erhalten möge. Lissa, den 21. Mai 1827. Der BorstanddcsSpeisevereins. Ueber unsere anderen Vereine werde ich mir erlauben, Ihnen in meiner nächsten Korrespondenz etwas Aus-' führliches mitzuth eilen. B. Posen, ,18. Mai. Wenn bei der herrschenden, theils durch Theuerung, theils durch andere Ursachen herbeigeführten Noth im Volke auch unter unfern Brüdern (trotz der unaufhörlichen Unterstützungen von Seiten der Gemeinde-Vorsteher und einzelner Privaten) gar noch Viele, ja man könnte sagen, Massen von Armen vorhanden sind, die Nichts zu beißen und Nichts zu brechen haben und an manchen Tagen sich und die Ihrigen buchstäblich dem Verhungern auögesetzt sehen — so hat man doch (und das gereicht Israel zur Ehre) bet all den Zusammenrottungen und Pöbelaufläufen, die am 29. v. M. hier und an den darauffolgenden Tagen in einigen Städten unserer Nachbarschaft vorgekommen sind, nicht einen einzigen Juden unter den Tu mMuanten.wahrgenommen. Nirgends hat mau bemerkt, daß ein jüdischer Proletarier sich den Unruhstiftern anAe schlossen hätte, um mit diesen von dem bemittelter« Neben Menschen das, was nicht gutwillig gereicht, wurde, mit Gewalt zu erzwingen — deutsch gesagt, den Nebenmmschen zu berauben, plündern, beschädigen re. Man sieht also, der Jude stirbt lieber Hungers, sieht lieber Frau und Kind verschmachten und verhungern, ehe er ein Verbrechen begeht. — Ist der Jude nicht von Natur verderbten Charakters , Noth, momentane Noth, 'und sei sie noch so schrecklich, wird ihn nie zum Bösen treiben, am allerwenigsten das Proletariat. Der jüd. Amre bettelt wohl, aber er raubt nicht; er bittet um Hilfe, aber er fordert sie nicht mit Gewalt; selten nur wird er aufdringlich und nie vergißt er, daß er die Ehre hak, Mensch zu sein. — Man geht jetzt hier keinen Schritt, ohne von Bettelbubm angefallen zu werden; doch nie wirdman unter' der Schaar dieser kleinen Lazzarom's ein Kind jüdischer Alkunft.wahrnehmen. Der jüdische Vater arbeitet oder bettelt sich lieber zu Tode, cibs daß er seine Kinder einmal nur betteln ließe; die Mische Mutter wäre eher im Stande ihr Leben, als das Schamgefühl ihres Kindes zum Opfer zu bringen. Das sind Wahrheiten, die man täglich sieht und die dcirum erst-keine nähere Erörterung nöthig haben. — Aber jetzt erlauben Sie uns, noch einmal auf den obenerwähnten 29. April zurückznkommen. Gegen wen, Herr Doktor, meinen Sie, daß der TumultanjeneulTagedahiergrößtentheils, -ja fast ausschließlich gerichtet wac? Gegen die Juden. Wo glauben Sie, sind die ersten und die meisten Scheiben eingeworftn worden? Bei den Juden. Wessen Läden glauben Sie hat der Pöbel zu erstürmen versucht? Die der Juden. Und wie hier, so überall in unserer Provinz, wo in der jüngsten Zeit dergleichen Unfug stattgefunden; wie in Pudewitz , > Ro g asen, Witkowo, Guesen, Wreschen, Pieschen, kurz überall (siehe besonders unsere und die Brest. Zeitung) waren es die Söhne Jakobs, mit welchen der Anfang, mit welchen Ernst gemacht wurde. Scheint es nicht so, als wenn der christliche Proletarier, durch Noth zur Ausübung des rohesten Cornmunismus getrieben, gegen den Juden sich eher im Rechte glaubt, als gegen seinen Glaubensgenossen? Wie, scheint es nicht so? Und sollte diese Theorie, vielleicht in einer der Noteis ausgesprochen sein, mit welchen ein deutscher Professen eis Rhenum die transrheinischen Lehren eines St. Simon und eines Fourier bereichert? Wie? Oder sollte vielleicht — — Doch wir wollen nicht weiter fragen. lUberhaupt wollen wir uns heute aller Reflexionen, aller Betrachtungen enthalten, diese wie jene den gelehrten Lesern überlassend. Und Sie, Herr Redakteur, bitten wir ganz ergebenst, nn-

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