Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1847)
- Date
- 1847-05-07
- Page
- Seite 146 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Kritik öfters keinen Platz findet , und um so weniger verzeihen wir dem sonst so wahrheitsliebenden Herrn W. jene Hyperkritik, als sich die Meisten der Zuhörer, wie ich versichern kann, durch diesen Vortrag erbaut und befriedigt fühlten.- Herr Dr. Joel gehört nicht zur Kategorie der Herren Kr. und S.; er meint es ernst und aufrichtig mit dein Judenthume und hat vermöge seiner talmttdischen und philosophischer, Bildung gerechten Anspruch auf Achtung und Liebe der Bessergesinnten. Ob Schwerin, das den Grundsatz: der Sohn tritt in die Stelle des VaterS nicht gelten ließ, in Dr. Schw. eine bessere Wahl getroffen, ist eine Frage, welche die Zukunft schwerlich bejahen wird. Die Kro losch in er Gemeinde soll nun endlich ernste Schritte zur Ausnahme des Dr. Hirschfeld thun wollen, was gewiß der vernünftigste und der Gemeinde angemessenste Entschluß wäre, da Dr. H. dem Konservatismus hnldigt und Kroteschin im allgemeinen dieser Richtung , zugethan ist. Mag diese Gemeinde nicht gleich der frühergedachten sich der zweiteil Hälfte des Verses Prov. 17, 24 zu Schulden kommen lassen. — Posen, 30. März. Seit gestern cirkulirt hier ein in hebräischer Sprache abgefaßtes Schreiben*) unseres Oberrabbiners, in welchem der Gebrauch von Erbsen und Bohnen für dieser! Pesach erlaubt wird. Dies Schreiben ist eigentlich eine Antwort an unfern Korporations-Vorstand, welcher neulich den Hrn. OR. angeftagt, ob er nicht wegen der herrschenden Roth und Theuerung (Reis, Haidegrütze und Hülsenfrüchte) zum Gebrauche während des bevorstehenden Pesachs erlauben könnte. Wie aus erwähntem Schreiben hervorgeht, so ist unser OR. auch von den Gemeinde-Aeltesten zu Schwerin^) in dieser Angelegenheit um ein Gutachten angegangen worden. Hr: E. führt sechs Gründe cm3), welche ihn veranlassen, Erbsen und Bohnen für diesen Pesach TDD zu sein, und giebt auch dann eine aus 8 Punkten bestehende Anweisung, wie man mit den genannten Früchten umzugehen hat, so man wahrend des Festes von ihnen Gebrauch machen will. Diese Punkte sind aber alle so erschwerend, daß sich unsere Armen wohl hüten werden, von der „Erlanbniß des Rabbi" Gebrauch zu machen. ' Bedenkt man, daß diese Erlaubniß erst zwei Tage vor dem Feste, wo wohl die Meisten schon mit Lebensmitteln für Dasselbe sich versorgt hatten, veröffentlicht wurde, und zieht man ferner in Erwägung, daß selbst Hütsen- 8) Eine Lithographie in jüd. Korrespondcnzschrift. 9) Ob in Mecklenburg oder au der Warthe ist nicht angegeben. 10) Vorher beruft er sich auf Herrn M. M. Iaffe, Rabbiner zu Fordon, der ihm versicherte, unter feinen Schriften eine rjDl&yn zu haben, nach welcher der weil. Rabbiner zu Brody den Genuß von nVQüp' ij’D anr Pesach rOtfiO für ertaubt erklärt. ftüchte dies Jahr sehr thcuer sind, so folgt daraus, daß unser Herr OR. mit seiner Reform so. viel als gar Nichts genützt hat. — Wieder einmal „viel Lärm um Nichts", -— eine Erscheinung, die seit den denkwürdigen Tagen zu Braunschweig (im Juni 1844) im Judenthume gang und gäbe geworden. — Den 4. April. Die ersten Feiertage sind vorüber, und unser Brüder-Verein hat keinen fremden Prediger gehört. Schade um die lieben Bender! Sie sollen sich sehr gelangweilt haben; denn einen Kantor, d. h. einen modernen Chasan, haben sie auch noch nicht. — In der am letzten v. M. stattgehabten Session unserer Stadtverordneten wurde u. a. ein Ministerial- Reskript pnblicirt, nach welchem jüdische Stadtverordnete von der Theitnahme an ständischen Wahlen, namentlich an der Wahl von Landtagsdepuirrten, ausgeschlossen bleiben. — Merkt's Euch wohl, Juden Preußens! Wo es gilt, einer! Mann zn wählen, der das Volk vertreten soll, da habt ihr keine Stimme, da schließt man euch den Mund. O neunzehntes Jahrhundert! — Schließlich noch ein „relatn refero“. Ein hier in Garnison stehender Husar, jüdischer Konfession, hatte sich während seines einjährigen Dienstes dermaßen die Gunst seiner Vorgesetzten erworben, daß diese sich veranlaßt fühlten, für ihn das -Avancement zum Landwehrofficier höher» Orts nachzusuchen. Allein sie sind abschlägig beschieden worden. Nachschrift. Alle hier in Garnison liegenden jüd. Militärs sind während des ganzen Paffahfesteö (8 Tage lang) von allem und jedem Dienste dispensirt. Der Korporationsvorstand und Herr Meyer Neu seid haben dafür gesorgt, daß unsere jüdischen Vatcrlandsverthcidiger am Pesach kein Chamez zu essen brauchen. . ' Den 9. April. Die letzten Feiertage sind nun auch verstrichen und unser Brüderverein hat an diesen ebensowenig wie an den ersten (stehe oben) irgend ein „erbauendes Wörtchen" vor: her Kanzel herab vernommen. Wer konnte dafür? Ein Gast hatte sich diesmal nicht eingesunden — wie so, weiß der Himmel — und unter den hier lebenden Kandidaten muß cs doch auch keinen geben, der den „lieben Brüdern" konveniren lnöchte. Denn sonst —. Dagegen hat sich gestern , als am Ach'ron schel Pesach, in unserer sogenannten Berliner Schule ein junger RK. (Dr. L. von hier) hören lassen, von dem wir vorläufig weiter Nichts sagen wollen, als daß ihm etwas mehr Lebhaftigkeit- und etwas weniger Ausbreitung zu empfehlen wären. Sollte es uns vergönnt sein, Hrn. L. noch einmal zu hören, so werden wir nicht ermangeln, Ausführlicheres über diesen Jünger der jüd. Theologie zu rcferircn. Unsere Reformen sind Eintagsfliegen — eine passendere Bezeichnung steht uns für dieselben nicht zu Gebote. Der Leser wird sich erinnern, daß sowohl wir als auch ein anderer Korrespondent von hier in diesen Blattern