Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1847)
- Date
- 1847-04-23
- Page
- Seite 133 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1 entsteht die Frage, wozu überhaupt die.Einberufung von | Deputaten, wozu die unnöthigen Reisen und Kosten? Die Breslauer hätten im Vertrauen auf ihr Helles Gesicht nur saus 1‘acon die Unterschriften setzen dürfen. % Die Erledigung dieser Frage will man hier in dem | Zweckessen sinden. Dies mußten die Deputaten in Perv son einnehmen. Hier war das Zweck'essen nicht Neben- A sache, sondern Hauptsache, Zweck; es war ein Zweckessen im vollen Sinne des Wortes, und Ihr Herr 'S, Korr, hat Unrecht sich darüber zu moquircn. Gestehen wird er selbst, daß das Zweckessen das Beste bei der i ganzen Sache war. Aber es wäre besser gewesen, die : i Kosten dieses Mahles, bei der gegenwärtiger: Theuerung, J der hungernden Armuth zuzuwenden. Wie so? Haben unsere unwissenschaftlichen Altvordern oft ihr Herzblut für einen verknöcherten Glauben hingeopfert, so mögen c. ihre erleuchteten Enkel nicht zurückstehen, und ihrer ists, da der Glaube allmälig aus der Mode kommt, für die himmlische Emaneipation, die Gottheit des Tages, we- .i nigstens heldmmüthig — Herzens sterben! — Wiewohl Oberschlesier überhaupt und besonders zum ■ Jahrmärkte häufig nach Breslau kommen, so haben wir y\ doch die erbauliche Nachricht, daß in der Silbersteinw scheu Reform-Synagoge am verwichenen Purim , Has man oder Mardechai, die heilige Sprache mit der deut- P scheu vertauscht habe re, erst durch Ihr geschätztes Blatt erfahren. Daß die Kunde von dieser Nachricht nicht schon früher bis zu uns erschollen, giebt zu erkennen, daß V dieser mächtige Fortschritt in Breslau selbst nicht die gebührende Anerkennung erfahren, nicht sich zum allgemeinen Tagesgespräche erhoben hat, und beweiset klar, daß l,;;, nicht nur Eisenbahnaktien, sondern auch die Neologie im Sinken begriffen ist, und wenig von sich reden macht. U Ihr Referent rügt treffend die Inkonsequenz der G—schm > Megilla-Uebcrsetzung; nur wundert uns, von ihm die ,7 größere Inkonsequenz außer Acht gelassen zu sehen, daß \'i Dr. G. die' Megilla-Beracha aus hebräisch vorgetra-;'s gen, und die größte der größten, daß er sich nicht gescheuet zu sagen, ünsnp wf. f. Heißt dies nicht den unwissenden Altrabbinen Weihrauch streuen, heißt dies nicht ein solennes Anerkenntniß des geächteten P “iion N*?, und ist dies nicht etwa ein Crimen, werth dm Herrn um sein Märtyrerthum zu bringen? Wahrlich! gS ein Glück, daß er diese Worte hebräisch gesprochen, und D von seiner Clique nicht verstandrn worden, sonst fef würden sie, aus gerechtem Aerger, gewiß das Bethaus schon vor Ablesung der deutschen Megilla verlassen U haben. D wenigen Monaten hat-sich ein überaus tragisicher Vorfall ereignet, der in sofern Oberschtesim angehört, als er sich auf oberschlcsischem Gebiete zugetragen. In Medrzeew, einem russisch-polnischen Flecken, || nur durch einen kleinen Grenzfluß und eine Brücke fj darüber von den: schlesischen Grenzorte Myslowitz getrennt, wurde ein jüdischer junger Mensch, von Profession ein Schuhmacher, zum russischen Militär ansgehoben, und als Rekrut dem Orte seiner Bestimmung cntgcgengeführt. Unterwegs gelang es ihm zu entkommen. Unter unsäglichen Gefahren, indem er am Tage in Wäldern versteckt, nur des Nachts sich auf den Weg machte, erreichte er Medrzeew, und flüchtete von da nach Myslowitz. Hier fand er Arbeit; er gedachte den Winter daselbst zuzubringen, mit den:Sommer aber sich eine bleibende Stätte aufzusnchen. Allein das Vcrhängniß hatte es anders beschlossen. Eines Tages sucht ihn ein von seiner Kindheit wohlbekannter jüdischer Fleischer, aus feinem Geburtsorte Medrzeew, in Begleitung einiger fremder polnischer Juden, in Myslowitz ans. Letzterer ist hocherfreut, seinen Landsmann hier wohl anzntreffen, er befragt' ihn theilnehmend über die nähern Umstände seiner Entweichung aus Polen, und wünscht ihn in den. herzlichsten Ausdrücken Glück, dem eisernen russischen Soldatenjoche entronnen zu sein. Bei seinem Weggehen freundlich Abschied nehmend, bittet der Fleischer seinen Landsmann, ihn noch bis zu einer einsamen Stelle am Grenzflüsse zu begleiten, von wo aus er, der Fleischer, mit den andern polnischen Juden, durch das Wasser, nach Medrzeew zurückkehren wollen, indem sie es, der russischen Grenzwache wegen , nicht wagen, ihren Rückweg gerade über die Brücke zu nehmen, weil sie sich ohne Erlaubnißschein nach Myslowltz begeben, was russischer Seits streng verboten ist. Da die Rückkehr der polnischen Grenzbewohner durch das Wasser, um der angegebenen Ursache willen, etwas ganz gewöhnliches ist, so argwöhnt der Flüchtling nichts Böses, und begleitet seine Landsleute bis an den bezeichneten Ort. Da angelangt, ergreifen diese ihn plötzlich, und bemühen sich, ihn gewaltsam nach Polen zu schleppen. Ans preußischer Seite ist Niemand zu bemerken, auf der polnischen gewahrt er nun mit Entsetzen einige Veteranen des russischen Militärs sich nähern. Zn spät tagt es ihm fürchterlich , sieht er sich das Opfer des schändlichsten Verrathes. Vergebens bietet der Unglückliche alle seine Kräfte ans, um sich den Händen der Verräther zu entwinden, er vermag nichts gegen ihre vereinte Kraft; vergebens bittet er flehentlich, ihn aus Erbarmen lieber zu tobten, als ihn den barbarischen Martern der russischen Militärstrafe zu überantworten, seine Henker bleiben taub; vergebens endlich bemühet er sich, seinem Leben im Wasser ein Ende zu machen, sie vereiteln seine Bemühung; und er wird halbtodt, durchnäßt, mit Schlamm bedeckt, von den Russen übernommen, und im Triumph nach Medrzeew gebracht. Von da wurde er bald weiter befördert, um an dem Orte seiner Bestimmung die ihm zuerkannte Strafe zu erleiden. Allgemein verlautete es, der llnglückseLi'ge habe unter den unbarmherzigen russischen Geißelhieben seinen Geist ausgehaucht. Ein späteres Gerücht jedoch widerspricht diesem. Wird