Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1847)
- Date
- 1847-04-23
- Page
- Seite 131 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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131 - zu entstellen, die Freiheit zu verschaffen. Won diesem romantisch-prinzipiellen bäurischen Minister-Wechsel hoffen rum die preußischen Reformer einen günstigen Einfluß auf die preußischen Kabinetsmaßregetn in Betreff des erwarteten. JudengesetzeS. Wie es sich auch mit diesem Gerichte verhalten möge, jedenfalls muß es so etwas sein, das nnserenl Reformer wieder einen seltenen Muth eingeflößt hat. Wir waren es gewöhnt, daß dieser große Reformator zu jeder reformistischen Bewegung , die auswärts verging, die Bemerkung machte, da§ habe er schon vor 9 Jahren , vor 20, 50 Jahren gedacht, geschrieben, gepredigt, daß er immer sich den Ruhm der Initiative vindieirte, nie aber den ersten Schritt zu einer kühnen Reform gemacht hat. Selbst nachdem der zweite Feiertag faktisch von einem böhmischen Bruder aufgehoben wurde, nachdem die RV. halb und halb aus kollegiatischer Anhänglichkeit diesen Schritt hinterher sanktionirte, wußte unser Originalreformator den heißen Brei zu umgehen, um es weder mit den Eintägigen noch , mit den Zweitägigen zu verderben. Wir erwarteten auch wieder an diesen Pesach-Feiertagen von der Kanzel schwellende Frühlingsdithyramben, die sich zwar in dem holprigen Dialekt von Frankfurt ziemlich schlecht anhören, weil dazu eine mahlerische, poetische Sprache erforderlich ist, wie sie nur Auserwählten, Sachs, Salomon, Mannheimer verliehen ist. Die Augenlieder vieler andächtigen Zuhörer waren auch bei der ersten Pessachpredigt schon zum Schließen zugeneigt, als der Frühling diesmal, der m . der Natur lange auf sich warten ließ, in der silberstem'schcn Synagoge obligat proklamirt wurde, die honigsüßen Frühlingstöne fingen schon an wie Schwefeläther zu wirken, als der gewandte Redner schnell den duftenden Blumen-Strauß von Veilchen, Schneeglöckchen, Hyacinthen mit einem Bündel trockener Nadelhölzer vertauschte, der Hymnus mußte vor der Polemik weichen, Voltaire verdrängte Kleist. Gegen den zweiten Feiertag wurden die, leider schon abgestumpften Geschosse gerichtet. Der RabbinaLsassessor, der dem Minister an Eidesstait die Versicherung gegeben, daß er den Talmud verehre und ihn nie praktisch verletzen werde, erklärte, daß er den zweiten Feiertag nicht feiern werde, er könnte ihn kaum einer Predigt würdigen, wenn er! nicht gerade mit dem Eh arfr eLtag züsammenfiele! Die frommen und andächtigen Zuhörer mögen aber ihm nicht doch znrufen, daß er den christlichen Feiertag zu Erbauung benutze. Es sei schon bei den Alten vorgekommen, daß man die Wochenmarkttage Montag und Donnerstag benutzte, an diesen Tagen öffentlichen Gottesdienst und Tora-Vorlescn zu veranstalten, weil die Dörfler an andern Tagen nicht zum Gottesdienst in die Stadt kornmen konnten oder mochten. Da nun die Geschäststhätigkeit am ersten Feiertage nicht unterbrochen wird, so es nur billig von dem Verkünder des Gotteswertes die außerjüdischcn Feiertage zu Hilfe zu nehmen. Das ungefähr war der reiche Inhalt der ersten Pessachpredigt» Sie werden daraus ersehen, daß unser RA. noch immer der Meinung ist, sich für einen Gelehrten, für einen historischerr und philosophischen Kritiker zu halten.^ Er kann die schönen Tage von Araujüez, die Jugendzeit seiner Zcitschrist, noch nicht vergessen, wo man für einen non plus Ultra-Gelehrten galt, wenn man einen ziemlich stylisirten Artikel: ,,Poesie, Prosa und Verlegenheit" oder eine Beleuchtung Hartmann'scher JudcnfeindlichkeiL und Unwissenheit schreiben konnte. Er mochte einmal von einem ehemaligen Hausfreunde, der eine lebendige Talmudencyklopädie ist, gehört haben, daß in Palästina zur Zeit des zweiten Tempels an Montag und Donnerstag Wochenmarkt und Gerichtstage waren, flugs kombimrt das kritische Genie, daß nun wahrscheinlich aus keinem andern Grunde rmnn nxnp mit allem Zubehör an diesen Tagen fixirt wurde! Wenn aber einem Laien eine Frage in so hochtheologischen Dingen erlaubt wäre, so würde ich mir erlaube!: zu fragen, ob wohl auch die k a t h o l i s ch e M e s s e den R am en v on der Leipz igex oder Frankfurter Messe erhalten hat? Mein Laien verstand sagt mir, *QTiN, die M e sse wurde zuerst nur in größcrn Städten, wo Kirchen waren, gelesen, dahin ströinte das Landvolk zum Gottesdienst und brachte wohl dies und jenes zum Verkauf mit, auch die städtischen Kau stellte benutzten diese zahlreichen Volkszusammenkürifte, für die natürlichen und luxuriösen Bedürfnisse derselben zu sorgen, so entstand aus der missn die Messe, der Markt. Gelehrte von Fach werden das noch besser Nachweisen können, wie die Religion im Mittelalter die Mutter des Handels wurde, ich will hier nur auf die. Aehnlichkeit des Instituts von 'n 'n aufmerksam machen. Esra hat nach der Tradition, die unser RA. laut Kontrakt mit seinem Vorstande verwerfen muß, auch wenn sie die Wahrheit ans ihrer Seite hat — diese zweiTage zu einem solenneren Gottesdienst eingeführt, um das Verlesen der Tora, das nach dem Exil ein Haupthebel zur religiösen Volksbildung erachtet wurde, nicht von Sabbat zu Sabbat auseinandcrfallen zu lassen; es sollte nicht drei Tage ohne öffentliches Toralesen verstreichen. Das Landvolk strömt nun au diesen Tagen vorzugsweise in die nächstgelegenen Städte, wo Synagogen standen, brachten gelegentlich auch Vorräche für die Bedürfnisse ihrer Brüder der Städter mit und so konnte man diese Tage auch zu Gerichtstagen benutzen, so erstanden auch aus Kirchentagen, Wocheumärkte. Indessen mag es in seinem Temperament liegen, alle historischen und religiösen Bezüge materialistisch aufzuffsstn, der Geist scheint ihm nicht das erste zu sein, die Geschmäcke sind ja so verschieden. Aber noch heftiger wurde seine Polemik gegen den zweiten Feiertag am Charfreitag; es sei nichts weniger als eine Todsünde, am letzten Pessachiag noch das strenge Ritual von Chamez zu beachten, er werde daher in seinem Hause am Abende des siebenten 17*