Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1847)
- Date
- 1847-04-16
- Page
- Seite 122 (sequence 3)
- Language
- German
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122 Ferner liebte Christus sein Volk vor allen anderen, erzeigte ihm unzählige Wohlthateu, ließ selbst sein Leben für dessen Erlösung, und vergab ihm, was es sich gegen ihn, seinen lang' ersehnten Messias hatte zu Schulden i kommen lassen, mit den ewig denkwürdigen Worten: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Auch war dies alles ganz natürlich, da die Inden, abgesehen von ihren lästigen, durch Christus als unwesentlich abgeschafften Ceremonialgesetzen und abgesehen von dem Glauben an Jesum Christum selbst als Gottes eingeborenen Sohn, ganz dieselben Religionslehren haben, wie die Christen (1 Joh. 2,?), vor allen aber die: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst. Selbst im Namen sollte daher zwischen Juden und Christen kein größerer Unterschied als zwischen Katholiken und Protestanten stattfinden. Was haben dagegen die späteren Anhänger Christi gethcm, was thun selbst wir noch bis auf die heutige Stunde? Beinahe zwei Jahrtausende lang sind die Juden wie die ärgsten Feinde verfolgt; liebet eure Feinde, spricht der Heiland wie Sklaven gedrückt, obgleich geschrieben steht: Ihr Herren, was recht und gleich ist, das beweiset den Knechten und wisset, daß ihr auch einen Herrn im Himmel habt —- wie das Vieh gemishandclt; aber der Gerechte erbitnut sich auch seines Viehes — und bis zum gegenwärtigen Augenblicke in einem ungleichen RechtSzustande gehalten und der'Regel nach höchst verächtlich behandelt. Ist das' die christliche Nächstenliebe, wornach es heißt: was du willst daß dir die Leute thun sollen, daö thue du ihnen!? Allerdings ist nun zwar nicht zu leugnen, daß wir in der neuesten Zeit schon gar sehr zur Erkenntniß des Unrechts. gekommen sind, welches den Juden besonders vor Atters zngefügt worden, daß daher alle diejenigen, welchen wahre christliche Aufklärung inwvhnt, nichts ernstlicher wünschen, und betreiben, als dieses Unrecht durch möglichste Gleichstellung mit uns Christen und verdiente Achtung wieder gut zu machen und daß in dieser Beziehung schon mancher lobenswerthe Fortschritt geschehen ist. Allein Vieles ist insofern noch zu thun übrig, und muß von uns bald geschehen, wenn auch wir'uns nicht unverantwortlicher Grausamkeit schuldig machen lnollen. Denn durch theilweise Zugeständnisse und theilweise Achtmlgsbezeugnngen haben wir die Juden für ihre noch fortwährend gedrückte und keineswegs ehrenvolle Lage nun . selbst schon viel empfindlicher gemacht, als sie es vor Zeiten für ihr größeres Elend waren, an das sie sich einmal gewissermaaßen gewöhnt hakten. Es ist daher doppelt grausam, das Unrecht auch nur im kleinern Maaßstabe noch länger gegen sie fertsetzen zu wollen. Wir dürfen deshalb als wahre Nachfolger Christi, des Königs der Inden , nicht länger zögern, bis etwa die Negierungen durch gesetzliche Vorschriften dem Uebel vollständige Abhilfe gewähren. Denn eines Theils kann dies noch lange dauern, andern TheilS aber wird solches dm -Regierungen durch eine allgemein veränderte Volksstimmüng außerordentlich erleichtert und säst erst möglich gemacht. Mit vereinter Kraft müssen wir daher vor allen Dingen dahin streben, daß die Achtung gegen unsere israelitischen Brüder, mit denen wir an Abraham denselben Stammvater Haben (Jcre. 2, 21. Nom. 4.) als unsere Rebenmenschen und Nächsten, die wir lieben sollen, als uns selbst, sofort allgemeine Oberhand gewinnen» Dies geschieht, wenn sich jeden Orts, die obrigkeitlichen Personen, Geistlichen und Lehrer der Schulen an der Spitze, Vereine bilden, um die Mittel und Wege zu berochen und auch möglichst allgemein zur Ausführung zu bringen, wodurch jene Achtung gefördert werden kannwohin besonders ein achtungsvolles äußeres' Betragen der Vercinsmitgtieder gegen die Juden, ernstliche und anhaltende Belehrung der Kinder in den christlichen Schulen, daß sie die Juden als ihre Nebenmenschen ehren und lieben müssen, wenn sie Christen heißen wollen, und Beförderung wahrer Geistesbildung der Juden namentlich durch Unterstützung deren Schul- und Unterrichts-Anstalten gehören möchte. Dadurch würden in Kurzem dem Staate eine große Zahl guter und achtbarer Bürger zngesührt werden und dieser dann >auch nicht länger Anstand nehmen, seine jüdischen und christlichen Unterthanen wie Kinder eines Vaters zu betrachten. So ist es nicht blos ch'r i stli ch, sondern 'überhaupt auch m en sch l ich gedacht und gehandelt, imb wenn daher schon bei den heidnischen Römern Mancher nach dem Grundsätze verfuhr: hoino suni, nihil Immani a ine alienmn puto, so habe auch ich, an sich offenbar eine höchst unbedeutende Person, deren schwacher Stimme aber Gottes Allmacht unendliche Stärke verleihen kann, mich um . so mehr als Christ und ungeachtet meines nicht geistlichen Standes berufen gefühlt, hierdurch zur christlichen Nächstenliebe gegen die uns stammverwandten Juden ünfzusordern. Gerichtshalter Dr. W. Günther. Me verehrlichen Redaktionen deutscher Blätter, die das Verdienst dieser guten Sache theilen wollen, und sich die Ausgabe gestellt haben / Wahrheit , Recht und Näch stellt lebe zu fördern, werden behufs weiterer Verbreitung der angeregteil Idee um geneigte Aufnahme dieses Aufsatzes angelegentlichst ersucht. Berlin, 9. April. Der Auszug aus Mizrajim ist vorüber, die Juden haben das Wasser hinter sich wie so viele Berliiler, die in den Ausrufs ü'v 'wo p einstimmeil können. Während der Festtage hatte ich nichts zu thun und dachte daher nach — und dies zur Beruhigung des ZW. m Hebräischer Sprache —