Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1847)
- Date
- 1847-04-02
- Page
- Seite 107 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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107 anders als: „Dr. L., Prediger der israel. Gem. zu- U., außerordentl. Mitglied der ....scheu Gesellschaft zu Z., ordentl. Mitgl. der ...ten Rabbinerversammlunz, Werf. des Büches y. r. s. :c. :c."5) — Und setzen wir den Fall, Fortuna wendet dem von der Universität kommenden jüd. Theologen den Rücken, und er erhält nicht so bald einen Posten als Prediger oder so Etwas, nun so ist er auch noch nicht ganz verloren. Er stickt, und stückelt aus zehn vorhandenen Büchern ein elftes zusammen—- und ist auf Einmal ein Schriftsteller. Will es hier nicht - gehen, so pfuscht man in die Journalistik, und wenn alle Stränge platzen, da wird man -- Schulmeister. — Erlauben Sie mir, dieses Bild noch . etwas deutlicher zu zeichnen. Denken Sie sich einen i jungen Mann, der, weil er in seiner. Kindheit etwas . Mischnajo.t und Rasch: gelernt hat, sich berufen fühlt, r ein Gotteslehrer in Israel zu werden. Er bezieht eine der Landesuniversitäten, absolvirt das akademische Trieunium, d. h. er hört in einem Zeitraum von 3 Jahren ein bis zwei Dutzend Kollegin in der Philosophie und ebensoviel in den -Sprachen des Morgenlandes, und das } Reich der jüd. Theologen ist um einen Kopf vermehrt. 1 Nun bringt die Zeitung eine Anzeige von der Vakanz! eines Nabbinerstuhls oder einer Predigerkanzel in irgend ] einer kleinen Gemeinde des In- oder Auslandes. Unser j Kandidat meldet sich, wird zur Abhaltung einer Probe-; predigt ausgefordert; er geht, predigt, gefällt und — sein Glück ist gemacht. Er soll aber in seiner Gemeinde, nicht nur predigen, sondern auch die Funktionen eines j Rabbiners verrichten. —- imd von diesen steht doch Nichts tu der Siloah, und von diesen steht Nichts in Zschocke's ,,Stunden der Andacht", und von diesen haben die st Rückert's und die Petermarm's und die Marheineke's -- auch niemals Etwas gesagt; unser Prediger macht also i einen Schnitzer nach dem andern, der Gemeinde gehen - die Augen auf, und der arme Gottesgelehrte hat de c kaelo aufgehört, Rabbiner und Prediger zu sein. Er / wird verabschiedet. — Doch zittert und zagt er nicht, . der Ex-Prediger und weiland Rabbiner; denn fehlt es - lh'.n auch, an Talent, oder besser an Muth zunnSchriststeller, ist er auch nicht gewandt geltug, oder besser dreist - genug, in. der Journalistik sein Heil zn versuchen, so ist ■ er doch noch nicht verloren. Ein Pförtchen noch bleibt Ehm immer offen — es fährt in das gelobte Land des Mag isterthums. Jedoch, eine öffentliche Lchterstelle kann er nicht annehmen, denn er ist als Lehrer - nicht geprüft, und wollte er sich auch einer Prüfung . unterwerfen, er würde sie nicht bestehen; denn er hat 5) So mußte ich neulich sehr lachen, als ich im Stammduche einer jungen Dame blätternd, unter einem herzlich schlechten Verslein die pomphafte Unterschrift fand: „Prediger Dr. ***, ordentl. Mitgl. der Morgenlands Gesellschaft zu Halle und. Leipzig". V- Alles in der Welt studirt, nur kein Wörtchen Pädagogik und Didaktik. Man sieht sich also genöthigt, eine kleine Hauslehrerstelle auf dem Laude oder in. einer kleinen Stadt anzunehmen. Der Prinzipal ist aber auch nicht auf den Kopf gefallen, er läßt sich auch nicht gern ein L für ein U machen und sieht nur zu bald ein, daß seine Kinder bei dem Hrn. Doktor Nichts lernen. Der Hr. Doktor wird also von Neuem verabschiedet. — Verabschiedet ist aber noch immer nicht verloren. Man wirst sich in eine große Stadt,, und da ist für die Herren Doktoren, für die Herren Expredkger und Exhauslehrer noch eine Quelle des Unterhalts vorhanden, sie heißt Privatunterricht. Durch Heucheln und Schmeicheln, durch Kriechen und'Speichellecken sucht man sich in dieses und jenes Haus einzuschleichen, sich dieser und jener Familie, aufzudringen, sich da und dort eine Stunde zu erphraseln, das Expfaffenthum kommt dabei recht gut zu Statten, und die Existenz ist begründet. Nun komme mir Einer und sage, ein Prediger, der seine Stelle verloren, sei selber verloren. Den wollte ich schön ansehen. Ein jüd. Theologe ist nie und nir- -gends verloren. Das steht fest. Und nun, Herr Redakteur, gestatten Sie mir auch eine kleine Forifthung der ,,Revue", welche ich in meinem vorigen Berichte begonnen und inmitten abgebrochen habe. Zunächst noch Etwas von Rawicz, welches dort nur flüchtig berührt wurde. Die Korporatiensverhältnisse daselbst könnten besser sein, als sie es in der That sind, zumal da Rawicz seit 10 Jahren schuldenfrei ist, was in den Gemeinden unserer Provinz, namentlich in den größer» z u den Seltenheiten g ehör t6 7). Es sotten aber, wie man hört, in R. solche Leute an der Spitze stehen, denen es an derjenigen Konsequenz und Thatkraft mangelt, welche zur Verwaltung solcher Aemter durchaus unentbehrlich sind. Rabbinat und Kantorat sind erledigt, ersteres seit sechs Monaten, letztes seit eben so viel Jahren. An die Wiederbesetzung dieser Posten wird wohl sobald nicht gedacht werden. Die Rawitscher stnd gewiß noch der Tragödie eingedenk, welche in den Jahren 1837-—4O in ihrer Gemeinde spielte, und durch nichts Anderesals durch die voreilige Wahl eines ausländischen Chascms herbeigeführt worden war. Die Schute soll auch nicht zu den allerbesten gehören, obgleich sie sechs Lehrer''), und unter diesen manche gute Kräfte hat. Das Gedeihen einer Schule ist aber nicht von den Kräften des Lehrers allein , sondern auch von manchen, ja noch von vielen andern Verhältnissen bedingt. Großtentheils liegt die Schuld an unfern jüd. Schulvorständen, daß unsere jüd. Schulen das nicht. 6) In Lissa soll die Schuldenlast der Gemeinde nicht viel weniger als 100,000 Rthlr betragen. 7) Eine Erscheinung, welche sich in der ganzen Provinz nur noch Einmal, nämlich in Lissa. wiederholt. 14*