Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1847)
- Date
- 1847-04-02
- Page
- Seite 106 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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verordn eten einer preuß rsch e n Stadt beschlossen habenbeim Landtage die Bevorwortung derJudencmancipation zu beantragen, und noch dazu der bedingten Judenemancipation, das, Herr Redakteur, verlangen Sie von Andern, nicht von mir^ — Diese kurze Betrachtung erweckte in mir eine Erinnerung , welche gerade nicht zu den angenehmsten gehört. Der „Volksvertreter" — wissen Sie und weiß Jeder — ist ein Blatt, welches seit seiner Geburt noch nicht aufgehört hat, Humanität,, Toleranz, Liberalismus und was dergl. mehr ist,! zu predigen. Als ich nun vor einigen Tagen das diesjährige Januar-Heft der genannten Zeitschrift durchblatierte, da fand ich darin u. a. auch die für uns so erfreuliche Nachricht, daß der Magistrat und die Stadtverordneten von Berlin beschlossen hätten, außer mehrern andern Anträgen an den nächsten Landtag auch «inen auf Emancipatlon der Juden zu richten. Nun begnügt sich aber der Volksvertreter nicht mit der blosen Anzeige dieses großartigen Faktums, nein, er macht sich das Vergnügen, an dasselbe noch einen kleinen Schweif, oder nennen wir das Kind bei seinem wahren Namen — einen kleinen Zopf anzubinden, und wer Augen hat, sieht, daß es dem Volksvertreter weniger um die Sache selbst, als um sein Anhängsel zu thun sei. Dieses lautet, wie folgt: „Wir gönnen den Juden den endlichen Genuß der vollen Rechte aller Staatsbürger, können jedoch dm'Wunsch nicht unausgesprochen lassen, daß sie auch selbst recht an ihrer Emancipation, d. h. arr ihre^ Menschwerdung, arbeiten muffen b)." — Welche Großmuth ist es nicht, die sich im ersten Theile dieses Satzes ausspricht? „Wir gönnen" . — Der Volksvertreter gönnt uns die Emancipation, gönnt uns das, was uns von Rechts wegen zukommt, was wir als die rechtmäßigen Kinder des Staats zu fordern haben. — Aber sagt, Juden Preußens! sagt Juden Deutschlands! sagt, Juden Europa's! sagt, Juden des ganzen Erdballs! sagt aufrichtig: macht Ihr Euch was daraus, ob der Volksvertreter und die andern .deutschen Publicisten Euch die Emancipation gönnen, oder nicht gönnen? — Ich, für meinen Theil — — gär Nichts. . Und nun der andere Theil des angeführten- Satzes, in welchem ein Wunsch ausgesprochen, der, wie es scheint, zu den piis äeZiäeriis des Volksvertreters gehört. — „An ihrer Menschwerdung arbeiten muffen." — Hörst Du es Deutschland? Go spricht im Jahre 1847 ein deutscher Publieist in einem deutschen Blatte zu und von Deutschlands jüdischen Söhnen. Weit gekommen! Nicht wahr? — O, ihr möget noch so Biel von Humanität, Toleranz re. predigen, ihr möget euch noch so tief in den Mantel des Liberalismus einhüllm, den Zopf, den alten könnt ihr trotz aller Mühe rmd Anstrengung nicht ganz verbergen, der guckt noch immer hinter der Kappe hervor, und seiend auch nur einige Haare davon. — Genug politistrt. Aber was jetzt? 'Von einer Gastpredigt habe ich Ihnen diesmal nicht zu berichten. Seit J.'s Auftreten (s. Nr. 7) hat unser Brüder-Verein leider noch kein „erbauendes Wort" gehört. Doch Geduld. Wir werden bald wieder Feiertage haben, da werden sich die Herren Kandidaten schon wieder einstellen. Nicht gesorgt. Deutschland hat jetzt seine w a n d e r n d en Gotteölehrer, wie es im Mittelalter seine wände r n d e n Sänger hatte, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß diese ihre Lieder selber gedichtet und ihre Melodien selber kompomrt haben sollen, während jene großcntheils, so zu sagen, mit fremden Kälbern pflügen. Aber wozu lassen auch die Herren Stein und Salomon ihre Predigten drucken, wenn diese nicht praktisch benutzt werden sollen! — Und wer wird es übrigens auch unfern jungen Predigern verargen, daß sie von dem, was man ihnen so reichlich bittet, Gebrauch machen, wenn sie dabei nur mit etwas Geschicklichkeit d. h. nicht allzu plump (wie die Herren 96 und M zu Werke gehen? — Unsere jungen Prediger (oder besser unsere predigenden Jungen) sind doch nicht so schlimm daran, als Mancher denken mag.. Lächelt ihnen Fortuna, und sie erhalten eine Stelle , nun .da haben sie 'ja Quellen in Masse, aus denen sie schöpfen können, um ihre Gemeinden zu erbauen, zu' belehren und zu unterhalten; wie gesagt, sie müssen das Ding nur anzugreifen wissen, sie müssen etwas Chemie verstehen, um das Schlechte aus scheiden , die bessern Stoffe aber gehörig mit einander verbinden zu können. Die Zusammensetzung darf kein m e ch a n i sch e s G e m c n g c4), sondern sie muß eine echte chemische Mischung sein. Dann geht es schon. Die Predigt wird als eigenes Fabrikat in den Kauf genommen , sie gefällt diesem und jenen, und der junge. Prediger wird im erstell besten Tagesblatt als ein Talent erster Größe amsgeschrien. Titel ünd Namen, wie schnell sind die heutzutage nicht verschafft? Wie leicht wird man nicht ordentl. oder außerordentt, Mitglied dieser oder jener gelehrten Gesellschaft— oder wenigstens Mitglied einer „Versammlung deutscher Rabbinen?" Wie schnell hat man nicht ein schlechtes Buch geschrieben, und ist dadurch in die Reihe der Literaten getreten? Und dann lieber Leser, sollst Du einmal sehen, wie st ein Duodeztheologe sich unter jedem Mahnbriefe, unter jedem Billet wie unter jedem Stammbuchvers, nicht 3) Ständen diese Worte nicht im „Volksvertreter" (vor dem wir sonst alle Achtung haben), wir hätten sie ganz ignoeirt, wie all dergleichen Zeug in publieistischen und andern Blättern. 4) So hörten wir v-or nicht zu langer Zeit eine Predigt, die neben vielen Bruchstücken aus Pleffner'schen und Philippsonffchen Reden auch eine ganze Seite, aus einem Roman von George Sand und ein Gebet von Agnes Franz enthielt.