Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1847-03-19 · Heft 12 (19.3.1847) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 12 (19.3.1847)
Date
1847-03-19
Page
Seite 95 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360472-2360485--5845-3533033
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

95 sind, muß, weil dies sein eigenstes Wesen ist, alle Lheile des Volks umfassen und in sich aufgehen Lassen und es müssen alle hervorragenden Größen ebensowohl, sich bewußt sein und werden nur als zum Bürgerthum gehörig und in ihm wurzelnd ihren wahren Beruf erfüllen und ihre volle Kraft entfalten können, wie das Proletariat nur durch das Bürgerthum der Gefahr entrissen werden kann, in krankhafter, Trennung von dem Staatsleben dahin zu ziehen und den Gesammtorganismus in seinen Funktionen zu stören und zu gefährden. Darum muß das Bürgerthum aus dem Kerne des Volks empvrkeimen, nach beiden Seiten ranken, es muß die Kräfte, die bisher bevorzugte Stände dem Staatsleben entgegen hatten, um in geiler Ueppigkeit zu wuchern, während andere Bolkstheile wegen Entziehung der zu ihrer Entwickelung nothwendigen Elemente geistig und körperlich darbten, ins Gleichgewicht und die Lebenssäfte des Staats wieder in die naturgemäße Cirkulation bringen, ohne dabei an die ins Reich der Chimäre gehörende idoalische gleichmäßige Vertheilung aller irdischen Güter zu denken. ✓ Darum ist das Wesen des echten Bürgerthums wahre Freiheit, wahre Humanität, Einigung in Liebe, nicht Communismus, der mit dem Tode des Eigenthums Anarchie und Auflösung hegt und Frevel predigt. Und eben darum wird lind muß das höhere Bürgerthum den Deutschen religiöse und politische Freiheit bringen, jene Güter um die so viel edles Blut schon geflossen. Aber weil die religiöse Freiheit die politische erzeugen wird und muß, sehen wir in unfern Tagen noch neue korifessionelle Schranken entstehen. Vielleicht weil der Volkswille die vorhandenen unzurcißen droht und man an gewissen Orten die nothwendig erfolgenden Konsequenzen auf einem andern Gebiete furchtet. Aber dieser Widerstand kann den Sieg nicht lange hemmen, denn der Gedanke ist nicht mit den Waffen der physischen Gewalt zu bekämpfen. Fällt damit aber auch die Scheidewand., die den Juden von dem Staats- und Volksleben, von dem bürgerlichen Leben überhaupt noch trennte, so darf er nicht zaudern die Schwelle zu überschreiten, auf der so lange das Worurtheil und der Glaubenshaß thronte und mit dämonischer Gewalt von einer bessern Existenz ihn trennten, nachdem sein Dasein so viele Jahrhunderte hindurch vergiftet gewesen. Aber indem er aus dem Ghetto des Mittelalters hervortritt, braucht er den Glauben seiner Väter, der in derRachc des Jammers so lange ihn trostreich geleuchtet, nicht zmück- Lulaffen. Und darum ist es Unsinn oder Bosheit, wenn Ihr Orthodoxen, indem wir für eine bessere Zukunft uns rüsten und vuch unsere Wähler sie herbeizuführen bedacht sind — immer Unb ewig nur Gefahr für die Religion wittert , als ob das 2udenthum eine Schattenpflarze wäre, die nur unter morschen Ruinen ihr trauriges Dasein fristen kann. 2hr gebt Euch das Ansehen, dem Volke in Israel zu dienen und zu helfen und ihr verderbt es und bereitet ihm Noch. Was denn ist für das Volk in den letzten 10 bis 20 Jahren von der Orthodoxie geschehen? sie hat weder geistig noch irdisch Gut gebracht, sie predigt und spricht von Treue und Anhänglichkeit an die Religion der Väter — aber sie erklärt und lehrt keine Religion. Freilich herrscht auch auf dem Gebiete des Glaubens in Israel eine traurige Zerrissenheit und es mehrt sich täglich die Zahl der Sekten. Aber alle diese Reformbestrebungen verrathen doch nur eine echte Treue und die redliche Absicht nicht zu wanken und nicht zu weichen von dem Glauben der Väter, wenn freilich die freiere Gegenwart sich nicht immer in alle Formen zu zwängen weiß, die nicht mehr.dem Stifter der Religion, sondern finsteren entschwundenen Zeiten, deren deutliches Gepräge sie tragen, ihr Dasein verdanken. Und auf der andern Seite wird kein Ehrenmann unter Euch es leugnen, daß die echte orthodoxe Religiösitat ein ganz grenzenloses Gebiet ist, daß auch der Frömmste fast nie der vollen Summe der sog. religiösen Vorschriften mit Einschluß der schönen Minhagim, wie man sie oft nennen hört, Genüge zu leisten vermag. Oder könnt ihr drei orthodoxe Rabbiner Deutschlands nennen, die alle congruent dieselben religiösen Vorschriften das ganze Jahr hindurch beobachten? Beginnt doch der Unterschied schon mit dem polnischen und deutschen Gebetritus, der tausend übrigen Abstufungen und Abweichungen nicht zu gedenken. Dazu kommt der Uebelstand, daß jeder Laie, der seinen Schulchan Aruch durchgemacht hat, auch selbst Theologe sein will, und sein eigenes Urtheil abgiebt. Dem radikalen Theologen gegenüber nehmt ihr freilich zuweilen einen liberaleren Standpunkt ein und predigt Sabbacfeier, Speisegesetze, tägliche Gebete mit Denkriemen, aber tritt man Euch naher unter die Augen, so.seid Ihr wieder bereit zu verketzern, wer den Esehn Mekoman nur wegzulassen Miene macht. Auch die Frage, ob denn dem gütigen Allvater damit gedient sein kann, wenn Lausend und aber Tausend täglich eine Stunde hindurch dieselben Gebete im guten Glauben, aber ohne Andacht hersagen, da sie die Zeit doch nützlicher .und Gott gefälliger verwenden könnten, und ein Gebet ohne Andacht einem Körper ohne Seele gleicht. Dreht und windet Ihr Euch , möchtet jenen Satz gern weg wissen und meint: es ist doch rin gutes Werk und die Uebung wird zur Andacht führen. ■ ■ Ihr vergeßt aber, daß dem wahrhaft Gottesfürchtigen ein solches Gebet sündhaft erschemen.muß und daß ein frommer Gedanke mehr werth ist als stundenlanges' geistloses Geplärre. , Aber mit Euern Lästern und Verketzern werdet Ihr keine Seele gewinnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.