Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1847)
- Date
- 1847-03-19
- Page
- Seite 96 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Seid ehrlich und wahr , beschneidet die Auswüchse und wilden Zweige, die dem Stamm seine gesunden Säfte', entziehen, und macht Euch nichr selbst blind gegen die Forderungen der Zeit. -- Sie sollten einen Zaun machen um das Gesetz, auf 'daß es nicht Jedem antastbar und durch Vorrechte geschützt sei. Es sind aber der dornigen Zäune und Hecken so viele geworden — denn jedes Jahrhundert und jede Katastrophe, Gesera genannt, har ihr Lheil geliefert, daß von dem blumigen und fntchrreichen Garten einer erhabenen Gotteslehre nur. wenig sichtbar geblieben. Und darum wäre es an der Zeit und die wahre Aufgabe der Orthodoxie das Joch des Himmelr eichs zu erleichtern und von den Zäunen und Planken und Pfählen und Hecken,zu entfernen was überflüssig, geworden, auf daß jeder die wahre 'reine Gotteslehre in ihrer Nähe erblicken und sie lieben lernen kann. s Das fühlt, und erkennt denn auch der bessere und ehrliche Theil der Orthodoxie, aber es fehlt die Autorität und der Muth zur Reform. Darum will noch jeder einzelne Rabbiner hinzufügen und die Last vermehren, aber davon nehmen, hieße sich den Todesstoß geben, denn .wer nur einzelne Pijjutim streichen wollte, die kaum der zwanzigste Theil der Betenden noch versteht, würde, von dem Pöbel verketzert und — Machsorim unbrauch-. bar machen. Eine Rabbinerversammlung von anerkannt gelehrten und frommen Religionslehrern würde Aeuderung schaffen können, aber Jeder scheut der Erste zu sein und fürchtet den Haß der Fanatiker in 'seiner Gemeinde. Und so vergrößert die Orthodoxie die trennende Kluft, indem sie nur schweigt') .oder verketzert und Hader und Haß und Zwietracht säet, wahrend sie durch liebreiche und überzeugende Belehrung gerade jetzt in Deutschland tausend Herzen gewinnen könnte, denen bei einem, echt religiösen Sinn die gegenwärtige Orthodoxie zuwider ist, während auch die Resormveceine dem tiefgefühlten Bedürfniß nicht genügen und gleichwohl'die eingewurzelte Liebe für das Judenthum einen gerade jetzt der Ueberzeugung doch nur geringen Zwang anthuenden Rrligionswechsel nicht duldet. (Beschluß folgt.) *) Das Schweigen hat nämlich auch seine gute Seite und muß neue Anhänger gewinnen, seitdem vor Kurzem in einer großen Gemeinde dem konsequent durchgesührten-dolce* far niente eine glänzende Anerkennung geworden. Perfonalchronik und ZKiseellen Seesen. Den 2. März starb nach ganz kurzem Krankenlager ,Dr. Im. Wo hl wohl. Dir.'der Jakobson'schen Schule hier. Er war einer der ausgezeichnetsten Schulmänner und sein Tod daher für dieses Institut ein unersetzlicherVerlust.— Verlag von C. L. F r i tz s che. „Es werde Licht!" Gen. 1, 3. „Es werde Licht!" so war der Gotteswille, ' Und schnell gebrochen schwand die alte Nacht; Gebrochen ward die lautlos dumpfe Stille, Das Leben und das Wirken war erwacht; Zersprungen lag des Chaos dunkle Hülle, Die Welt erstand in glänzend hehrer Pracht; Auftauchend strahlten Sonne, Mond und Sterne, Die Näh', erwärmend, leuchtend selbst der Ferne. Ein Meisterspruch, der in der Sphären Runde Ein nie verklingend, jubelnd Echo fand, Ein Zauberwort, das heilet jede Wunde, Geschlagen von des Schicksals strenger Hand; Des einstigen Heiles unverfälschte Kunde, . Der höchsten Gnade sicheres Unterpfand; Ein Urgesetz in Gottes Herrscherreichen, Des Schöpfers und der Schöpfung Bundeszeichen. . „Es werde Licht!" Erhabenste Gedanken, Euch schuf dies Wortes hehre Allgewalt! „Es werde Licht!" bricht jetzt noch enge Schranken, Wo es nicht spurlos in die Oede hallt; Des Wahnes und der Bosheit Pfeiler wanken, Wo ernst und kräftig jener Ruf erschallt; Und dumpfe Kerker, feste Bande springen - Die Freiheit regt des Geistes mächt'ge Schwingen! Denen ist der Schlüssel ,worden zu den meisten Menschenherzen! Eu're hohe Kraft versplittert nicht an Tändelei'n und Scherzen! Erst vor allem sei Gedanke,.Hei des Saitenspiels Accord , Was ihr uns im Liede kündet sei ein ernst gefühltes Wort. Lasset ruh'n die alten Schmerzen, lasset den verjährten / Kummer, Weckt die Zeit mit lautem Rufe aus dem kalten Todtenschlummer; Daß auch eu're Sonne steige hell aus trüber Nacht herauf, -Daß auch euer Stern beginne seinen lang gehemmten Lauf. Laßt aus euern gold'nen Saiten Vaterlandesbilder tönen, Daß man endlich euch auch zähle zu .des Vaterlandes Söhnen; Nennet man euch dennoch Fremde, lachet ob dem frevlen Hohn, Wer die Heimath liebt vom Herzen, ist der Heimath echter Sohn. Singt von eu'rer Liebeswonne, singt von euern Liebeswehen, Singt, wie Scharons Rose herrlich blühet auf des Nordes Höhen; Singt den.hehren Sieg des'Lichtes und des Friedens Melodie, Euer Lied, 'es scheine Nachhall einer Sphärenharmonie! Laßt' nur Edles und Erhabenes euer glühend Herz durch- ' dringen, Laßt durch eure Liederstürme Jubel und Entzücken klingen; Daß ihr, wenn die Menschheit endlich Licht und Freiheit sich errang, Ihren schönsten Sieg zu feiern, stimmet würdigen Gesang! ' David Men dl. Druck von I. H. Naget.