Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1847)
- Date
- 1847-03-05
- Page
- Seite 79 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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79 a I M A > II' II I Landleuten zu ihn», deren Gedanken von den Sorgen der Nahrung meistens ganz in Anspruch genommen sind; hier versteht man Menschen und Verhältnisse zu beurteilen. Mag Hr. Stein in mancher anderen Gemeinde als Rabbiner genügen und mäßige Anforderungen befriedigen, wir wollen darüber mit seinen Freunden nichi streiten; sicher aber wäre es für ihn „.und uns besser gewesen, er hättestets den schönen Spruch Boileaüs vor Augen gehabt: „lei drille au secoud rang, qui s’eelipsc au premier“! —- —dt« Breslau, 15; Febr. Aus Mangel an ergiebigem Stoff zur Berichterstattung müssen Sie mir einige Randglossen zur ersten Nummer der „Reformzeitung^ durchgehen lassen, die mir so eben der Zufall in die Hände geführt. Ich konnte Ihnen zwar auch Tagesbcgebenheiten "zuscnden vdn zwei jüdischen Veteranen, die wegen des eisernen Kreuzes mit Militärmusik unter Begleitung sämmtlicher Veteranen aus der ehemaligen schlesischen Armee zur Ruhestätte begleitet wurden „bei deren Särgen Dr. Geiger und ein christlicher Prediger Senior Berndt, einen patriotischen Qualm machten. Allein Sie lieben dergleichen nicht und überlassen derartige Oiw- Glückseligkeiten andern Zeitungen, die aus solchem Werg Zange Artikel spinnen müssen. Ich bleibe . also bei deu Randglossen. Meine Randglossen zur Reformzcitnng werden sich vorläufig nur aus einen Artikel beschränken, nämlich auf denjenigen, der den Geiger, zum Thema hat, „Märtyrer und Apostaten" überschrieben,, aus dem einfachen Grunde, weil wir hier über dieses Thema viel besser unterrichtet zu sein glauben, als Hr. Rebensteiu; da eine Beleuchtung des ganzen Inhalts der ersten Nummer dieser Zeitnng zu weit führen würde; und schon der leitende Artikel von Dr. Stern, worin derselbe das Publikum über das Wesen des vielfach verkannten ReformvereinS belehrt, und worin in ermüdender Weitläufigkeit auseinandergesetzt wird, was der Reformvercin nicht ist, ein naives Geständrnß der Negativität dieses Vereins — schon dieser Artikel, sage ich, könnte zu einer langen Replik Stoff geben, das würden wohl Ihre Berliner Korrespondenten gebührend würdigen. Also zurück zu unserem Märtyrer-Apostaten, zu Dr. Geiger.' Der Nef. tröstet sich und seine Freunde, daß G's gegenwärtige passive Verhalten zur Reform keineswcges A p o sta si e sei, sondern nur M a ngel an Selbstkenntniß u. s. w. Ich weiß nicht, ob sich hier Hr. Nebenstein Illusionen macht, oder ob er dadurch Dr. Geiger, — einen mächtigen Verbündeten, der sich aus gereizter Stimmung oder Trägheit, wie Achilles in sein Zelt zurückgezogen, mit seinen Therfileu Possen treibend, während von der Trojanischen Veste des Konservativismus die Hektors täglich Niederlagen in dem hellenischen Lager der Reformer anrichten, — zur Tätigkeit zwingen will. Allein Geiger ist kein Achilles, seine Freunde selbst werden ihm nicht diese Tapferkeit und diese Unverwundbarkeit beilegen, er ist höchstens der theologische Ulysses, der um die Veste des Jndenthums zu sprengen bald ein heiliges Palladium nach dem andern plündern läßt, bald ein hölzernes Pferd für ein Pala.dium einzuschmnggeln räth. Wenn Ulysses sich ruhig verhält, so ist das auch eine Thätigkeit, und eine um so gefährlichere, als sie lichtscheu unterirdische Züge verfolgt. Nein es ist nicht Mangel an Selbstkenntniß, was G. für den Augenblick theilnahmlos an der Reform macht,, cd ist auch nicht Apostasie, — freilich noch weniger Märtyrerthum — mit welcher Krone derselbe Referent sehr freigebig ist — es ist etwas, das man nicht aussprechcn darf, wenn man nicht eine Jnsuricnklage auf deu Hals haben will. Thatsachen werden das bester erläutern. Vor neun Zähren, worauf sich Hr. R. beruft, warf G. dem ganzen bestehenden Judenthume den Fehdehandschuh hin, nannte diejenigen jüdische Theologen und Entrüstung feig, ehrevergessen, die bei einer rituellen Frage den ,, Schulchanaruch" ausschlagen, Schaamröthe müßte sie bei dieser Unthat bedecken. Als dann aber das Ministerium ihn 7 Jahre später zur Rechtfertigung seiner verdächtigen Rechtgläubigkeit aüfforderte, da erklärte der Apostel der Reform der hohen Behörde, er habe sich in seinem religiösen Leben immer nach den rezipir.ten Codices gerichtet, und w erde dasse l b e auch in derZukunft thun. Wer Dieses und noch Schlimmeres,- daß Geiger dem Miuisteriuur betheuezt, er leugne bei Leibe nicht die Tradition, et verwerfe nicht den Talmud, nicht, glauben will, der möge sich die Mühe nicht verdrießen lassen, Geiger's Broschüre, „die letzten zwei Jahre" zu lesen, der Leser wird sich belohnt finden durch Kenntniß einer Fertigkeit, 8—10 mal für eine andere Farbe zu schwören, ohne ein einziges mal meineidig zu werden. — Die Pforte» der Deutung sind nicht verschlossen! Daraus ist auch das Kunstückchen zu erklären, daß. Geiger innerhalb 24 Stunden zuerst die hier austauchcnde Reform in den Himmel heben und gleich darauf für die Hölle verdammen konnte, als ihm vor zwei Jahren der geprellte Vorstand mit Suspension drohte. Man muß von Zeit zu Zeit diese Thatsachen auffrischen, um sie nicht der Vergessenheit verfalle!: zu lassen und nicht das als Märtyrerthum gestempelt zu sehen, was weiter nichts, als das Resultat einer raffinirter Pastoralktughert war. Indessen möchten wir doch der Reformgenosstnschast, die in der ersten Nummer die Schaar ihrer treuen und thätigen Mitglieder wohlgefällig mustert, ratheir nicht viel auf Ulysses zu trauen. Denn dieselbe gewissenhafte Ehrlichkeit,. die dem Minister bethcuerr hat, er glaube steif und fest an Offenbarung, Tradition , Talmud, reeipirte Codices und was weiß, ich noch mehr —dieselbe grundehrliche. Haut kann sich einmal, wenn die Reform im Staate in Miskredit gerathen sollte, aus der Verlegenheit ziehen. Man denke sich nur, daß das Gouverne-