Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1847)
- Date
- 1847-03-05
- Page
- Seite 80 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 80 — ment, etwa wie in Bayern, die Konsequenz der strengen Kirchlichkeit und Altgläubigkeit auch auf das Judenthnm ansdehnte, und Neuerungen verpönte, so wäre der Prä- - sident der dritten R.-V. im Stande pater peccaYi jtt sagen imb der Behörde zu bet h euren, er habe nur deswegen am zweiten Feiertage zu schreiben gestattet, an den Festtagen Festivitäten mitgefeiert, weil es die Beschlüsse der R.-V. erlaubt haben, die er für einen Anhang zu den rccipirten Codiecs angesehen habe, wenn aber die Hohe Behörde in ihrer Weisheit anders zu befehlen geruhe, so stehe er gerne von. seinem Jrthume ab.. Das.Publikum, das urtheilsfähige meine ich, hat bereits ein sicher stehendes Urtheit über Geiger und seinen Charakter und Hr. R. wird nicht im Stande sein, mit seiner Apologetik dieses Urtheil schwankend zu machen, darin irrt aber Hr. R., wenn er meint, daß nur Lokatmiseren Geiger hindern, das Banner der Reform zu schwingen und voranzutragen. Nein, diese Misere hat er selbst hervorgcrufen durch seine hartnäckige Behauptung, sich als Rabbiner aufzudrätigen. G. konnte wohl hier eine ansehnliche Reform-. rrQ.n. zu Stande bringen; welche Verletzung des Sabbats und andere unschuldige Neuerungen gerne annähme ja seine Freunde drängen ihn dazu; allein dann stünde der Titel Rabbiner auf dem Spiel, den man sich nach Ableben des alten Nab. Tiktin hat ausfertigen lassen. Aber was ist ein Titel, ein leerer Schall, der nur so viel Werth hat, als ihm Anerkennung und Respekt gezollt wird — was dem Dr. Geiger leider hier, nicht gelingen will. Bald läßt ein Testamentöexekutor ausstreichen, wenn ein Rabbiner im Testamente mit als Cumtor zugezogen wird, man weist ihn zurück, da er doch bekanntlich nicht Rab sei, bald dringt ein Prozeßinhaber, wenn er einen Eid leisten soll, auf den legitimen Rabbiner Tiktin, da Geiger bekanntlich nicht einmal als Räbbinatsassessor anerkannt sei. Sühuversuche und Ehescheidungen gelangen nun gar nicht zu ihm; so bleibt nur die Kanzel übrig, die lange, nicht mehr ziehet. Freilich spekulirt er auf die Zukunft, auf die Jugend, die nicht den Ettern gleich rigoros sein werden. Indessen das wird sich finden. —- Schließlich will ich noch eine Thatfache nachtragen, die Ihr hiesiger Korrespondent L's., in der letzten Nummer vergessen zu haben scheint. Den anwesenden Deputaten der 41 schlesischen Gemeinden legte Dr. Geiger. einen> Plan vor,. einen Verein zu Besserung der politischen und religiösen Stellung der schlesischen Judeuschast ins Leben zu rufen. Ich bip begierig, ob die größtentheils noch religiösen Gemeinden Schlesiens sich werden in die Falle locken lassen, ob sie ein Unternehmen unterstützen werden, dessen Absichten klar zu Tage liegen. Werden sie sich nicht vor dem trostlosen, aufgelöstem Zustande der hiesigen Gemeinde warnen lassen, werden sie' noch Vorschub leisten, daß die Fackel der Zwietracht in ihre friedlichen Hütten geschlendert werde! „Theile und beherrsche" war von jeher der Haupthebel jedes Ehrgeizes. ' ' F. Oesterreich. Von der Theiß, 12. Febr. Die Pulsschläge der auftebenden Kultur unter den Israeliten Ungarns lassen sich heute noch mit ziemlicher Genauigkeit an-den literarischen Erzeugnissen ihrer Rabbiner zählen. Diese Erzeugnisse bestehen zwar meistens nur noch in Kanzelreden, doch ist ihre Summe im lebhaften Zunehmen begriffen, und das ist immer ein erfreuliches Zeichen des Fortschritts. Die Toleranzbefreiung hat eine Menge Predigten hervorgerufen, und wir hatten den Genuß, neben sehr vielen schlechten auch viele gute zu erhalten. Nun hat die ungarische jüdische Kanzelberedtsamkeit abermals einen, obzwar traurigen , doch reichhaltigen Stoff zur Ausbeute erhalten, in dem am 13. Januar d. I. erfolgten Hintritt des allgemein geliebten und judenfteundlichen Erzherzog-Palatins. Vermnthlich werden Ihre ungarischen Korrespondenten nicht ermangeln, Ihnen die einschlägigen Berichte zuzusenden. Hier vorläufig blos von Szcgedin. Am 7. Febr. fand hier das Requiem statt; die. Elite der Stadt war zugegen, eine Volksmenge von Tausenden füllte unser imposant geschmücktes Gotteshaus, und verließ dasselbe mit einer Erbauung, die schwer zu schildern ist. Der Gottesdienst wurde großentheils in ungarischer Sprache abgehalten. Nachdem die Gemeinde bcu Psalm 16, 91 in ungarischer Sprache gelesen hatte, setzte der Rabbiner Hr. Pitlitz die Hauptmomente des Tränersestes in einer ebenfalls ungarischen Rede auseinander. Diese Rede erregte in unserer erznngarischen Stadt ungeheuere Sensation! Dann folgte ein vom Hrn.Rabbiner abgefaßter DWn hebräisch.. Eine ungarische Trauer- Hymne desselben Verfassers , von der Schuljugend trefflich vvrgetragen, beschloß das Ganze. Man verließ das Hans wie gesagt mit großer Erbauung. Die hiesigen Israeliten haben mit diesem einfachen Feste bei ihren christlichen Mitbürgern nicht geringe Ehre geärndtet. Die Predigt so wie die Hymne des Hrn. Pillitz erscheint dieser Tage im Druck, und wird sich jedenfalls den bisher erschienenen Arbeiten dieser Gattung würdig anreihen. Verlag von C. L. Fritz sche. Druck von I. H. Nagel.