Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1847)
- Date
- 1847-03-05
- Page
- Seite 77 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 77 — würdigen „ Geistlichen zu erscheinen Pflegt, diesmal, wo es sich nur um eine Eidesleistung handelte, blos eil negligee mit seinem ordinären Bachnr ausgegangen war, und nun den nöthig gewordenen Raas nicht sogleich bei der Hand hatte. Allein er, der selten eine Gelegenheit Vornbergehen läßt Rache auszuüben, wo diese ihm nicht gelingt, doch mindestens einen Prozeß zu führen, und, wo dieser unmöglich zu gewinnen, doch wenigstens einen Skandal zu machen, eine Würde zu affektiren, oder eigentlich eine zu verletzen, und sich in lächerlicher Blöße den öffentlichen Blicken auSzusetzen. — Hr. Leopold Stein versäumte auch diesmal nichts, sich selbst und die ihm gewordene Stellung möglichst zu kompromittiren. Er gab, mach der persönlichen Far^e im Gotteshanse beim Stadtgericht eine beschwerdeführende Schrift ein, ein Dokument, völlig würdig, in einer jüd. Zeitung als leitender Artikel, oder auch den ,, Stusengesängen^ als Vorrede zu dienen. Freilich wird Hr. St. auch hiebei ebenso wenig gewinnen als damals, da er seinen Trcfa-Prozcß durch die Instanzen führte. Aber ist es denn nicht schon ein Gewinn für ihn, wieder einmal unter seinen halb eingeschlafenen Anhängern ein klein wenig — auch freilich nicht Enthusiasmus , .so doch Privatfanatismus zu erregen, und wurde dadurch auch nur irgend ein Frauenzimmer, ein Kind, oder ein entfernter Anverwandter oder Freund des Widersachers ein bischen gekränkt?! Gewinnt der Rabbiner nicht schon genug, wenn der erste Jude dahier, der in einer Sache von sehr bedeutendem Belang, nachdem schon mehr als zwanzig Christen bald von den Parteien, bald vom Stadtgericht verworfen worden, wegen seiner unabhängigen Stellung, seiner Einsicht und seines unwandelbaren- Geradsinns zum Experten gewählt und bestätigt worden, nunmehr von Seiten seines sogenannten ^Seelsorgers" angefochten wird? Freilich hat Hr. T. die ganze Mission blos aus Gefälligkeit übernommen und büßt bei deren Verlust nicht mehr ein, als wenn er etwa einmal die Predigt, versäumt hätte; freilich hat Hm. Steins Eingabe Hrn. T. den Triumph bereitet, daß vier Parteien — worunter eine städtische Wohlthätigkeitsanstalt und zwei fürstliche Administrationen — zu Gunsten seiner Beibehaltung bis zu der höchsten Instanz hinauf Prozeß führen; indessen wird auch für den Rabbi die Sache nicht ganz verloren gehen; Viele werden sich daran ärgern, Manche werden sich deshalb kränken, hie und da wird es sogar gelingen, Einem einen klemm Schaden zuznsügen —und am Ende ist doch jedenfalls die ,,Blamage" so gut als gesichert! :— Ach, ach, wer uns doch einmal eine paffende, eindringliche Gelegenheitspredigt über den salomonischen Text hielte: ,, ■l&pi p mm / *pD Nspi yb.“ > Berlin, 26. Febr. „Was ist geschehen?" „Was ist zu thun?" diese zwei Fragen , die nicht blos von Dr. Stern, sondern von ganz Preußen nach dem 3. Februar aufgeworfen wurden, sind, im Grunde zwei mnemonische Zeichen für die Vergangenheit und die Zukunft Die Mnemonik, - die, wie der „Wächter" den Finsterlingen und der „Israelit" den jüdischen Lichtfreunderi, dem Gedächtnisse zu Hilfe kommt, hat sich also unserer Genossenschaft angenommen. Man glaubt aber hier allgemein, daß es für die jüdischen Zustände heilsam wäre, wenn das Gedächtniß der Juden gestärkt würde , da sie so viel vergessen. Die Rabbiner vergessen oft, was sie ihren Gemeinden schuldig sind; die Gemeinden vergessen nicht selten, daß sie Rabbiner haben; der „Wächter" vergißt, daß nicht an jedem Tage cm Wunder wie die egyptische Finsterniß — die am- Ende doch nur drei Tage gedauert — geschieht; der „Israelit" vergißt, daß er kein Israelit ist; die „Allgemeine" vergißt oft ihre Unparteilichkeit; unsere Gemeinde vergißt, daß sie eine Synagoge bauen wollte; die Theotogenversammtung vergißt, daß sie sich versammeln wollte; der „Orient" vergißt oft die Fortsetzungen zu-bringen; der hiesige Kulturverein vergißt die Kultur; die Reformer vergessen ihr Programm; die Pränummerantensammler vergessen, die Bücher herauszugeben; die Korrespondenten vergessen die Wahrheit, im Gegensätze zu dem Sprichwort: ein Lügner muß ein gutes Gedächtnis; haben: kurz wir leben in einem Zeitalter der Vergessenheit, und es wäre ein Verdienst, wie die Anregung der hiesigen Reform, wenn Reventlow mnemonische Zeichen für alle diese.Schwächer des jüdischen Gedächtnisses geben möchte. Allein wenn ich nicht irre, habe ich auch vergessen, daß ich mit zwei Fragen angefangen. Um .keines Plagiats schuldig zu 'werden, was in unserer schreibscligen Zeit nicht so genau genommen wird, bekenne ich, daß die Originalität dieser zwei Fragezeichen dem Chef der Reform, dem Hrn. Dr. Stern gehört. Die erste Frage muß sich eigentlich jeder Korrespondent vorlegen, sobald er daran geht, sich ein unsterbliches Plätzchen in der Journalistik zu .sichern. Man wirft diese Frage noch bei andern Gelegenheiten auf. Wenn z. B. der „Israelit" und die„Allgemeine" die Feder ergreifen, um die hiesige Reform anzugreifen, so. fragt man sich, „was ist geschehen?" Ist die Orthodoxie in die reformatorischen Hallen plötzlich eingekehrt, oder ist man ungehalten, daß der Erzreformer Holdheim der Prediger der Genossenschaft geworden ist? „Was ist zu thun?" Soll man statt Stntzuhren zu schicken, noch zwei Prediger aufnehmcn, um den Frieden, der auch Louis Philipp Heuer ist, wieder hcrzustclleu? Wenn Professor Schiller gelobt, die Reform getadelt, Löw ein Consilium ndermcki gegeben wird, so fragt man sich: „Was ist geschehen?" Wenn die deutschen Staaten Konstitutionen bekommen und die Inden nach wie vor vor lauter Rechten kein Recht haben, so wirst man die Frage ans: „Was ist geschehen?" Wenn Artikel 16. der Bundesakte noch immer so wirkungslos wie die meisten Artikel der jüdischen Journale ist, so