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Der Orient · 1847-02-26 · Heft 9 (26.2.1847) · p. Seite 71

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 9 (26.2.1847)
Date
1847-02-26
Page
Seite 71 (sequence 13)
Language
German
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71 Schoße der Pariser Judengemeinbe in die Kammer gekommen sind, bekennen sich zu den Grundsätzen der jetzigen Verwaltung, d. h. zu den Grundsätzen eines gemäßigten Konservatismus, der in der Juli-Revolution den Schlußstein einer 1 sortbildungssa'higen, durch die Gesetzgebung sich vervottkom- Z menden Verfassung erblickt, entgegengesetzt derjenigen Meii nung, die überhaupt nirgends einen Schlußstein, in der Iuli- Revolution aber einen Grundstein fortlaufender Bewegungen! oder gar Umwälzungen erblickt. Nur der vierte Deputirtc, Cremieux, gehört ,der dynastischen Opposition an. Nach diesem Verhältniß sind fast alle jüdische Beamten, ja im Allgemeinen die ganze jüdische Bevölkerung, d. h. die stürmischen Liberalen verhalten sich zu gemäßigten wie 1 zu 4. Nicht so ' ist es in Ländern, wo die Juden noch die bürgerliche Gleichstellung Zu ihren eifrigsten Wünschen zählen; hier sind die Juden mehr oder weniger voll Sympathie für den Fortschritt / konstitutioneller Gesinnung, schließen sich in Meinung und ■ Wort der Opposition an. und unterstützen entweder durch Schreiben oder durch Lesen jene liberale Presse, welche jenn seits ihrer Kreise auch die „schlechte Presse" genannt wird, i. Bleiben wir bei Deutschland stehen! Hier, darf man behaupten, haben jüdische Publicisten und mündliche Anhänger des .. Liberalismus seit 1830 in einem weit größeren Verhältnisse als die Seelenzahl der jüdischen Bevölkerung zuläßt, beigerragen, das Streben nach freien Verfassungen allgemeiner zu : machen. Sie traten in Bücher«, Zeitungen und im Umgänge als Apostel der Freiheit auf, und vom Untergange Polens bis zu den Reformen Pius' H ging selten ein politisches;-1 Ereigniß so spurlos an ihnen vorüber, daß es ihnen nicht, je ' nach dein Inhalte, Freude oder Schmerz machte, daß es sie > nicht entweder zum Kampfe dafür oder dagegen veranlaßte. ' Ihre Warme für die ergriffene Sache und ihre öffentliche Tätigkeit zog Tausende von christlichen Lesern oder Hörern an eine politische Erkenntnis;, der sie früher ganz fremd waren , oder der sie sich früher als einer für falsch erklärten verschlossen haben, und so halfen sie mit/ Gedanken unter Bürger und Volk zu bringen, die innerhalb der letzten 16 - Jahre hier durch Begünstigung von oben, dort durch Widerstand erstarkten. Wählen wir ein Beispiel. Börne, der Jude •' ans Frankfurt am Main, har durch seine kernige und doch klangrache Sprache, durch seine Satire, seinen Ernst, Spott, , Witz und patriotischen Schmerz der Sache des Absolutismus wehr geschadet, als ein siegreiches Heer französischer Republiknner tu Deutschland geschadet haben würde. Wie Börne, strebten tausend andere jüdische Schriftsteller, und wenn auch "icht alle mit solcher heiligen Innigkeit und Liebe, und wenn b keiner mit solchem beispiellosen Erfolge, so. gaben ihnen doch dieselben Umstände die Feder in die Hand, verlieh dieselbe p- Wahrheit ihren Worten Eindruckskraft, und der Erfolg vie- |j ler Einzelnen reihte sich riesenmäßig an einander. Ü Fragen wir nun nach dem Grunde der Verschiedenheit m der politischen Anschauungsweise der deutschen und fran- & Eschm Juden, so drängt sich die Antwort hervor, der Grund 8 ü ist hier die Emancipatkon, dort der Mangel derselben. Aber mit diesen Worten ist die Angabe des Grundes nur ausgesprochen, noch nicht erschöpft. Es wäre eine lächerliche Beschuldigung, wollte man behaupten, die Juden seien am linken User des Rheines für die Regierung, weil sie von ihr Aemter haben, sie wären dagegen am rechten Ufer in'der Opposition, weil sie keine Aemter von der herrschenden Gewalt haben. Nach dieser Theorie würde man sich auch keinen christlichen Beamten anders als servil oder wenigstens konservativ denken dürfen. Aber das Wahre an der Sache ist, sie sind drüben nicht mehr und nicht minder wie die Christen dem Geiste der Opposition ergeben/ weil sie wie die Christen Aemter haben können, weil sie jüdische Franzosen und nicht französische Juden sind; sie sind dagegen hüben verhältnißmäßig mehr wie ihre christlichen Mitbürger liberal, weil sie keine Aemter haben können, weil sie deutsche Juden und nicht jüdische Deutsche sein sollen"). Aber auch dieses bedarf noch einer näheren und sofortigen Erklärung. Nicht der Unmuth, sich von den Ehren und dm Vortheilen des Staatsdienstes ausgeschlossen zu sehen, hat den so stark entwickelten Liberalismus bei den Ausgeschlossenen hervorgerufen, nicht deshalb wendet sich ihr Talent der Opposition zu, weil es der Staat von der verdienten Auszeichnung zurückweist, nein! Die Ausstoßung und Zurücksetzung, deren man sich gegen die Juden schuldig machte, mußte sie bei ihrer wachsenden Bildung und bei der erwachten Aufklärung der Zeit unwillkürlich in die Laufbahn des Liberalismus treiben. Ausgenommen in, und erzogen und beschäftigt für den Staat, würden sie wie die Christen in der Thätigkeit ihres Berufes Genugthuung gefunden. haben, und die Freudigkeit über die nützliche Anwendung ihrer Talente und. Zeit für das Vaterland würde eben diese Talente und diese Zeit von zu starker Berührung mir kosmopolitischen Gedanken fern gehalten haben. Statt dessen machte man die Juden zu Unterdrückten und ließ sie ohne ehrenvolle Beschäftigung, nachdem man sie dafür reif gnvorden sah. Die Unterdrückten aber sehen in jedem Unterdrückten einen Leidensaenossen, und sie fühlten für die denationalisirten Polen und für die vertriebenen Sieben aus Güttingen gleich warm, so wie sie die allgemeinen Wünsche für Freiheit wärmer und tiefer fühlen, während zugleich diejenigen, welche alle Mittel in Händen hatten, dem Staate treu zu dienen, eben mit diesen zurückgewiesenen, unbeschäftigten Mitteln nichts Besseres anzufangen wußten, als sie dem kosmopolitischen Geiste unserer Zeit zur Verfügung zu stellen. *) Der Umstand kommt freilich auch noch hinzu, daß in Deutschland?as Beamtenthum immer noch fast die einzige Laufbahn ist, auf welcher Talent und Studium die öffentliche Aufmerksamkeit und die öffentlichen Ehren zu erlangen ^.vermögen. In England, wo dieses Verhältniß sich gar nicht oder doch DMgstens nicht in einem ähnlichen Maße wie in Deutschland findet, hat es allerdings eine viel geringere Bedeutung, von der Beamten-Laufbahn ausgeschlossen zu bleiben.

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