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Der Orient · 1847-02-19 · Heft 8 (19.2.1847) · p. Seite 61

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Journal
Der Orient
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 8 (19.2.1847)
Date
1847-02-19
Page
Seite 61 (sequence 9)
Language
German
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- 61 - Breslau, Hamburg, Dresden und Prag wäre Nikolsburg der passendste Ort für ein jüdisches Seminar, und Hirsch könnte sonder Mübe ein solches in's Leben xusen. In Nikolsburg, dem Sitz eines Gymnasiums und einer philosophischen Lehranstalt, der früheren großen Jeschiba unter dm vorigen Landrabbinern, bedarf es nur der Anregung eines einflußreichen Mannes,.um das Erziehuugsinstitut für künftige Rabbiner aus dem Feenreich der Wünsche in die Wirklichkeit treten zu lassen. Alle mährischen Gemeinden würden mit Freuden beisteuern — und so könnte Mähren, Hirsch an der Spitze, in der Errichtung von Seminaricn als schönes Muster vorangehen. Vielleicht wird Mähren das gelingen, was Deutschland bis jetzt nicht einmal versucht hat. Dieses Institut allein wurde Hirsch unvergeßlich machen. Nous verrons! Raab, 1! Febr. (Aus einem Briefe.) Ueber Ungarn ist leider nicht viel Erfreuliches zu berichten; hier herrscht noch im Ganzen jene tiefe Kulturstufe, jene kindische Naivetät, über einen abzuschaffenden Esehu Mekoman einen Jammer, wie über einen Weltuntergangzu erheben, und Leinwandtaschen in Tuchhosen mit ausgesuchter Bosheit zu verfolgen. Der Orthodoxismus steht hier noch auf der Stufe des vorigen Jahrhunderts, gepaart mit jener slavon'scheu Rohheit, wie man sie hier zu Lande auch bei andern Konfessionen zuweilen findet. Aber auch die sich so nennenden Gebildeten und Aufgeklärten,' die Eiferer gegen das Alte und gegen die Alten, welche mit ihren fanatischen Ergießungen die jüdischen Blätter überfluthen, stehen auf eben so niederer Stufe. Im Durchschnitte ungebildet und unwissend, glauben diese wimmernden Aufgeklärten, daß die ganze Aufklärung im Schimpfen der Alten, die ganze Theologie in einer Bilderbibel, die ganze Erleuchtung im Tragen eines Schnurrbarts , die ganze Wissenschaft in einer wässerigen, hirnlosen Predigt, gleichviel ob in deutscher oder magyarischer Sprache, bestehe. Und wer nach magyarischer Art am Besten grell auftragen kann, wer recht schwülstigen Pathos, wie die Tageshelden der Kongregation, machen kann und macht, der ist der Held. Nun werden Sie die traurige Erscheinung in Ungarn begreifen, warum in diesem großen von der Natur so gesegnetem Lande unter den 300,000. Inden sich nicht Einer findet, der auf dem Gebiete der jüdischen Tagesfrageu, im Fache der religiösen Principienkämpfe, oder in der Wissenschaft der jüdischen Literatur und Geschichte auch nur eine lesbare Abhandlung zu schreiben im Stande ist, eine Abhandlung meine ich, über welche die gelehrten Zeitschriften und Kritiken des Auslandes nicht blos aus Mitleid oder gastlicher Gefälligkeit ihren Beifall zu erkennen geben. Lassen Sie mich von Namen schweigen, ich kann Sie Ihnen von A—-Z vorführen, aber ich mag nicht, daß man mir persönliche Antipathie zuschreibe. Bei aller Prahlsuchi des jungen Ungarns; bei aller Großthuerei des sich überstürzenden MagyariSmus, da ist doch noch immer ein gesunder Sinn für Geschichte und Literatur, wie überhaupt für jedes Wissen; wir Juden aber bilden von diesem schon nicht ganz normalen Zustande eine so widerliche Karrikatur, daß diejenigen Blätter, welche unsere Zustände loben , eine tun so größere Verantwortung auf sich nehmen, als sie das Streben dadurch weder fördern noch wecken. — Peng, 1. Febr. Unsere Steuer-Angelegenheit ist so weit geschlichtet, daß cs einem jeden Kontribuenten freigestellt ist, sich der Steuerlast schon dermalen durch Vorausbezahlung der dreijährigen aus ihn repartirtcn Steuerquantums zu entledigen. Aber noch hundert andere Fragen werden sich demnächst zu beantworten aufwerfen. Die bisherige Judensteucr hat in dem hiesigen Gemeinde- und Familienleben zu tief einbegriffen, daß nicht beim Wegfällen derselben eine gänzliche Reform des Gemeindewescns eintreten müßte. Ich spreche nicht von den hier seit Jahren bestehenden kränkelnden Anstalten, die der Heilung so sehr bedürfen, als Schulz Gotteshaus, Armen- und Krankenanstalt re. Es handelt sich hier auch um neue Schöpfungen, deren Bedürfniß zwar schon längst gefühlt wurde, die aber dennoch bis jetzt zu den frommen Wünschen gehörten, weil die durch die Steuerlast hart gedrückte Gemeinde die Mittel zur Realisiruug derselben aufzutreibeu kaum hoffen durste. Anders aber werden und müssen sich die Verhältnisse jetzt gestatten. Nicht nur die Pflicht der Dankbarkeit der Regierung gegenüber, die doch zu irgend einer Manifestation veranlassen muß, sondern noch mehr die Sorge für die religiösen und socialen Verhältnisse der böhmischen Juden überhaupt und der hiesigen insbesondere, die nach allen Beziehungen hier einer Regeneration bedürfen, stellt ernste Forderungen an die böhmischen Juden, denen sie sich nicht mehr entziehen dürfen. Bedenkt man, welcher Fond geistiger Kraft in der böhmischen Judenschaft von jeher vorhanden war und wie gern jeder selbst bei mäßigen Vermögensverhältnissen sein Schärftein beiträgt, wo Erziehung und Bildung oder nationale Interessen gefördert werden können, so ist man berechtigt eine schöne Zukunft zu erwarten. Au tüchtigen Männern fehlt es uns nicht; möge sie nur ein redlicher von aller Befangenheit freier Wille vereinen und kleinliche Rücksichten und Nebenabsichten ihnen den freien Blick nicht trüben, und gewiß, wir sprechen es mit Zuversicht ans, sie werden das was Noth thut, heraus finden, und auch in den Mitteln sich nicht vergreifen. I

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