Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1847
- Issue
- 6 (5.2.1847)
- Date
- 1847-02-05
- Page
- Spalte 93-94 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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83 Studien. Bon der Darstellung der Mefstaöidee. stets den Abfall im Iudcnthum bezeichneteir und von jeher den Streit zwis.len Kirche und'Staat im Christenthum erzeugten,: Die die religiösen Wirren heute noch verursachen und unterhalten. Zur Rechtfertigung der Schrift vor dem christlichen Messianismus werden alle individuellen, politischnationalen und kirchlichreligiösen Beziehungen typisch oder attetzorisch gedeutet, die ihre vollendete Erfüllung ein für alle Mal in dem Stifter des Christenthums erhalten haben. So die Opfer, die ihrer alttestamentarischen Bedeutung ganz crUgegen und trotz der Hinweisung auf ihre Wiederherstellung in vielen mefsianischen Stellen als eine typische Borzeichnung des versöhnenden Opfertodes Christi aufgefaßt werden, der ’ jegliche Wiederholung des Opfers Seitens des sündhaften Menschen uiuwthig macht. So das Königthum, welches blos geistig aufgcfaßt wird, und das Priesterthum, welches wegen der religiösen Beziehung und des. Zusammenhangs mit der Herstellung der Opfer wohl in Verbindung mit der Messiasjdu, aber keinesweges mit der Person .des Messias steht und darum nur willkürlich mit dem Königthum und der Person Christi vereinigt gedacht ist. Und ebenso, wird, auch die Idee von der Erlösung und Wiederherstellung Israels in seiner volksthümlichen Nationalität allegorisch als eine Befreiung aus den Banden der Sünde, welche den Geist des, Menschen gefesselt halten, und somit auf eine geistige Wiedergeburt gedeutet. Wir erkennen, daß dies um des Prinzips' willen falsch ist, welches die nationale Grundlage als nochwendiges Substrat nicht fahren lassen und, wie um des Geistes willen nicht vom Leibe, so um der Kirche willen nicht vom Staate und allen irdischen, weltlichen und materiellen Verhältnissen abstrahiren kann. Es ist aber auch, darum falsch, weil, wenn auch die Messiasidee in der Wahrheit des Judenthums an sich wurzelt und damit gegeben ist, die mefsianischen Prophezei-, Hungen doch vom äußeren, historischen Ereignissen Veranlassung erhalten haben. Die verheißene Erlösung ist freilich auch eine geistige und hat universelle Beziehung auf alle Völker der Erde, aber diese geistige und kirchliche Erlösung steht im engmu Zusammenhänge mit der politischen und weltlichen und wird diese bewirken, wie der politisch-nationale Verfall, die politisch-weltliche Knechtschaft durch den geistig-religiösen ^enall, die Vernachlässigung der Religion und Tugend, verursacht und herbeigeführt ist. Wenn daher in den erklärten Prophezeihlliagen (10, .27) die messianische Verkündigung damit eingelciur wird, daß die fremde Last von Israels Schulter, das Joch von seinem Halse weichen wird, so ist das ebcn eigentlich als eine Befreiung Israels von dem politistbm Joch und der Last der Feinde (Äffyrer, V. 24) zu versrü'rn. 'Ebenso, ist die universelle Beziehung der Messiasidee alle Völker der Erde eben nur der konkrete Ausdruck der allgemein-idealen Seite derselben, die aber keinesweges das andere politisch-nationale Moment und die besondere, individuelle Beziehung der Messiasidee auf Israel als die nächste uusschließt, sondern sie vielmehr fordert. Denn es ist eben 91 dem Iudenthum mnd spcciell der Messiasidee die heutige Erfindung eines modernen Humanismus, welcher alle Sonderheiten in das Allgemeine auflöst und jenen um dieses willen gar kein Recht der Existenz zukommen läßt, fremd. Es ist solches auch wiederum eine Idee^' hervorgegangeu aus dem Spiritualismus des Christenthums und seiner Abftrahirung von allen Verhältnissen der/Wirklichkeit, welche nieder Realität hat, noch je gewinnen kann. Es existirt das Allgemeine nur im Besonderen und kommt außer ihm gar nicht vor. Nur falsch ist es, wenn jenes vor diesem nicht zur Verwirklichung kommen kann, vielmehr das Besondere sich vor dem Allgemeinen qI$ ein solches stets behauptet. Dies ist der Grund, warum das nationale und politisch-weltliche Element vor dem allgemein-geistigen und idealen selbst in der Mefsiasidee überall seine Geltung behauptet und als das Individuelle und Besondere zur Erschkinung kommen soll, welches als ein volksthümliches eben so gut sein Recht hat, wie das Individuell-Persönliche. Daß dies in engerer Beziehung auf Israel nicht den Schein eines aasschließenden Partckularismus, sondern lediglich, wie gesagt, die Tendenz hat, das Individuell -Nationale zur Erscheinung kommen zu lassen, beweist deutlich, das 23. Kap. des Jesajas in der Prophezeiung über Tyrus. Wir wählen diese wegen der vielfachen Aehnlichkeit dieser Prophezeihung mit denen über,Israel, und weil auch hier die. nationale Verschiedenheit und Eigenthümlichkeir atö besonders charakteristisch hervortritt. Tyrus wird wegen ihres Götzendienstes und der in Folge ihres R-elchthums und ihrer Ueppigkeit darin aufgehäuften Laster und Sünden von Gotc Untergang und Verlust ihrer nationaler! SelbstständigkerL angedroht. Es wird wie Jerusalem von Asstw bekriegt und seinem großen Reiche einverleibt werden, und' seine Einwohner werden wie Israel 70 Jahre in der Gefangenschaft sein. Aber durch Sittlichkeit und Frömmigkeit (v er gl. V. 14) wird es erlöst werden, seine Schiffe und Reichthiimer werden zu chm zurückkehren, und Segen und Wohlstand wird es ferner beglücken. Wir sehen also, die Wiederherstellung der Nationalität ist keinesweges gleichgiltig, sondern soll, wie bei Israel, auch bei .den übrigen Völkern-, wo sie eine charakteristische Eigenthümlichkeit ausmacht, erhalten werden. Unb in der That, die Bewahrung des wahrhaft Individuellen und Eigenthümlichen gehört, wie bei jedem Einzelnen, auch bei einem ganzen Volke zum vollständigen Glücke desselben» Für Israel kommt nun noch dazu, daß die Bewahrung seiner Nationalität wegen ihres Zusammenhangs mit den Lehren und Ideen des IudenthumS auch eine religiöse Bedeutung und Nothwendigkeit hat. Von diesem Gesichtspunkte ist es auch eher begreiflich, warum Israeli Erhebung mit dem Untergang der übrigen. Völker zusaminengestellt und gleichsam davon abhängig gedacht ist, scheinbar dem mefsianischen lAiiversalismus m der Darstellung einer politischen und religiösen Gleichstellung und Gleichachtung aller Völker entgegen und mehr im Sinne eines nationalen Partikularismus.