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Der Orient · 1846-12-17 · Heft 51 (17.12.1846) · p. Seite 399

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 51 (17.12.1846)
Date
1846-12-17
Page
Seite 399 (sequence 5)
Language
German
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399 ist in dieser Sache durchaus Nichts zu berichten. Eine zweite Generalvecsannnlung hat bis jetzt noch nicht stattgesunden, weil, wie es scheint, die n'öthigen Kerporaiionsrechte von Seiten des Königs noch nicht eingegangen. Der Verwaltungsrath ist nicht mtthätig, am wenigsten. der, an der Spitze desselben stehende Herr OR. Sal. Eg er, von dem, wie bekannt, das Projekt ansgegangen. Soll aber dieses'gelingen, so ist vor Allem eine lebhafte Theilnahme von Seiten der Patrizier.unserer Gemeinden zn wünschen; sonst, fürchten wir, wurde das Projekt noch lange — und wer weiß, ob nicht für immer? — nur Projekt bleiben *). — Bor einiger Zeit ließ unser Hr. OR. die Notabi- Litäten unserer Gemeinde zu sich rufen, und nachdem er ihnen mit kurzen Worten die drückende Lage der armem Volksklassen hiesiger Judenschaft geschildert hatte, forderte er sie auf, 31t berathcn, wie dieses Elend wenigstens für der: bevorstehenden Winter einigermaßen zu mildern sei. Mall kam überein, eine Kollekte zu veranstalten, nnd deren Ertrag auf die zweckmäßigste Weise zu verwenden. Der greise Oberrabbiner selbst (begleitet von dem, dllrch seine Spendabilität rühmlichst bekannten Hm. L. H. Jakoby) unterzog sich der Mühe, in der ganzen Stadt umherzllfahren und die Reichen und Beulittelten zur Mildthätigkeit gegen ihre darbenden Mitbrüder aufzufordem; dasselbe thateu die Herren B. Witkowski und S. Jaffe, und es ist den Bemühungen der genannten vier Biedermämler gelungen, eine Summe von c. 25(30 Thal er zusammenzubringen. Alle diejenigen, welche beigesteuert haben, sind zu einer Generalversa:n:lrlung eingeladen, in welcher über die zweckdienlichste^) Verwendung des Geldes berathell und ein Verwaltungskomite gewählt werden soll. — Zwar bei der hier herrschenden Armuth will uns eine Vertheilung von 2—3000 Thalern fast nur wie ein Tropfen ins Meer geworfen erscheinen; doch besser Etwas, als gar Nichts. Und überdies sollen, wie man hört, bei der Vertheilung nur verschämte Arme bedacht werde::; dann wäre ja doch einer ziemlichen Allzahl israel. Familien welligsteus für dm Augenblick aus der Noth geholfen. Was die religiösen Verhältnisse unserer Gemeinde betrifft, so fillden Sie, geehrtester Herr Redakteur, wie heutzutage an vielen Orten, auch hier die schroffsten Gegellsätze ausgeprägt. Doch diese Gegensätze stehen bei uns nicht, wie anderswo, einander feindlich gegenüber, suchen hier nicht wie anderswo, einallder zn überstürzen, liegen nicht', wie anderswo, einander stets in dm Haaren, nein, in den Armen, Herz au Herz, Mund auf Mund gedrückt, als wären sie die besten Fremlde von 13 Vergl. unsere Berichte aus Nr. 30 und Nr. 39 dieser Blätter. 2) Ob z. B. das baare Geld, oder dafür auzukaufende Lebensmittel, Holz re. vertheilt werden solle rc. der Welt. Der Satz: ,,D:e Extreme berühren sich wld die Pete siiegell gegen einander" finden Sie hier im allerbuchstäblichsten Sinne des Worts realisirt. — Dicht neben der stabilsten Orthodoxie sehen Sie die freisinnigste Neotogie einherschreiten, Arm in Arm gehen der starrste Formglauben und der schonungslos Alles destmirende Modernismus, und au einer Tafel sitzen der Ziouswächter und der Israelit des 19. Jahrh., cinanbcr sremldlich nach ihrem Bestrrden fragend, sich vertraut von ihren (imlern und äußern) Verhältnissen unterhalteild. Der Jndifferentismus hat seinen höchsten Gipfel erreicht^), und alle gegen dieses Ungeheuer vorgenommeueu und lloch vorzullehmendeu Manövers, sie sind vergebens , sie werden vergebens bleiben. Mag es von allen Seiten her Sendschreiben regnen, mag jeder Tag neue Ailftufc bringen, mag mit jedem Monat eine neue Zeitschrift ins Leber: treten, mag in jeglichem Dorfe, wo Jude!: wohnen, eine Rabbinerversammlung stattfinden, hier in der großen und berühmten Judenstadt, wird es noch tauge nicht anders werden; hier in der großen und beri'lhmten Jndenstadt, wird es noch lange beim Alten bleiben; hier in der großen und berühmten Judenstadt wird von einem Fortschritt, d. h. von einem ernstlichen Fortschritt, noch lange nicht die Rede sein können noch sehr lange nicht. Nicht so in den übrigen Gemeinden unsers Großherzogthums. Da sieht es ganz anders aus. Blicken wir z.B. nach Gnesen^), nach Krotoschin^), nach Schwerin a. d. W. re.* * * 4 5 6), da bieten sich unserm Auge ganz andere Erscheinungen dar. Doch haben diese Blätter sowohl als auch die andern jud. Blätter über die genannten Gemeinden ausführlich genug berichtet, als 3> Herr X. an unserer Stelle würde hier Gelegenheit nehmen, auf Jesajas 11, 6 anzuspielen. Wir (wollen aber durchaus nicht witzig erscheinen. 4) Die mit einem Kostenauswande von c. 20,000 Thaler erbaute Synagoge ist am 8. Oktbr. eingeweiht, und eine von dem dortigen Vorstande entworfene und von einigen Rabbinern unserer Provinz gutgeheißene Kultusreform bald darauf eingeführt worden. Zwar macht sich in Gnsen eine Antikultusreformpartei geltend; doch hoffen wir, daß dieselbe eben so leicht, wie im vorigen Sommer hier die Antim'chtschirhajichudsagenpartei, oder wie Anno 45 in Liffa die Antinichtschulklopfenpartei, zum Schweigen gebracht werden würde. — Es mag in unfern Gemeinden eine noch so unbedeutende Veränderung, eine noch so unschuldige Neuerung vorgenommen werden, immer wird eine Antipartei mitgeboren. — Solche Parteien — meinte neulich ein Freund sehr treffend — müßten, Falls sie sich zu Vereinen.'konstitutiren, zu ihrem Wappen einen Krebs haben, mit der Inschrift „Dawke lehepech". — In Gnesen hat Dr. Gebhard aus Wreschen alle Hoffnung, als Rabb. und Pr. engagirt zu werden. Das wäre doch einmal eine gescheidte Wahl in unserer Provinz! — 5) Siehe weiter unten. 63 Dr. Schwabacher aus Württmberg ist als RaLb» und Pr. engagirt. Zu welcher Farbe dieser Mann gehört, ist hier nicht bekannt. 51 *

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