Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1846)
- Date
- 1846-11-19
- Page
- Seite 368 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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368 bringen. In unserer Zeit müssen ganz andere Mittel in Anwendung gebracht werden; denn zu den gewöhnlichen physiologischen und psychologischen Ursachen des Selbstmordes können setzt noch folgende Umstände gezählt werden: 1) Die Entkräftung des Körpers, wodurch Feigheit und Genußsucht, 2) die Vermehrung der Lebensbedürfnisse, wodurch Ueberdruß an dem mühevollen Leben, und 3) die Abnahme des warmen Glaubens, wodurch die trostlose Leere des Gemüthes entsteht. Dazu kommt 4) die poetische Auffassung der Lebensverhältnisse, auf welche die deutschen Klassiker hingewirkt haben, indem z. B. von Gothe der sentimentale Selbstmord eingesührt, und von Schiller der ideale Selbstmord so oft auf die Bühne gebracht wurde. Jetzt werden alle Arten der schauderreregenden Gräuel aus der französischen Romantik in die deutsche Poesie verpflanzt. Daß durch die Schulen ebenso wenig, wie durch Abschreckungsmittel dem Selbstmorde vorgebeugt wird, (ehrt die Erfahrung; im Gegentheile zeigt es sich, daß z. B. in denjenigen österreichischen Provinzen, in welchen der Volksunterricht am meisten ausgebreitet ist, die meisten Selbstmorde Vorfällen , daß dagegen in den Provinzen, in welchen der Schulbesuch schwach und der Volksunterricht noch wenig fortgeschritten ist, wenig Selbstmorde, aber viele Morde und Todtschläge Vorkommen (Rau, Magazin für Pädagogik, 2. Heft). Möchten daher, statt des Todtenbannes, zweckdienliche und zeitgemäße Mittel ausgesucht, geprüpst und angewandt werden! Hechingen, den 28. Oktober 1846. Dr. S. Mayer, Rabbiner." — In Eßlingen wurde am Samstag der: 24. Oktober d. I. die goldne Hochzeit des resignirten jüdischen Kirchenvorstehers Isaak Levi festlich von 14 Kindern und 34 Enkeln gefeiert. Kirchenrath Maier hat in seiner Predigt besonders auf dieses freundliche Famitienfcft, Rücksicht genommen, dieselbe wird im Druck erscheinen. - Im neuesten Hefte der Volksschule, pädagogische Zeitschrift des würtembergischen VolkSschullehrerveins, werden die jüdischen Schulzustände einer starken Kritik unterworfen. Wir werden später auf diesen Aufsatz zurückkommen und ihn wüdigen. — In kurzer Zeit sind in Würtemberg drei Abgeordnete der zweiten Kammer gestorben. Alle drei waren Freunde der bürgerlichen Gleichstellung der Juden. Der Exprofefsor v. Mohl ist für den verstorbenen Professor Schmid in die Kammer gewählt. In feinem Staatsrechte hat er stets das Gesetz günstig für die Juden interpretirt» Möge er auch als Volksabgeordneter ig die Fußstapfen seines seligen Vorgängers treten und unser gutes Recht vcrtheidigen. - Im Ulmer Münster sind merkwürdige jüdische Grabsteine entdeckt worden, sie werden nächstens näher in diesen Spalten beschrieben werden. Frankfurt a. M., 8. Novbr. Heute 9^ Uhr Morgens sahen wir eine Anzahl von mindestens 3000 theils hiesiger, theilö aus den Nachbarorten deswegen hierhergekommener Juden, die Leiche des vor einigen Tagen in hohem Greisenalter verstorbeneil Oberrabbinerö Salomon Trier zu Grabe geleiten. Jedes Alter, jeder Stand d. h. bei der: meist handeltreibenden Juden, jede Vermögcnöklasse, so wie religiöse Meinltngsnüance waren dabei zahlreich vertreten; Alle erschienen in Anerkellnung der Ehrenhaftigkeit, Festigkeit und Verträglichkeit, welche den Charakter des Gestorbenen schmückten. Suchten ihm Anmaßung und leere Neuerungssucht die letzten Jahre seines langen Lebens zu verbittern, so wich er den an ihm versuchten Neckereien durch Niederlegung seines Amtes aus. Obgleich der streng orthodoxen Richtung angehörend, ließ er doch jede andere Meinung neben der seinigen ungestört aufkommen und walten, und wenn irgend wahre Aufklärung u. echte Humanität in der hiesigen Judenschaft besteht, so hat sie während seines langjährigen Rabbinats Wurzel gefast und Kräfte gelvonneil. Der Verblichene hatte sich in seiner letzten Willensäußerung jede .besondere Begräbnißfeierlichkeit verbeten, und so wurde keine Rede an seinem Grabe gehalten; die Menschenmenge, die dasselbe in tiefer Rührung, umgab, war darum seiner Tugenden nicht weniger eingedenk, wohl that eö ihr aber wohl, daß sie von einer jener bezahlten übertriebenen Lobreden verschont blieb, wie man sie ans dem hiesigen jüdischen Friedhofe seit einigen Jahren nur zu oft hat Heren müssen. (Hanauer Zeit.) Oesterreich. Prag, im Nvbr. (Schluß.) ,,Doch nicht ohne ein gewisses Gefühl der Bangigkeit trete ich an dieLösuug der mir gestellten Aufgabe; nicht nur die Größe derselben, bei deren. Lösung ich vielleicht ein allzu großes Vertrauen in meine Kraft gesetzt, sondern eine andere Furcht ist es, die mich ängstigt, es ist die Furcht, ob es. mir auch gelingen wird, jene Theilnahme meinem Gegenstände zuzuwenden, die die Grundbedingung der Leistung eines öffentlichen Lehrers ist, und ohne welche nimmermehr ein erfreuliches Resultat erzielt werden kann. Unsere Zeit ist eine mehr materielle, sie huldigt den Zwecken praktischer Nützlichkeit, die oft nicht früh genug tu den Kopf gesetzt werden, und durch welche in ihr nur zu bald, die Idealität und Frühlingssrische des Lebens gestört wird, noch ehe. man ihr Zeit gegönnt hat, die Knospen des geistigen Lebens znr Blüthe zu führen. Kann und darf ich bei einer solchen Ansicht auf Theilnahme für meinen Gegenstand hoffen? Dal Galenits opes, Justilianus honores, so lautet der alte Spruch, mit dem man die Jünger der Wissenschaft fürihrBrodstudium zu ködern suchte; das Studium der hebräischen Literatur aber eröffnet keine dieser Aussichten, da sind keine Ehrettstetten, kein Reichthum zu erzielen. Dazu kommt noch das seit Jahrtausenden fortgrerbte Vorurtheil gegen Juden, das auch-allseitig auf die Wissenschaft