Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 15 (5.11.1846)
- Date
- 1846-11-05
- Page
- Spalte 715-716 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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715 Kritiken. Philo's Buch hegt. Er ist nicht blos wie Cicero und Seneca und diese \ ganze Zeit von den Stoikern vielfach berührt worden, nicht nur ist sein- Platonismus sprichwörtlich geworden, nicht nur entnimmt er dem Aristoteles, der in Alexandrien vor anderen viele Anhänger hatte, vielerlei Kenntnisse und, wie sein Vorgänger Aristobulus, manche Ausdrücke und Wendungen der Sprache, — sondern wir haben auch bei ihm die deutlichsten Anfänge zu suchen von philosophischen Richtungen, die gewöhnlich in eine noch spätere Zeit gesetzt werden. Er ist bereits so gut als einer Neuplatoniker, Neupythagoräer, und die Richtung auf die orientalische (nicht jüdische) Weisheit, die bei jenen sowie bei Plutacch u. a. m. als ein neues Element auffällt, zeigt sich bei ihm schon vielfach. Denn es sind seine Schriften durchdrungen von platonischer Jdeenlehre und von platonischem Mysticismus; pythagoreisch ist seine Zahlen- und Musiklehre, von denen er so oft Anwendung macht, um mit deren Hilfe allgemeine kosmische Verhältnisse und Gesetze nachzuweisen, und die Sicherheit der Zahlenverhältniffe auch auf die übrigen'Gebiete menschlichen Wissens überzutragen; orientalisch sind manche einzelne Dogmen, die weder aus dem alten Hellenenthum noch dem' Hebräismus abzuleiten sind, und die nicht blos auf das Judenthum, sondern auch auf das Hellenenthum damals einwirkten, wie im Allgemeinen auch Ritter gezeigt hat, und in Beziehung auf Philo Großrnann nachwies. Solche Elemente müssen oft bis nach China hinein verfolgt werden. — Aus allem diesen geht hervar, wie wichtig die Kenntniß Philo's ist für das Studium der spätem hellenischen Philosophie. Philo ist aber ein Jude, nicht blos ein Repräsentant und Vorläufer eines hellenischen UnftersaLismus, sondern auch des universeller sich gestaltenden Judenthums. Mit diesem letzteren schlug die Geschichte in dieser Hinsicht einen ähnlichen Weg ein, wie mit den Griechen. Während beim alten Hebräismus das monotheistische Prjncip nach den Gesetzen der antiken Welt innerhalb der Schranken eines Volkes, aber innig mit dieser Nationalität verkettet, sich entwickelt und Form gewonnen hatte, so weit dazu überhaupt die nationale, antike Entwicklung berufen sein konnte, während jetzt Hebraismus, Kanon und Prophetie abgeschlossen war, war im Judenthume der Geist ans Israel gewichen , und die neue Zeit hatte sich an den Kanon der alten zu halten. Aber auch hier gewinnt die neue Zeit ihre wissenschaftliche Bedeutung durch ihr Heraustreten aus den Schranken des Volksthums und die Berührung mit andern Volksthümlichkeiten. Das Judenthum kommt jetzt mit Volksthümlichkeiten in Berührung, die seinem eigenen Principe nicht mehr so schnurstracks entgegenstehen, wie die früyern Völkerschaften Vorder-Asiens, sondern die, wenn auch von ihm verschieden, doch und zwar gerade darum, sein wissenschaftliches Bewußtsein fördern können. Im Osten ist dies der Parsismus, im Westen die hellenische Philosophie. Nicht nur aber werden die fremden Elemente, sobald sie als dem eigenen Principe nicht widerstreitend erfunden werden, zur Erweiterung des Bewußtseins im von der Weltschöpfung. 716 Wissen und Glauben herbeigezogen , sondern das Judenthum selber sucht sich dem Fremden verständlich zu machen, wird apologetisch, und nimmt mit Einem Wort einen universellen Charakter an. Dies geschah in vorzüglichem Grade durch feine Berührung mit den Griechen, darum, weil eben nur da eine Wissenschaft im eigentlichen Sinne des Wortes ins Leben getreten war. Man sieht leicht, daß nur bei einer solchen Lage der Dinge eine Wissenschaft des Monotheismus, eine Theologie entstehen konnte. Im Hebräismus war das monotheistische Prinzip im Leben schaffend und praktisch wirksam gewesen in einem lebendigen Verhältnis; mit dem Einen Gott, und das Bewußtsein von demselben wurde in volksthümlichen! Vorstellungen fesigehalten. Als das Judenthum bei befreun-! deter Berührung mit dem Fremden und namentlich mit der! griechischen Philosophie in die Gegensätze einging, ohne deswegen den Kanon des eigenen Prinzips aufzugeben, da erst \ konnte ein allgemeineres, menschliches, wissenschaftliches Bei wußtsein seinem Bedürfnisse nach gefühlterstrebt und angefangen werden entwickelt zu werden. In Alexandrien! mußte sich eine jüdische Theologie gestatten, Philo ist der erste Theologe im modernen Sinne des Wortes. Denn er . ij hat den Weg bereits betreten und vielfältig versucht, den i die späteren gelehrten oder wissenschaftlichen Theologen einl geschlagen haben, mit Zuziehung der hellenischen Wissenschaft f oder Philosophie den biblischen Glauben zu allgemeiner Form f und wissenschaftlichem Bewußtsein zu bringen.! Bevor noch das Chriftenlhum in die Welt trat, fand der 1 antike biblische Glaube einen wissenschaftlichen Theologen. Wir f leugnen nicht, daß Philo öfters in diesem seinen theologif 'chen Streben, selbst in wesentlichen Dingen, unglücklich war. | Aber er theilt darin nur das Schicksal vieler älterer und l neuerer Theologen. Dabei darf bei der oft allzueinseitig berl vorgehobenen negativen Seite, die positive Bedeutung nicht vergessen werden Philo besitzt eine innere Anschauung des jj Wesens der biblischen religiösen Wahrheit, die aus dem wah- E rcn monotheistischen Glauben, der durch keine auch noch so I starke fremde Elemente verdrängt werden konnte, hervorging, I und sein ganzes Verfahren bewegt sich auf dieser Grundlage, | nicht auf der einer abstrakten Aufklärung. Der Allegorie bek dient er sich nach Gebrauch der Zeit, aber der eigentliche '§ Beweggrund ist nicht, wie man meint, die biblische Lehre mit j der neuen Aufklärung zu versöhnen, sondern sein allegorisches | Verfahren ist ein großer Zusammenhang, der überall die sittj lich religiösen Elemente der Offenbarungsgeschichte nachzu- I weisen sucht. Künstelt er da oft, ft geschieht das nicht ohne jj Nachfolger, die nichts weniger als falscher Aufklärung verdächtig sein wollen. Und wie wenig war doch damals die historische Interpretation kultivirt! Die Anwendung der. allegorischen Erklärungsart auf religiöse Bücher ist aber ursprünglich und namentlich bei Philo offenbar aus dem richtigen Bewußtsein hervorgegangen, daß religiöses Gefühl.und ß Wahrheit auf geschichtliche und bildliche Weise sich zu verf