Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 15 (5.11.1846)
- Date
- 1846-11-05
- Page
- Spalte 717-718 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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717 Kritiken. Philo's Buä) körpern sucht, welche Verkörperung also wieder aufzulösen ist. Die. Hauplsachr der philonischen Allegorie besteht nun nicht etwa darin, daß er der Aufklärung anstößige Lehren auf solche Weise-hätte entfernen wollen, sondern daß er die ganze Patriarchengeschichte, die Persönlichkeiten derselben, als Seelenzustände faßt, in keinem andern Interesse, als im praktisch sittlichen und religiösen, ganz ähnlich wie bei Predigten solches zu geschehen pflegt. Man hat sich daran gewöhnt, die jüdische Allegorie aus dem Bestreben zw erklären, die Theophanien als der Gottheit unwürdig wegzuschaffen, welche nach griechisch-philosophischen Begriffen nicht sichtbar sei. Philo hat durch allegorische Fassung der Theophanien das Faktische derselben so wmig zu entfernen gesucht, als durch allegorische Fassung der Patriarchen das Faktische ihrer Persönlichkeit. Auch war es nicht die Unsichtbarkeit Gottes, welche, stieß, denn auch die göttlichen Kräfte und Engel, welche in'den Theophcmien gesehen wurden, mußten ja geistig gedacht werden, und zum Bewußtsein des geistigen Wesens Gottes hatte der Hebrciismus nicht erst die hellenische Philosophienöthig. Aber' so wie schon das A. Lest, wußte, daß Gott seinem eigentlichen Wesen nach unerkennbar sei, und daher seine Erscheinung gern durch Engel vermittelte, so läßt Plato Gott nicht mit der Materie in unmittelbare Berührung treten, und so auch Philo nicht, sondern blos seineKräfte. Und ist es denn etwas anders, was Gott uns offenbart, als seine Eigenschaften? In solchen Einzelnheiten künstelt er allerdings hie und da an dem einfachen Wortlaute der Schrift, sucht etwa etwas Unphilosophisches durch die Allegorie wegzuschaffen, welche ihm auch dazu bequem zu statten kommt. Aber wie gesagt, der Beweggrund war nicht der Nationalismus. Nach seiner innigsten Ueberzeugung stand dem Philo der Kern der alten Philosophie im Einklang mit der Schrift, und wenn er auch bisweilen einen Einklang sieht, wo er nicht ist, ist dieser doch nicht Grund zu seinem gesummten allegorischen Verfahren. Mit Zuzuhung besonders von Platonismus, Stoicismus und Pythagoräismus bestrebt sich Philo nachzuweisen, daß das ganze mosaische Gesetz und schon von demselben die Schöpfung und das Leben der Erzväter naturgemäß seien, indem in letzterm die der Natur angemessenen, dem Gesetz entsprechenden Seelcnzustände därgestellt seien, ~ und daß, wie Natur und -Wissenschaft überhaupt zu Gort hinleite, so die Philosophie zum Verständniß der Offenbarung. Dies ist das theologische Verfahren Philo's, das sich durch dm größten Theil seiner Schriften an diesem Faden fortzieht. Diese doppelte Bedeutsamkeit Philon's ist wohl eine hinlänglich dringende Mahnung, die jüdischen Philosophen von Alexandrien in den Kreis-der jüdischen Literatur-Bewegung einzuführen. Es ist eine alte Schuld, eine fast neunzehnhundcrtjährige, welche wir gut zu machen haben, denn er, dessen Theorien und Philofopheme in den uralten Werken der wahren Kabbala, in den dunkeln Midraschim nachklingen, dessen Ansichten die spätere Religionsphilosophie des Mittelalters, ausgenommen, meinend, daß sie auf dem Boden d,ex Tradition von der Weltschöpfung. 718 in Talmud und Midrasch wurzeln, während sie erst aus Alexandrien nach Palästina und von da nach dev babylonischen Akademien gewandert, ist von der jüdischen Literatur fast ganz vergessen worden. Nach dieser allgemeinen Einleitung kommen wir zu seiner S ch r ist über d i e W e l t s ch ö p f u n g (rvßttTD die hier, wenn auch ohne eine Uebersetzung aus dem Griechischen, in einer guten Ausgabe des Textes, versehen mit einem philologischen Kommentar, durch die Güte des Herrn Professor Müller uns vorliegr. Wir versuchen hier nach der M'schen Ausgabe vorerst den Inhalt dieser Schrift, welche nach der von Nicht er eingeführten Paragraphen - Abtheilung aus 61 Paragraphen (die ich besser Kapitel zu nennen für gut finde) besteht, dem Leser vorzuführen, da der Einblick in den reichen und mannigfachen Inhalt vorzüglich geeignet scheint, viele strebsame Jünglinge zur Weiterforschung über diesen Gegenstand anzuregen. Zu bemerken ist jedoch vorher, daß diese bedeutsame philonsche Schrift über rWNiS welche an der Spitze seiner sämtlichen Schriften steht, in der Form eines philosophischen Midrasch (taryiD) über die ersten drei Kapitel der Genesis angelegt ist, jedoch mit dem vollständigen und klaren Bewußtsein, daß die 61 Kapitel ein Ganzes bilden. In diesem Bewußtsein bilden daher die ersten zwei Kapitel die Einleitung und das Letzte die Rekapitulation des Ganzen in seinen Hauptmomenlen. Bei diesem Bewußtsein theilt jedoch Philon diese ganze Schrift in zwei Theile, deren erster IJegl tov et-ctrjixegov, das Hexaemeron, das Seckstagewerk heißt und bis Kapitel 45, der den Epilog zu diesem Theile bildet, reicht, und deren zweiter liegt rfjg HOQiionouag, die Weltschöpfung, heißt und von Kapitel 46 bis zu 61 reicht. Diese zwei Theile, die insofern die ersten zwei Kapitel als Einleitung und das letzte als Rekapitulation eine Einheit bilden, sind Ln Bezug auf den Bibeltext so vertheilt , daß das Hexaemeron Gen. 1, 1 bis 2, 1—6 behandelt, während der zweite den Schluß des zweiten und das ganze dritte Kapitel zur Grundlage hat. Ueber den charakteristischen Unterschied zwischen diesen beiden Theilen spricht sich Philon (J^egg. alleg. II. p. 1089) selber klar aus. In dem Hexaemeron nämlich ist die Darstellung der Jdcolschöpfung der vorzügliche Gegenstand, im zweiten Theile hingegen ist es die Schöpfung der slötj? der sichtbaren Unterabtheilungen und körperlichen Einzelwesen, und wenn Philon im Verlaufe seiner Abhandlung diese Scheidung nicht immer festhält, so ist das bei seiner Behandlungsart zu entschuldigen. Ueber die eigentliche Aufschrift des zweiten Theiles blieb, ihrer Allgemeinheit wegen, auch zugleich die Aufschrift des Ganzen. Nun der Inhalt: Kap. 1. (Einleitung). Die Schöpfungsgeschichte wird vom jüdischen Gesetzgeber deshalb den Gesetzen vorangeschickt, damit man einsehe, wie Welt und Gesetz irh§reinstimmen, wie die positiven Gesetze naturgemäß und wie nur durch diese Zusammenstimmung das Gesetz zum wissenschaftlichen Bewußtsein gebracht werden kann. Durch diese Motlrirung des Ge-