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Der Orient · 1846-11-05 · 15 (5.11.1846) · p. Spalte 713-714

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
15 (5.11.1846)
Date
1846-11-05
Page
Spalte 713-714 (sequence 5)
Language
German
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713 Kritiken. Wilo's Buch von der Weltschöpfung. 714 Jahrhuderten griechische Weisheit von Juden gepflegt, die an dem Glauben ihree Väter festhielten. Unter diesen seinen Landsleuten mußte Philo schon seiner äußern persönlichen Verhältnisse halber in Ansehen stehen, er, der von Hause aus wohlhabend, aus priefterlichem Geschlechte stammend, von Jugend an Muse und Gelegenheit hatte zum Umgang mit gelehrten Männern ttnd Schriften. Als einer der angesehensten Männer der atexairdrinischen Juden wurde er von seinem Volke noch in feinem alten Tagen an der Spitze einer jüdischen Gesandtschaft gen Rom gesendet, dort bei Caligula über die Bedrückungen des römischen Statthalters Flaccus und des alexandrinischen Pöbels Klage zu führen. Dieser greise Repräsentant seiner Mitbürger in politischen Dingen war nicht minder durch seine wissenschaftliche schriftstellerische Thätigkeit Repräsentant des gesummten hellenistisch-jüdischen Geistes. Eine so bedeutende Stellung einzunehmen, befähigte ihn zunächst seine Gelehrsamkeit, vermöge der er in vielen Gebieten der Wissenschaft, besonders der griechischen Philosophie^ die bedeutendsten Kenntnisse besaß, befähigte ihn sein Geist und Geschmack, worin er sich nicht blos etwa vor andern hellenischen Juden vortheilhaft auszeichnet, sondern als einer der vorzüglichsten Alexandriner überhaupt angesehen werden muß. Seine Sprache, obschon bekannt mit dem Schulgebrauch der verschiedenen Systeme, ist doch nicht nach der damaligen Art gesucht oder geschraubt und überfüllt. Eine fließende, glatte Prosa verbreitet sich mit Ruhe und Behagen über die Gegenstände, und erhebt sich bei zahlreichen platonisch-mystischen Stellen in eine wärmere, aber nicht unklare Sphäre. Es ist aber diese Persönlichkeit nach einer doppelten Seite hin Repräsentant des Zeitgeistes, einmal, und das in einem richt mindern Grrde, für die damalige griechische Philosophie und dann für die jüdische Theologie. Beide Seiten durchdringen und bedingen sich gegenseitig, wie denn überhaupt sowohl das Judenthum griechische Gestalt annahm, als auch das Griechenthum in die Fülle orientalischer Elemente sich tauchend seinen antiken Volkscharakter in einen modernen Universalismus zu zersetzen begann. Man denkt gewöhnlich vorzugsweise an die eine Seite, wonach in Philo das Judenthum durch das Hellenenthum modisicirt erscheint. Begreiflich. Denn dies liegt auch dem Theologen, der doch bisher vor andern sein Augenmerk auf diesen Alexandriner richtete, am nächsten vor der Hand. Aber nicht minder zeigt sich in ihm das Helleneothum durch das Judenthum gefärbt. Allerdings ist Philo kein geborner Hellene, er gehört dem Geblüte, dem innersten Lebenshauche, der Religion nach einem andern Volke an. Allein es verhält sich kaum anders mit dem gesamnum wissenschaftlichen Griechenthume nach der Zeit der Hellenisirung des Orients, — Fremde kultivirLen großentheils dasselbe, fremde Völker sprachen die griechische Sprache, prägten ihre Eigenthümlichkeiteu derselben aus und gestalteten dieselbe um, nicht blos in ihrer Heimath, sondern soweit überhaupt die griechische Sprache gesprochen wurde. Und wie die Sprache durch den fremden Einfluß sich veränderte, so die gesummte Denkweise,,und das Hellenenthum hatte sich nicht weniger umgestaltet als das Judenthumz nicht weniger ist Philo vonWchtigkeit für den Erforscher der Geschichte der hellenischen Philosophie als der jüdischen Theologie. Der Alexandrim'smus nun bietet nicht blos eine Schat? tenseite dar, sondern hat in weltgeschichtlicher Hinsicht seine große Bedeutung. Man hat allerdings nicht Unrecht, wenn man denselben im Gegensatz zu der volksthümlichen Entwikkelung des alten, freien Hellas als eine Zeit des Verfalls ansieht. Es ist nicht, mehr der im gesunden Zusammenhänge mit dem Volksleben schaffende Geist, der überall die Keime des griechischen Geistes schöpferisch entfaltete, überall die klassische Form dieser Entfaltung aufprägte. An seine Stelle war getreten ein vom hellenischen Boden und Blut getrenntes Gelehrtenleben, das seinen Saft hauptsächlich aas den alten Bücherrollen saugend alle die Eigenthümlichkeiten gelehrter Bestrebungen hervorbrachte. Und doch ist diese Zeit und dieser Ort groß' undbedeutungsvoll. Für mehr denn anderthalb Jahrtausende hatte Alexander den Orient der griechischen Sprache erobert, und für diesen universalen Hellenismus war nicht sowohl Hellas in dieser Zeit, als einige wenige Städte und unter diesen oben an Alexandrien, der Stapelplatz. Aus der antiken Völkerentwickelung und ihrem Absterben sollte sich eine zusammenhängende Weltgeschichte, ein moderner Universalismus erheben. Zu dieser Umgestaltung bereiteten sich alle äußeren Bedingungen vor, ehe der eigentliche neue Lebenskcim eintrat. Die Völker wurden schon vorher politisch verbunden, und innerlich wurde Alles und Neues, Griechisches und Orientalisches erhascht, gemengt, und einer neuen Gestaltung entgegengeführt. Wie die griechische spätere Wissenschaft damals im Abendlande einen Repräsentanten fand, so einen in Alexandrien, welche beibe bei aller sonstigen Verschiedenheit doch gerade in der wissenschaftlichen Bedeutung für das Ganze auffallende Vergleichungspunkte darbieten. Wie Cicero seinem Volke die Quellen der griechischen Philosophie eröffnete, so Philo dieselben dem seinigen. Aber beide sind nicht blos für ihr Volk, sondern für die allgemeine d. h. griechische Gelehrsamkeit und deren eklektische Concentracion von Bedeutung. Und Philo noch um so viel mehr, da er griechisch schrieb, unter Griechen lebte. Beide sind weniger Philosophen, auch nicht gerade Lief eingreifend in ein genaueres Verständniß der großen Philosophen, aber beide vereinigen umfassende Gelehrsamkeit und glänzendeDarstellung, beider Eklekticismus ist nicht durch praktische oberflächliche Lebensweisheit, sondern durch den Ernst ihrer moralischen Gesinnung und Religiosität geleitet und beherrscht. Bei - beiden bemerkt man eine vorherrschende Richtung auf Ausbildung ethischer Begriffe, bei beiden ein tiefer als früher gefühltes religiöses Bedürfniß mitten unter den Zweifeln gegen die positiven Religionen. Aber noch mehr hat die griechische Philosophie bei Philo als bei andern die Keime künftiger Entwickelungen in sich ge-

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